18.11.2025 | 15:11 Uhr

Anne-Katrin im Interview mit Mareike Rauchhaus
Hallo Mareike, wer bist du und was machst du bei nextbike?
Ich bin Mareike Rauchhaus, Director of Communications and Public Policy bei nextbike. Ich kümmere mich mit meinem Team um die externe sowie interne Kommunikation und die Lobbyarbeit. Gegründet habe ich das Unternehmen nicht, aber ich war fast von Anfang an Teil des Teams. Seit 2009 bin ich dabei – mittlerweile also seit 16 Jahren. Ich habe die Personalnummer fünf. Heute habe ich rund 600 Kolleg*innen, gemeinsam mit Nextbike Polska sind wir sogar bei etwa 1.500 Menschen, die Bikesharing in Europa betreiben.
Wie bist du eigentlich in die Fahrradbranche gekommen?
Über #nextbike. Vorher war ich PR-Beraterin und habe unter anderem für einen Kunden ein Fahrradverleihsystem gesucht, auf dem man Werbung schalten konnte. Da habe ich zufällig einen Artikel über nextbike gelesen – und entdeckt, dass die direkt in Leipzig sitzen. Ich bin in der Mittagspause hingefahren, habe Ralf und Georg kennengelernt – und Ralf hat mich in dieser Mittagspause kurzerhand überredet, zu kündigen und bei nextbike einzusteigen. Ich fand die Idee spannend: Start-up, etwas Neues aufbauen, das fehlte mir damals im Lebenslauf. Und bis heute sage ich gern: Wir sind irgendwie immer noch ein Start-up – auch wenn wir längst eine gewisse Professionalität erreicht haben. Vielleicht sind wir das jüngste älteste Start-up der Welt.
War es dir bei nextbike wichtig, eine weibliche Perspektive einzubringen oder hattest du das anfangs gar nicht so im Blick?
Am Anfang überhaupt nicht. Da ging es vor allem darum, Städten und Menschen zu erklären, was ein Fahrradverleihsystem ist. Oft kam die Reaktion: „Ich habe doch mein eigenes Rad im Keller.“ Wir mussten erst einmal vermitteln, wie Bikesharing funktioniert. Erst durch meinen britischen Kollegen Julian – heute bei Brompton – habe ich die Geschlechterperspektive stärker wahrgenommen. Er hat mich darauf gestoßen, wie wenige Frauen Bikesharing nutzen. Das hat mich sensibilisiert: Wie viele Freundinnen fahren täglich Rad? Welche Erfahrungen mache ich mit meinen eigenen Kindern? Gerade bei meiner Tochter habe ich bewusst gegengesteuert, sie früh aufs Laufrad gesetzt und ermutigt. Aber schnell wurde mir klar: Ohne sichere Infrastruktur stößt das an Grenzen. Studien zeigen, dass Frauen Wege oder generell den öffentlichen Raum viel unsicherer wahrnehmen als Männer – vor allem mit Kindern. Das deckt sich mit meinen Erfahrungen: Als meine Kinder klein waren, habe ich beim Radfahren ständig „Pass auf!“ gerufen – das war purer Stress. In solchen Situationen ist für viele das Auto oder der ÖPNV oft die einfachere Wahl. So bin ich tiefer ins Thema Female Mobility eingestiegen, habe die Women in Mobility durch eine Kollegin bei den Kölner Verkehrsbetrieben kennengelernt und begonnen, auch die Branche selbst dahingehend zu betrachten: Wie viele oder eher wenige Frauen arbeiten hier eigentlich? Da fängt es an mit der Passgenauigkeit, wenn die weibliche Perspektive bei der Planung, der Kreation fehlt.
Du hast erzählt, dass du oft als eine von wenigen Frauen auf Kongressen auf der Bühne standest. Wie hast du das erlebt?
Es war tatsächlich oft so, dass ich auf Panels, aber auch in den nextbike-bezogenen Pitches die einzige Frau war. Auch wenn ich heute angefragt werde – dann sicher, weil ich fachlich etwas beizutragen habe, aber eben auch, weil es immer noch wenige Frauen gibt, die auf den Bühnen sichtbar sind, sondern dort oftmals die mehrheitlich männlichen CEOs sitzen. Da sollten die Organisator*innen vielleicht auch mal die zweite Reihe einladen, in der sich mehr weibliche Führungskräfte tummeln. Oder besser noch: Es sollte mehr weibliche CEOs geben. Dass ich diese Rolle übernehme, hat sich bei mir aber auch erst mit den Jahren entwickelt. Als die Kinder größer wurden, wurde es leichter. Wir haben uns als Paar zwar alles 50:50 aufgeteilt, aber es ist immer noch ein ständiges Austarieren: Wer bleibt zu Hause, wer fährt, wer kümmert sich? Meine Mutter fragt heute noch, wenn ich auf Dienstreise bin: “Und wer ist bei den Kindern?” Äh, na der Vater, wie die letzten 10 Jahre auch. Toller Mann, oder? Bei mir als Frau und Mutter ist das nicht toll, sondern selbstverständlich. Gerade in der Lebensphase mit kleinen Kindern ist es schwer, Care-Arbeit, Job und zusätzlich ehrenamtliches Engagement unter einen Hut zu bringen. Das betrifft viele Netzwerke, ob Women in Cycling oder Women in Mobility. Männer wirken da oft präsenter – nicht weil sie automatisch besser netzwerken, sondern weil ihnen häufig Frauen den Rücken freihalten. Das ist leider nach wie vor die Realität, auch wenn es in unserer Bubble manchmal anders wirkt.
