05. Oktober 2026 | 16:09 Uhr

Fahrradbranche 2026 in der Krise: 2.400 Jobs verloren - wie geht´s weiter?

von Robert Strehler

WE RIDE GMBH

Die deutsche Fahrradbranche kommt wirtschaftlich weiterhin nicht zur Ruhe. Im Jahr 2025 sank der Gesamtumsatz der Fahrradwirtschaft um rund sieben Prozent auf **25,2 Milliarden Euro**. Gleichzeitig ging die Zahl der direkt Beschäftigten von 76.700 auf 74.300 Menschen zurück. Damit verlor die Branche innerhalb eines Jahres rechnerisch rund 2.400 Arbeitsplätze. Das geht aus der aktuellen Branchenstudie 2026 hervor, die der T3 Transportation Think Tank im Auftrag des Branchenverbands Zukunft Fahrrad erstellt hat.

Bereits im zweiten Jahr in Folge verzeichnet die Fahrradwirtschaft damit rückläufige Umsätze und Beschäftigtenzahlen. Betroffen sind insbesondere die klassischen Geschäftsbereiche Herstellung und Handel. Gleichzeitig zeigen sich andere Segmente bemerkenswert widerstandsfähig. Vor allem das Geschäft mit gebrauchten und professionell wiederaufbereiteten Fahrrädern gewinnt an Bedeutung. Die Entwicklung zeigt einen Fahrradmarkt, der sich nach Jahren außergewöhnlichen Wachstums neu orientieren muss. Dabei könnte die langfristige Perspektive weniger vom Verkauf möglichst vieler neuer Fahrräder als von einem breiteren Angebot rund um Nutzung, Wartung, Reparatur und Wiederverkauf geprägt sein.

Fahrradhandel verliert zehn Prozent Umsatz

Besonders deutlich zeigt sich die angespannte Marktlage im Fahrradhandel. Während die Umsätze in der Herstellung 2025 um zwei Prozent zurückgingen, verzeichnete der Handel ein Minus von zehn Prozent. Auch die Beschäftigung entwickelte sich negativ: In der Herstellung sank sie um fünf Prozent, im Handel um drei Prozent.

Dabei ist die Nachfrage nach Fahrrädern keineswegs eingebrochen. Nach Angaben des Branchenverbands ZIV wurden 2025 in Deutschland rund 3,8 Millionen Fahrräder und E-Bikes verkauft. Im Vorjahr waren es etwa 3,9 Millionen gewesen. Die wirtschaftlichen Probleme der Branche lassen sich deshalb nur teilweise mit einer schwächeren Nachfrage erklären. Entscheidender sind die Nachwirkungen der außergewöhnlichen Marktentwicklung während der Coronapandemie. Damals stieg die Nachfrage nach Fahrrädern und insbesondere E-Bikes deutlich an. Hersteller erhöhten ihre Produktionskapazitäten, Händler bestellten größere Warenmengen und viele Unternehmen investierten in zusätzliches Personal. Gleichzeitig erschwerten Lieferengpässe und stark schwankende Lieferzeiten eine verlässliche Planung.

Mit der Normalisierung der Nachfrage entstanden in Teilen der Branche hohe Lagerbestände. Um diese abzubauen, reagierten Händler mit Preisnachlässen und Rabattaktionen. Hinzu kamen steigende Betriebskosten und ein schwierigeres wirtschaftliches Umfeld. Viele Unternehmen verkauften weiterhin Fahrräder, erzielten damit aber geringere Umsätze und standen unter Druck bei ihren Margen.

