25.08.2026 | 10:21 Uhr

„Recht auf Wind im Haar“ mit Radeln ohne Alter

von Lorenz Oberdoerster

Journal
(c) WE RIDE

Gemeinsam mit Sebastian von „Radeln ohne Alter“ sind wir durch Bremen unterwegs. Die ehrenamtlichen Rikschafahrten des Ambulante Versorgungsbrücken e.V. schenken älteren Menschen wieder Teilhabe, Gespräche, Erinnerungen und ganz viel „Wind im Haar“.

Lorenz im Interview mit Sebastian Pofahl 

Hey Sebastian, mit wem sitzen wir hier eigentlich zusammen?

Ich bin Sebastian, 37 Jahre alt, lebe seit 2019 wieder in meiner Geburtsstadt Bremen und arbeite beruflich in der Nachhaltigkeitsabteilung eines Logistikunternehmens. Mit dem Fahrrad habe ich schon lange viel zu tun und seit 2024 engagiere ich mich ehrenamtlich bei „Radeln ohne Alter“. Das ist inzwischen ein wichtiger Teil meines Alltags geworden.

Wie bist du zu „Radeln ohne Alter“ gekommen? Hast du gezielt nach einem Ehrenamt gesucht oder bist du eher zufällig darüber gestolpert?

Es war tatsächlich beides. Nach der Corona-Zeit hatte ich irgendwann das Gefühl, dass ich mich gerne ehrenamtlich engagieren möchte. In Bremen gibt es eine Freiwilligenagentur, die viele verschiedene Ehrenämter bündelt – dort bin ich dann auf das Rikscha-Projekt des Ambulante Versorgungsbrücken e.V. gestoßen. „Radeln ohne Alter“ kannte ich allerdings schon aus Kopenhagen. Ich habe dort zwei Auslandssemester verbracht und das Projekt damals wahrgenommen. Dieses pragmatische Verständnis von nachhaltiger Mobilität und Fahrradkultur fand ich immer spannend. Als ich das Projekt dann 2024 hier in Bremen wiederentdeckt habe, dachte ich sofort: Das passt eigentlich perfekt. Ich habe Kontakt aufgenommen und bin direkt zu einem Pilot*innen-Stammtisch gegangen. Das war damals noch eine sehr kleine Runde mit vier oder fünf Leuten. Das Projekt selbst stand zu der Zeit noch ziemlich am Anfang, es gab nur eine Rikscha und wenige Pilot*innen. Ursprünglich wollte ich einfach nur fahren, aber mit der Zeit bin ich immer stärker in die Organisation und die Projektarbeit hineingerutscht. Das passt auch gut zu meinem beruflichen Hintergrund, weil ich gemerkt habe, dass ich dort viel Struktur und Unterstützung mit reinbringen kann.

Du hast es schon angesprochen: Das Projekt läuft über die Ambulanten Versorgungsbrücken e.V. Was steckt dahinter und was hat dich daran so begeistert?

Die Ambulanten Versorgungsbrücken e.V. sind eine Beratungs- und Unterstützungsstelle rund ums Älterwerden. Dort geht es darum, Angehörige und ältere Menschen zu begleiten, Hilfsangebote für ein möglichst selbstbestimmtes Leben aufzuzeigen und verschiedene soziale Projekte zu organisieren. Dort ist auch „Radeln ohne Alter“ angesiedelt. Dort gehören die Rikschas ganz selbstverständlich zum Stadtbild. Mir ist das damals direkt aufgefallen, weil es so eine schöne Verbindung aus Fahrradkultur, nachhaltiger Mobilität und sozialem Miteinander schafft. Genau deshalb hat mich das Projekt hier in Bremen sofort angesprochen.

Wie läuft „Radeln ohne Alter“ in Bremen aktuell ab? Wie oft fahrt ihr, wie viele Menschen sind beteiligt und wie kann man sich so eine Ausfahrt vorstellen?

Die Fahrten sind grundsätzlich sehr flexibel organisiert. Es gibt keine festen Zeiten – entscheidend ist immer, wann Fahrgäste fahren möchten und wann Pilot*innen Zeit haben. Viele unserer Ehrenamtlichen sind im Ruhestand oder Vorruhestand und dadurch zeitlich flexibler. Andere, wie ich, arbeiten Vollzeit und fahren eher abends oder am Wochenende. Mittlerweile sind auch einige Studierende dabei. Die Anfragen laufen über unser Büro. Dort werden die Fahrten koordiniert und dann innerhalb unseres Teams verteilt – je nachdem, welcher Stadtteil angefragt wird oder wer zuletzt gefahren ist. Neben individuellen Fahrten sind wir auch bei Veranstaltungen, Sommerfesten oder Jubiläen unterwegs, um das Projekt sichtbarer zu machen. Aktuell haben wir zwei Rikschas. Noch ist das Projekt in Bremen eher klein, aber genau darin liegt auch viel Potenzial. Mein Wunsch wäre langfristig, dass wir irgendwann deutlich mehr Rikschas im Stadtgebiet haben und wirklich sichtbarer werden. Wichtig ist uns dabei, dass wir möglichst offen bleiben. Wir fahren sowohl Menschen aus Pflegeeinrichtungen als auch Privatpersonen. Perspektivisch wäre es schön, die Rikschas über verschiedene Stadtteile zu verteilen, damit die Wege für Pilot*innen kürzer werden und wir flexibler auf Anfragen reagieren können.

Wir waren ja gemeinsam unterwegs – du als Pilot, vorne ein älteres Ehepaar als Passagiere. Dabei ging es schnell um viel mehr als nur ums Fahren: Orte aus dem eigenen Leben wiedersehen, draußen sein, Menschen begegnen und die eigene Stadt weiterhin erleben können. Genau das scheint ja der Kern des Projekts zu sein, oder?

Absolut, genau darum geht es. Und jede Fahrt ist anders. Das war zum Beispiel das erste Mal, dass ich ein Ehepaar begleitet habe – häufig buchen Einzelpersonen oder Angehörige Fahrten. Besonders schön fand ich, dass spontan noch der Schrebergarten mit dazu kam. Genau solche persönlichen Orte machen die Fahrten oft besonders emotional. Grundsätzlich gibt es bei uns keine festen Vorgaben. Manche Fahrten dauern nur 30 Minuten, andere anderthalb Stunden oder länger. Das hängt immer von den Passagieren ab, von ihrer Fitness und natürlich auch davon, worauf sie Lust haben. Im vergangenen Sommer habe ich zum Beispiel jemanden an seinem 90. Geburtstag begleitet. Wir sind einen ganzen Nachmittag lang durch Bremen gefahren und haben verschiedene Orte aus seinem Leben besucht. Wichtig ist uns dabei immer: Die Menschen sollen das Gefühl haben, dass diese Zeit wirklich ihnen gehört. Viele sagen anfangs ganz vorsichtig, dass wir bestimmt noch etwas Besseres zu tun hätten oder dass sie uns nicht aufhalten möchten. Dann erklären wir immer, dass genau das unser Anliegen ist – gemeinsam unterwegs zu sein und ihnen diese Zeit und diese Erlebnisse zu ermöglichen.

Toll! Ich fand das unterwegs total spannend zu beobachten. Gerade bei dem Herrn eben hat man richtig gemerkt, wie während der Fahrt plötzlich wieder ganz viele Ideen und Erinnerungen kamen: „Können wir da nochmal hin?“, „Da würde ich gerne nochmal vorbeischauen“, „Vielleicht noch einen Kaffee trinken“. Da entstand plötzlich wieder diese Lust, draußen zu sein und Dinge zu erleben. Vielen Dank!

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