"Sichtbarkeit ist nicht alles – wir wollen Gleichberechtigung auch bei der Bezahlung!"
Viele denken ja, die Fahrradbranche ist per se offener und progressiver. Ist das so?
Im ersten Moment ist alles bunter, cooler, legerer. Bei meiner ersten Velo-city-Konferenz war ich von der Diversität total geflasht: Geschlechter, Nationalitäten, Alter. Da gibt es auch eine strikte 50/50-Gender-Policy für die Panels. Auf der Eurobike hingegen sieht man sehr deutlich, wie männlich dominiert die Branche immer noch ist. Obwohl sich die Veranstalter*innen sichtlich bemühen, dies zu ändern. Ich erlebe das auch im Alltag: Wenn ich in einen Fahrradladen gehe, sind es oft die „super coolen Typen“, die hinterm Tresen stehen. Stellt man eine Frage, wird erstmal die Augenbraue hochgezogen – so nach dem Motto: Was weißt du schon? In kleineren Fahrradläden habe ich solche Situationen besonders oft erlebt, das ist unangenehm. Ich kenne mindestens zwei Frauen über Women in Cycling, die aus diesen Gründen eigene Radläden eröffnet und daraus ein Business gemacht haben.
Du hast erzählt, dass du anfangs erschrocken warst, wie männlich dominiert die Branche ist. Wie ist aus diesem Gedanken dann Women in Cycling entstanden?
Meinen ersten Berührungspunkt hinsichtlich der Vernetzung hatte ich tatsächlich über Women in Mobility. Hier habe ich das Hub Leipzig-Dresden initiiert, gemeinsam mit Kolleginnen aus dem ÖPNV. Das Netzwerk bringt mittlerweile seit über zehn Jahren mehr weibliche Perspektiven in die Branche ein – allerdings mit starkem Fokus auf den öffentlichen Verkehr, weniger explizit auf das Fahrrad. Parallel dazu habe ich mich regelmäßig mit Isabell Eberlein, Angela Francke und Dagmar Köhler auf Konferenzen getroffen – wir standen sowieso immer im Austausch. Irgendwann war uns Vieren klar: Wir brauchen ein eigenes Netzwerk für die Fahrradbranche in Deutschland. Auf europäischer Ebene gab es bereits Women in Cycling, initiiert von Cycling Industries Europe, aber wir fanden es notwendig, das auf die nationale Ebene herunterzubrechen. Ganz konkret wurde die Idee dann bei der Velo-city in Leipzig: Wir haben so viel Power hier in Deutschland – warum bündeln wir das nicht? Also haben wir im Januar 2024 unser erstes Netzwerktreffen in Berlin organisiert – und mit über 100 Frauen Women in Cycling Germany ins Leben gerufen. Unsere Ziele sind ambitioniert: Als Grundlagen wollen wir das Gender-Data-Gap in der Branche schließen, ein faires Verhältnis der Geschlechter auf allen Ebenen, in den Vorständen wie der Basis, und das Netzwerk stärken – für strukturelle Veränderungen sowie individuelles Vorankommen. Dafür haben wir schon eine Studie mit der Uni Kassel umgesetzt, regionale Hubs gegründet, eine wachsende #LinkedIn-Gefolgschaft und veranstalten regelmäßig Webinare.
Was bedeuten dir die Women in Mobility- und Cycling-Konferenzen?
Im Verkehr kommen alle zusammen, aus unterschiedlichen Richtungen, mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Vehikeln. Das muss gerecht geregelt sein, sonst gibt es Tote und Verletzte oder Ausgeschlossene. Mobilität ist die Grundvoraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe, ob zu Fuß, mit dem Rollstuhl, dem Auto oder eben dem Fahrrad. In der Planung und Umsetzung ist Diversität ein zentraler Erfolgsfaktor, was nicht nur sozial, sondern auch wirtschaftlich Sinn ergibt. Spätestens Corona hat gezeigt: Resilienz benötigt Vielfalt. Insofern ist der aktuelle gesellschaftliche Backlash vielleicht emotional, aber nicht rational nachvollziehbar, denn meiner Meinung nach lautet das Zukunftsversprechen Progressivismus. Insofern liebe ich den positiven fachlichen Austausch auf den Konferenzen und in den Netzwerken, denn er ermöglicht Weiterentwicklung. Es geht um Partizipation auf vielen Ebenen. Insofern Kolleginnen und Kollegen: Ihr seid herzlich eingeladen, euch zu beteiligen und uns zu supporten! Man kann sich nicht beschweren, wenn man selbst nicht aktiv wird. Also: Engagiert euch, macht einfach!
Vielen Dank!
WE RIDE GmbH
Gießerstraße 18
04229 Leipzig