05.01.2026 | 13:25 Uhr

Sieben Fragen an Sandra Appel vom VSF – zu Women in Cycling, Strukturen und Sichtbarkeit

von Anne-Katrin Hutschenreuter

Sandra_Appel-VSF
Journal
(c) VSF

Sandra Appel ist seit 2021 Vorstandsmitglied im Verbund Service und Fahrrad (VSF) und verantwortet dort den Bereich Finanzen. Sie bringt 18 Jahre Erfahrung mit dem Verbund und als eigenständige Fahrradhändlerin mit. Gemeinsam mit ihrem Mann Andreas führt sie das pedalwerk im nordhessischen Baunatal. 

Anne-Katrin im Interview mit Sandra Appel

Hallo Sandra, du engagierst dich im VSF und setzt dich für mehr Sichtbarkeit von Frauen in der Fahrradbranche ein. Was war für dich persönlich der Moment, in dem klar war: Da muss sich etwas bewegen?

Ich möchte die Branche und vor allem die Alltagsmobilität voranbringen und sehe meine Aufgabe darin, mich mit meinen Erfahrungen und Fähigkeiten einzubringen, um diesem Ziel näher zu kommen. Als Frauen haben wir auf viele Themen einen anderen Blick. Beispiel Care-Arbeit: Noch immer sind es vor allem Frauen, die die Care-Arbeit leisten. Und dazu gehört unter anderem das Management der Familien-Mobilität – die vielen kleinen und großen Wege des Alltags, zwischen Arbeit, Kita, Pflegeeinrichtung, Supermarkt und Spielplatz. Mit diesem Blick und dem eigenen Erleben, das mich eben auch motiviert, mich einzubringen, lässt sich sowohl einiges zu den Anforderungen einer fahrradfreundlichen Erfahrung als auch in der Beratung entsprechender Kund*innen sagen.

Die Branche gilt noch immer als männlich geprägt – auf der Ebene der Entscheider*innen, im Handel, in Werkstätten. Was sind die größten strukturellen Hürden für Frauen, die in der Bikebranche arbeiten (wollen)?

Ich würde mich freuen, wenn viel mehr Schülerinnen und Praktikantinnen die Bike-Branche entdecken würden. Es gibt ja keineswegs nur den klassischen Mechaniker*innenjob, der nach wie vor zumindest bei uns im Geschäft nicht in gleicher Weise bei Mädchen Interesse weckt. Die Vielfalt der Ausbildungs- und Arbeitsfelder muss mehr in die Schulen getragen werden. Aber auch die Unternehmensführungen müssen erkennen, dass sie die Weichen stellen müssen, um das Potenzial der weiblichen Arbeitnehmerinnen zu erschließen. Wir können nicht auf der einen Seite über Fachkräftemangel sprechen und auf der anderen Seite nicht den Mut haben, Frauen in den Betrieb aufzunehmen. Wir verschenken jedes Jahr wieder Fachkräfte, wenn es uns nicht gelingt, Frauen in unseren Betrieben zu integrieren. Es braucht also zum einen eine Ansprache gegenüber Mädchen und jungen Frauen dahingehend, dass es bei uns, konkret im stationären Fachhandel, gute Möglichkeiten für eine Berufsausbildung gibt. Wir müssen über die unterschiedlichen Berufsbilder informieren. Auch müssen wir antiquiertes Denken endlich überwinden – zum Beispiel ist es noch immer so, dass sich angehende Zweiradmechatronikerinnen mancherorts keine Fehler erlauben dürfen, weil es sonst schnell heißt, dass das ja sowieso nicht der richtige Beruf für ein junges Mädchen sei. Das ist natürlich Quatsch. Es sind also mehrere Baustellen gleichzeitig. Manches wird Zeit brauchen. Manches ist dagegen verhältnismäßig einfach: Gut wäre für Unternehmen, sich beispielsweise in den „Girls Days“ einzubringen und ihre Betriebe zu öffnen. Und so vielleicht auch zukünftige Mitarbeiterinnen zu gewinnen. Das ist sehr einfach: Schon jetzt lassen sich die eigenen Angebote auf www.girls-day.de/radar eintragen! 