Reparatur und Refurbishment gewinnen an Bedeutung

Während das Neuradgeschäft schwächelt, entstehen in anderen Bereichen neue wirtschaftliche Perspektiven. Die Branchenstudie zeigt, dass wachsende Werkstattdienstleistungen die Belastungen im Handel zumindest teilweise abfedern konnten. Besonders interessant entwickelt sich der Markt für sogenannte Refurbished Bikes. Dabei handelt es sich um gebrauchte Fahrräder, die professionell geprüft, gewartet und gegebenenfalls mit neuen Komponenten ausgestattet werden, bevor sie erneut verkauft werden. Ein wichtiger Teil dieses Marktes entsteht durch die Rückgabe von Leasingrädern. Nach Ablauf der üblichen Leasingdauer gelangen zahlreiche Fahrräder und E-Bikes zurück zu Anbietern, die sie technisch überprüfen, aufbereiten und anschließend wiedervermarkten. Nach Angaben von Zukunft Fahrrad ist das Geschäft mit der Wiederaufbereitung von Leasingrückläufern seit 2023 um durchschnittlich 68 Prozent pro Jahr gewachsen. Die Nachfrage übersteigt in diesem Segment bislang sogar das verfügbare Angebot. Das deutliche Wachstum muss allerdings im Zusammenhang mit der vergleichsweise jungen Entwicklung des Marktes betrachtet werden. Hohe prozentuale Zuwächse bedeuten nicht automatisch, dass das Refurbishment bereits einen wesentlichen Teil der Verluste im klassischen Fahrradhandel ausgleichen kann. Eine solche Schlussfolgerung lässt sich aus den vorliegenden Zahlen nicht ableiten. Dennoch zeigt die Entwicklung, dass sich zusätzliche Geschäftsmodelle etablieren, die den wirtschaftlichen Wert eines Fahrrads über dessen Erstverkauf hinaus nutzen.

Verändert sich das Geschäftsmodell der Fahrradwirtschaft?

Lange Zeit war das Wachstum der Fahrradbranche eng mit steigenden Verkaufszahlen und immer höherwertigen Produkten verbunden. Insbesondere die zunehmende Verbreitung von E-Bikes ließ den durchschnittlichen Wert verkaufter Fahrräder steigen. Inzwischen rückt stärker in den Vordergrund, was nach dem Kauf geschieht. Wartungsverträge, Werkstattservice, Ersatzteile, Leasingmodelle und der professionelle Wiederverkauf gebrauchter Räder eröffnen zusätzliche Einnahmequellen. Für Unternehmen kann das wirtschaftlich interessant sein. Während der Verkauf neuer Fahrräder vergleichsweise stark von Kaufkraft, Produktzyklen und Lagerbeständen abhängt, entsteht der Bedarf an Wartung und Reparatur während der gesamten Nutzungsdauer.

Auch aus ökologischer Perspektive bietet die längere Nutzung bestehender Fahrräder Vorteile. Werden funktionstüchtige Räder repariert oder erneut verkauft, lassen sich Ressourcen sparen und Produkte länger verwenden. Wie groß die tatsächlichen Umweltvorteile ausfallen, hängt allerdings unter anderem vom Umfang der Aufbereitung, den benötigten Ersatzteilen und davon ab, ob tatsächlich ein Neukauf ersetzt wird.

Trotz der positiven Entwicklung bleibt offen, in welchem Umfang Werkstätten und Wiederverkäufer langfristig zum Wachstum der gesamten Branche beitragen können. Nicht jedes Unternehmen verfügt über die notwendigen personellen, technischen und logistischen Voraussetzungen, um zusätzliche Dienstleistungen wirtschaftlich erfolgreich anzubieten.

Auch das Dienstradleasing steht unter Druck

Ein differenziertes Bild zeigt sich beim Dienstradleasing. Das Geschäftsmodell hat in den vergangenen Jahren wesentlich zur Verbreitung hochwertiger Fahrräder und E-Bikes beigetragen. Unternehmen ermöglichen ihren Beschäftigten dabei, Fahrräder über entsprechende Leasingvereinbarungen zu nutzen. Laut Branchenstudie gingen die Umsätze im Dienstradleasing 2025 jedoch ebenfalls um zehn Prozent zurück. Damit ist auch dieser lange Zeit besonders dynamische Marktbereich von der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung betroffen. Gleichzeitig trägt das Leasinggeschäft mittelbar zum Wachstum des Gebrauchtmarktes bei. Denn Fahrräder, die nach Ablauf der Verträge zurückgegeben werden, bilden die Grundlage für einen zunehmend professionell organisierten Zweitmarkt. Damit verändert sich auch die wirtschaftliche Betrachtung eines einzelnen Fahrrads: Nicht nur der ursprüngliche Verkaufspreis, sondern auch Wartung, Restwert, Wiederaufbereitung und erneute Vermarktung werden für Anbieter relevant.

Wirtschaftlich weiterhin bedeutender als vor der Pandemie

Trotz der anhaltenden Schwierigkeiten befindet sich die Fahrradwirtschaft insgesamt weiterhin auf einem deutlich höheren Niveau als vor der Coronapandemie.

