06. Oktober 2026 | 16:23 Uhr

Die kanadische Content Creatorin Molly Burke ist blind. Trotzdem – oder gerade deshalb – erlebt sie Reisen mit einer Intensität, die Sehenden oft entgeht. Gemeinsam mit ihrem Verlobten Brendan Grant ist sie rund 700 Kilometer auf einem Spezial-Tandem von Deutschland bis nach Groningen in den Niederlanden gefahren. Die Reise zeigt, wie inklusives Radfahren funktionieren kann – und warum Barrierefreiheit möglichst von Anfang an mitgedacht werden sollte.
Molly Burke ist 32 Jahre alt, Autorin, Influencerin und eine international bekannte Stimme für Barrierefreiheit. Mehr als fünf Millionen Menschen folgen ihr in den sozialen Medien. Mit vier Jahren wurde bei ihr die Augenkrankheit Retinitis pigmentosa diagnostiziert. Mit 14 hatte sie den größten Teil ihres Sehvermögens verloren, seit rund zehn Jahren ist sie vollständig blind.
Für die Reise saß Burke erstmals vorne auf einem Pino-Tandem des deutschen Herstellers Hase Bikes. Von Waltrop ging es gemeinsam mit Brendan Grant bis nach Groningen – rund 700 Kilometer in elf Tagen. Insgesamt waren fünf Teams und vier sehbehinderte Fahrerinnen und Fahrer beteiligt.
Anders als bei einem klassischen Tandem sitzt der sogenannte Rider beim Pino vorne auf einem zurückgelehnten Sitz. Der Pilot sitzt dahinter und übernimmt Lenken, Bremsen, Schalten und Navigation. Beide treten unabhängig voneinander in die Pedale.
Für Burke macht genau das einen großen Unterschied: „Als blinder Mensch bin ich eigentlich immer hinten.“ Auf dem Pino erlebt sie erstmals, vorne zu sitzen. „Es ist wirklich cool, diese Erfahrung zu machen: tatsächlich einmal vorne zu sein.“
Während Brendan lenkt, beschreibt er ihr die Umgebung: Tiere, Menschen, Häuser und Landschaften. „Er beschreibt mir alles, durch das wir gerade fahren. Und dadurch habe ich wirklich das Gefühl, dass ich sehen kann, was wir erleben.“
Doch die Wahrnehmung funktioniert auch in die andere Richtung. Burke hört und riecht Dinge, die ihrem Piloten möglicherweise entgehen. „Ich sehe die Welt durch seine Beschreibungen und durch seine Augen“, sagt sie. Gleichzeitig hört sie beispielsweise einen Vogel, bevor Brendan ihn entdeckt. „Wir teilen das auf unsere eigene Weise“, sagt Burke. „Es ist fast wie eine Symbiose.“
Besonders eindrücklich wird das bei einer langsamen Fahrt durch die niederländische Landschaft. Als das Tandem beinahe zum Stillstand kommt, hört Burke die Schafe auf der Weide. „Ich konnte die Bewegungen von Schafen hören. Ich hörte ihre Füße. Ich konnte sogar hören, wie sie fraßen.“ Und auch den Geruch der Tiere nimmt sie wahr: „Ich konnte definitiv auch riechen, wenn sie gekackt hatten.“
Für Burke besteht eine Reise ohnehin aus weit mehr als dem, was man sieht. Geräusche, Gerüche, Sprache, Essen, Musik, Architektur oder der Untergrund gehören für sie ebenso zum Erlebnis. „Die Leute fragen mich ständig: Warum willst du überhaupt reisen, wenn du es nicht sehen kannst?“ Für sie ist das keine Einschränkung. „Das Leben hört nicht auf, wenn man blind wird. Man hört nicht auf, Dinge zu erleben.“
Wie wichtig die Infrastruktur für solche Erlebnisse ist, zeigt der Vergleich mit Burkes Wohnort Los Angeles. Dort sei eine solche Reise kaum vorstellbar. „Oh mein Gott. Das kann man überhaupt nicht vergleichen.“ Sich sicher mit dem Fahrrad fortzubewegen, sei dort kaum möglich. Für die 700-Kilometer-Tour konnte das Paar deshalb kaum draußen trainieren. „Wir haben auf Fahrrädern im Fitnessstudio trainiert. Das war das einzige, was wir tun konnten.“
On tour in the Netherlands, @GaryHackett/RidingTogether.
In den Niederlanden erlebt Burke dagegen einen deutlichen Kontrast: „Hier merkt man sofort die Infrastruktur. Überall Radwege. Es ist unglaublich.“
Auch im Vergleich zum deutschen Teil der Strecke seien die Unterschiede spürbar gewesen. Während sie in Deutschland häufiger auf Straßen unterwegs waren, seien Radwege in den Niederlanden allgegenwärtig. „Die Niederlande sind der perfekte Ort für eine Radtour“, sagt Burke, „wegen der Infrastruktur, aber auch, weil hier anscheinend jeder mit dem Rad unterwegs ist.“
Für Burke geht die Frage der Barrierefreiheit weit über das Fahrrad hinaus. Sie setzt sich für das Prinzip des „Universal Design“ ein: Produkte, Dienstleistungen und Infrastruktur sollten von Beginn an so gestaltet werden, dass möglichst viele Menschen sie nutzen können.
„Es geht nicht darum, die Welt nachträglich barrierefrei zu machen“, sagt sie. „Es geht darum, für alle zu entwerfen. Und dadurch bessere Produkte zu schaffen, die für mehr Menschen funktionieren.“
Davon profitieren häufig auch Menschen ohne Behinderung. Abgesenkte Bordsteine helfen Rollstuhlfahrern ebenso wie Eltern mit Kinderwagen, Reisenden mit Koffern oder Radfahrenden. Auch eine Sprachfunktion an ihrer Kamera zeigt das Prinzip: Was für Radfahrende praktisch ist, um während der Fahrt nicht auf ein Display schauen zu müssen, wird für Burke zu einer wichtigen barrierefreien Funktion.
Burkes eigene Familie macht deutlich, warum inklusive Angebote nicht nur einzelne Menschen betreffen. Wenn eine Aktivität für sie nicht zugänglich ist, kann das bedeuten, dass die gesamte Familie auf eine gemeinsame Reise verzichtet. Deshalb müsse Barrierefreiheit von Anfang an mitgedacht werden: „Man muss von Anfang an alle denken, wenn man das Produkt auch an alle verkaufen möchte.“
Die Tour endete in Groningen, wo sich beim CycleSummit rund 200 Fachleute und Reiseveranstalter aus der internationalen Radreisebranche trafen. Burke hofft, dass die Reise nicht nur Aufmerksamkeit erzeugt, sondern konkrete Veränderungen anstößt.
„Ich hoffe, dass mehr Reiseveranstalter so etwas anbieten und mehr Fahrradclubs inklusives Radfahren ermöglichen“, sagt sie. Ihr Wunsch ist dabei klar: „Ich möchte nicht, dass das die eine große Radreise meines Lebens bleibt.“
Die 700 Kilometer sollen deshalb weniger als außergewöhnliche Einzelleistung verstanden werden, sondern als Beispiel dafür, was möglich ist, wenn Infrastruktur, Technik und Angebote von Anfang an inklusiv gedacht werden.
- 700 Kilometer zeigen: Inklusives Radreisen funktioniert.
- Gute Infrastruktur schafft Freiheit für alle.
- Barrierefreiheit von Anfang an mitdenken.
WE RIDE GmbH
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