
Die Eurobike war über Jahrzehnte hinweg nicht nur eine Messe, sondern der wichtigste Treffpunkt der internationalen Fahrrad- und E-Bike-Welt. Ein Ort, an dem Hersteller, Händler, Medien, Politik und Szeneakteure sich treffen, Trends formen und die großen Linien der kommenden Saison abstecken. In Frankfurt wirkt sie oft eher wie ein eigener Kosmos aus Technik, Visionen und Begegnungen als wie ein reines Fach-Event. Doch genau diese Leitmesse steht gerade unter Druck: Bosch eBike Systems und mehrere große Branchenverbände haben ihren Ausstieg angekündigt. Das hat in der Szene eingeschlagen, weil es weit mehr bedeutet als verlorene Quadratmeter Ausstellungsfläche. Es zeigt, wie weit die Erwartungen an ein modernes Messeformat inzwischen auseinandergehen.
Der Ausstieg von Bosch hat mehrere Gründe, die sich aus verschiedenen Entwicklungen der letzten Jahre erklären lassen. Bosch setzt seit einiger Zeit verstärkt auf eigene Produkt-Launches, digitale Formate und global orchestrierte Kommunikationskampagnen. Ein Messeauftritt, der eine halbe Million Euro oder mehr kosten kann, passt da nicht immer in die Planung. Dazu kommt der veränderte Markt: Die Pandemie hat einen Boom ausgelöst, dem eine harte Konsolidierung folgte. In solchen Zeiten wird genauer hingeschaut, wofür Budgets tatsächlich Wirkung entfalten. Auch die inhaltliche Ausrichtung der Eurobike, die sich bewusst geöffnet hat — hin zu urbaner Mobilität, Infrastruktur und politischen Themen — führt bei manchen Technik- und Hardwareherstellern zu dem Gefühl, dass der traditionelle Fahrradfokus verwässert wird.
Die beiden Verbände, die ihren Ausstieg erklärt haben, spiegeln noch deutlicher, wie die Stimmung an der Basis aussieht. Verbände handeln selten spontan, sondern orientieren sich an ihrer Mitgliedschaft. Und dort mehren sich die Stimmen, die den Nutzen eines Messeauftritts in Frage stellen. Viele kleinere Hersteller können oder wollen die Kosten nicht mehr tragen. Händler berichten von weniger wirklich relevanten Fachgesprächen und mehr allgemeinem Publikum. Und manche sehen die strategische Weiterentwicklung der Eurobike kritisch, weil sie den Eindruck haben, zwischen zu vielen Themen zerrieben zu werden. Der Ausstieg der Verbände ist daher weniger eine Einzelentscheidung als vielmehr ein Stimmungsbild aus weiten Teilen der Wertschöpfungskette.
Trotz aller Kritik gibt es nach wie vor gute Gründe, warum die Eurobike eine wichtige Rolle spielt — vielleicht sogar eine wichtigere als je zuvor. Die Branche befindet sich mitten in einem tiefgreifenden Wandel: Nach Jahren des Wachstums kam die Ernüchterung, gefolgt von Unsicherheit und einem nahezu dauerhaften Krisenmodus. Genau in solchen Phasen brauchen Akteure Räume, in denen sie sich austauschen können. Die Eurobike schafft das, und sie tut es auf eine Weise, die digitale Formate nicht ersetzen können. Politische Fragen wie Verkehrswende, Batterieregulierung, Sicherheit oder urbane Infrastruktur erfordern Präsenz und starke Bilder. Internationale Hersteller, asiatische Zulieferer, europäische Marken — sie alle treffen sich hier und schaffen eine Art physisches Netzwerk, das ansonsten schwer herzustellen wäre. Der Wert einer Messe besteht nicht nur in interessierten Blicken, sondern in Gesprächen zwischen Menschen, die ohne einen solchen Ort nicht zusammenkommen würden.
Wir waren die letzten drei Jahre mit dem WE RIDE Team selbst auf der Eurobike, und diese persönliche Erfahrung prägt viel von dem, was wir über die Messe denken. Man trifft ständig bekannte Gesichter, hält kurz hier, spricht kurz dort, verabredet sich zwischendurch zum Pläneschmieden. Dieses Gefühl, dass eine ganze Branche für ein paar Tage an einem Ort zusammenkommt, ist etwas Besonderes. Es entsteht etwas zwischen dem Offiziellen und dem Zufälligen, zwischen professionellem Austausch und freundschaftlichem Wiedersehen. Das Gelände in Frankfurt passt gut dazu. Draußen die Liegestühle, der Lärm der Stadt, drinnen die großen, oft beeindruckend gestalteten Stände. Gleichzeitig wandert man durch Hallen, in denen sich asiatische Komponentenhersteller dicht an dicht reihen und man sich fragt, für wen diese Präsentation eigentlich gedacht ist. Für Händler? Für große Marken? Für die Medien? Oder ist es einfach die logische Konsequenz einer globalisierten Produktionskette?
Wir erwischen uns immer wieder dabei, wie wir versuchen, das alles sinnvoll einzuordnen. Lohnt sich der Aufwand? Sind Reisezeit, Kosten und Tickets gerechtfertigt? Und gleichzeitig steht jedes Jahr fest: Wir fahren wieder hin. Selbst die, die am lautesten über die Eurobike schimpfen, sind am Ende doch da — neugierig, vernetzt, im Gespräch. Vielleicht zeigt das, dass die Messe trotz aller Kritik noch immer ihren Platz hat. Und vielleicht ist es gerade das Spielfeld zwischen Begeisterung und Überforderung, das die Eurobike so charakteristisch macht. Eine internationale Leitmesse braucht es aus unserer Sicht — und umso besser, dass sie in Deutschland steht.
Die Frage, die jetzt über allem steht, lautet: Was soll die Eurobike der Zukunft sein? Eine Fachmesse wie früher, fokussiert und kompakter? Eine große Mobilitätsmesse, die Politik, Städte, Infrastruktur und neue Mobilitätsformen stärker integriert? Oder ein hybrides Modell, das klarer trennt, aber trotzdem Breite zulässt? Der Ausstieg großer Player zwingt die Messe dazu, ihr Profil zu schärfen. Das muss nicht schlecht sein. Im Gegenteil: Es könnte der Moment sein, in dem sich entscheidet, wie relevant die Eurobike auch in fünf oder zehn Jahren noch ist.
Der Rückzug von Bosch und den Verbänden tut weh, aber er ist kein Untergang. Er ist ein Weckruf. Eine Chance, die eigenen Stärken neu zu definieren, alte Muster zu hinterfragen und die Erwartungen der Branche wieder näher zusammenzubringen. Ob das gelingt, wird die Zeit zeigen. Aber eines ist sicher: Die Fahrrad- und Mobilitätsbranche braucht einen internationalen Ort, an dem man sich sieht, diskutiert, widerspricht und inspiriert. Die Frage ist weniger, ob dieser Ort groß genug ist. Sondern ob er relevant genug bleibt. Wir sagen: dran bleiben lohnt sich und einen gemeinsamen Weg finden, lohnt sich umso mehr!
- Der Ausstieg von Bosch und ZIV und Zukunft Fahrrad zeigt, wie unterschiedlich die Erwartungen an die Eurobike inzwischen geworden sind.
- Trotz Kritik bleibt die Messe als politischer und internationaler Treffpunkt für die Branche unverzichtbar.
- Die Eurobike muss ihr Profil neu schärfen, um zwischen Fachmesse und Mobilitätsplattform relevant zu bleiben.
WE RIDE GmbH
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