Du bist bei Women in Cycling aktiv – einer Initiative, die Vernetzung, Mentoring und Austausch fördert. Was sind die Themen, die in diesen Netzwerken am häufigsten auftauchen?

Mein Alltag lässt aktuell nur wenig Zeit, mich aktiv in das Netzwerk einzubringen. Sobald sich das ändert, wäre mein Schwerpunkt sicher, die Aufnahmebereitschaft der vielen kleineren Betriebe in Hinblick auf Mitarbeiterinnen zu erhöhen – auch jenseits von Buchhaltung und Backoffice. 

Wie steht es um die Repräsentanz von Frauen im VSF selbst – auf Events, in Gremien, unter den Mitgliedsbetrieben? Und was tut ihr, um daran zu arbeiten?

Im VSF haben wir die gleichen Probleme wie wahrscheinlich überall in der Branche. Wenn es einen deutlich geringeren Frauenanteil in den Mitgliedsbetrieben gibt, dann gibt es auch bei uns einen deutlich geringeren Teil an Mitgliedern, die weiblich sind und sich neben dem Beruf ehrenamtlich engagieren möchten. Wir legen in jedem Fall Wert darauf, unsere Gremien, aber auch unsere inhaltlichen Veranstaltungen vielfältig zu besetzen. Aber auch hier ist es nicht immer einfach, fachspezifisch zu einem Thema eine geeignete Frau zu finden, die sich zur Verfügung stellt. Das ist schade. Im Team der VSF GmbH sind wir mit einem deutlichen Frauenanteil ausgestattet und legen darauf auch Wert. Im Verein selbst werben wir für die aktive Mitgestaltung, beispielsweise im Rahmen unserer Jahrestagung. 

Gibt es aus deiner Sicht Beispiele – ob Betriebe oder Einzelpersonen – die zeigen, wie Diversität im Fahrradkontext richtig gut funktionieren kann?

Ich bekomme immer wieder gespiegelt, dass sich das Betriebsklima in Geschäften, die divers aufgestellt sind, positiv entwickelt. Hierin liegt eine wirklich große Chance! Denn wir sehen ja auch bei uns: Es gibt Frauen, die sehr erfolgreich sind. Wir haben Betriebe, die von Frauen geführt werden, oder es gibt Modelle wie bei uns im Pedalwerk, das ich im Tandem mit meinem Mann führe.

Wenn du auf Hessen blickst: Wie erlebst du dort die Situation – gibt es besondere Dynamiken, Akteur*innen oder auch Leerstellen, wenn es um Frauen in der Fahrradwelt geht?

Tatsächlich schaue ich nicht bundeslandspezifisch. In Kassel und Umgebung, meiner Heimat, sieht das Bild nicht gut aus, hier gibt es fast ausschließlich rein männlich geführte Geschäfte. Da kann ich nur wieder appellieren: Wenn wir die Bekanntheit der vielfältigen Berufsbilder in der Branche nicht schon in den allgemeinbildenden Schulen stärken, dann verschenken wir eine Chance.

„Wir verschenken Fachkräfte, wenn wir Frauen nicht stärker integrieren“ 

Was wünschst du dir für die nächsten Jahre – von der Branche, von Verbänden wie dem VSF, aber auch von der medialen Öffentlichkeit?

Positive Beispiele hervorzuheben, ohne immer nur auf das Geschlecht zu blicken, sondern auf die Fähigkeiten der Menschen zu schauen. Wenn sie dann auch noch Frauen sind, dann kann das eine gute Vorbildfunktion für weitere Interessentinnen haben. 

Vielen Dank!

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