Im Jahr 2019 erwirtschafteten die untersuchten Kernbereiche der Branche zusammen rund 16,5 Milliarden Euro. Bis zum bisherigen Höchststand 2023 stieg dieser Wert auf 29,3 Milliarden Euro. Nach zwei Jahren rückläufiger Entwicklung lag der Umsatz 2025 bei 25,2 Milliarden Euro und damit weiterhin deutlich über dem Ausgangsniveau. Auch die wirtschaftliche Bedeutung der Branche reicht weit über die unmittelbar beschäftigten Menschen hinaus. Unter Berücksichtigung indirekter Beschäftigung durch Zulieferer und Dienstleister sowie sogenannter induzierter Beschäftigung durch Konsumausgaben sichert die Fahrradwirtschaft nach Berechnungen der Studienautoren mehr als 198.000 Arbeitsplätze. Der Fahrradtourismus ist in dieser Zahl noch nicht enthalten. Von einer grundsätzlichen Bedeutungslosigkeit oder einem Zusammenbruch der Fahrradwirtschaft kann deshalb keine Rede sein. Vielmehr befindet sich die Branche nach einer außergewöhnlichen Wachstumsphase in einer schwierigen Konsolidierung.

Wettbewerb und Infrastruktur als zentrale Herausforderungen

Neben dem wirtschaftlichen Anpassungsdruck verweist Zukunft Fahrrad auf die zunehmende internationale Konkurrenz. Besonders der Wettbewerb mit Herstellern aus China wird vom Verband kritisch bewertet. Er sieht durch staatliche Unterstützung, Preisgestaltung und ungünstige Wettbewerbsbedingungen Risiken für europäische Unternehmen.

Gleichzeitig fordert der Verband bessere politische Rahmenbedingungen für die Fahrradwirtschaft. Dazu gehören nicht nur industriepolitische Maßnahmen, sondern auch Investitionen in eine sichere und attraktive Radverkehrsinfrastruktur.

Dahinter steht die Annahme, dass Menschen Fahrräder häufiger nutzen und langfristig stärker nachfragen, wenn die Voraussetzungen im Alltag stimmen. Sichere Radwege, geeignete Abstellmöglichkeiten und eine verlässliche Anbindung an den öffentlichen Verkehr könnten den Markt entsprechend unterstützen.

Allerdings sind kurzfristige wirtschaftliche Schwierigkeiten wie hohe Lagerbestände oder sinkende Verkaufspreise nicht allein durch Infrastrukturinvestitionen zu beheben. Hier sind auch unternehmerische Anpassungen notwendig.

Eine Branche zwischen Krise und Neuausrichtung

Die aktuellen Zahlen beschreiben eine Fahrradwirtschaft, die sich weiterhin in einer schwierigen Übergangsphase befindet. Sinkende Umsätze, der Verlust von Arbeitsplätzen und wachsender internationaler Wettbewerb stellen Hersteller und Handel vor erhebliche Herausforderungen. Gleichzeitig zeigen Dienstleistungen, Reparatur und Refurbishment, dass neue wirtschaftliche Potenziale entstehen. Ob diese Bereiche die Branche langfristig stabilisieren können, hängt unter anderem von ihrer Profitabilität, den verfügbaren Fachkräften und der weiteren Nachfrageentwicklung ab.

Fest steht: Die Fahrradwirtschaft ist heute wirtschaftlich breiter aufgestellt als vor einigen Jahren. Während das Neuradgeschäft seine frühere Dynamik verloren hat, gewinnt die Nutzung eines Fahrrads über seinen gesamten Lebenszyklus an Bedeutung. Aus einer Phase des wirtschaftlichen Rückgangs könnte damit auch eine strukturelle Neuausrichtung hervorgehen. Ob daraus tatsächlich ein dauerhaft tragfähigeres Geschäftsmodell entsteht, werden erst die kommenden Jahre zeigen.

Deine Takeaways

- Umsatz und Beschäftigung sinken: Die Fahrradbranche erwirtschaftete 2025 rund 25,2 Milliarden Euro. Die Zahl der direkt Beschäftigten fiel auf 74.300.
- Werkstätten und Gebrauchtmarkt gewinnen an Bedeutung: Reparaturdienstleistungen stabilisieren Teile des Geschäfts. Das Refurbishment von Leasingrückläufern wächst seit 2023 im Durchschnitt um 68 Prozent jährlich.
- Strukturwandel statt Markteinbruch: Trotz der Krise liegt die Fahrradwirtschaft weiterhin deutlich über dem Niveau von 2019. Unternehmen müssen sich jedoch wirtschaftlich neu aufstellen.

Zukunft Fahrrad Branchenstudie
Webseite von Zukunft Fahrrad

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