11. Juni 2026 | 10:40 Uhr

Mehr Straße, mehr Verkehr! Was es mit dem Jevons Paradox und induziertem Verkehr auf sich hat - eine Begriffsklärung

von Lorenz Oberdoerster

(c) WE RIDE GmbH / kann Spuren von KI enthalten

Einige kennen dieses Argument vielleicht, in der öffentlichen Debatte scheint es jedoch an vielen Stellen nicht wirklich angekommen zu sein oder schlichtweg ignoriert zu werden. Es wird von entstehenden Verkehrschaos gesprochen, Radfahrernde werden gegen Autofahrende ausgespielt und gipfelt in Auswüchsen wie: "Autos verbieten verbieten". Wir versuchen uns an einer Begriffsklärung und -erläuterung, warum mehr Straße zu mehr Verkehr führen kann und was die Alternativen für Vorteile für Alle bereit hält.

Das Jevons-Paradoxon am Beispiel Straßenraum

Wer im Stau steht, denkt schnell: „Hier müsste man die Straße einfach verbreitern.“ Tatsächlich klingt die Idee zunächst logisch. Mehr Platz für Autos sollte doch zu weniger Staus führen. Die Realität sieht jedoch häufig anders aus. Verkehrsplaner und Verkehrswissenschaftler sprechen von induziertem Verkehr: Neue Straßenkapazitäten werden oft innerhalb weniger Jahre durch zusätzlichen Verkehr wieder aufgefüllt.

Dieses Phänomen lässt sich erstaunlich gut mit einem wirtschaftswissenschaftlichen Konzept erklären, das bereits über 160 Jahre alt ist – dem Jevons-Paradoxon.

Was ist das Jevons-Paradoxon?

Das Jevons-Paradoxon geht auf den britischen Ökonomen William Stanley Jevons zurück. In seinem 1865 erschienenen Werk The Coal Question beobachtete er etwas Überraschendes: Verbesserungen bei der Effizienz von Dampfmaschinen führten nicht zu einem geringeren Kohleverbrauch. Stattdessen wurde Kohle durch die effizienteren Maschinen günstiger und attraktiver, sodass sie in immer mehr Bereichen eingesetzt wurde. Der Gesamtverbrauch stieg sogar an.

Wenn die Nutzung einer Ressource effizienter, einfacher oder günstiger wird, kann dies dazu führen, dass die Ressource insgesamt stärker genutzt wird.

Das Prinzip findet sich heute in vielen Bereichen wieder – von Energieverbrauch über Digitalisierung bis hin zum Verkehr.

Vom Kohlebergwerk auf die Straße

Im Verkehr funktioniert das Prinzip ähnlich.

Eine neue Fahrspur oder eine neue Umgehungsstraße macht Autofahren zunächst attraktiver:

  • Fahrzeiten sinken.
  • Staus nehmen vorübergehend ab.
  • Die Erreichbarkeit verbessert sich.

Dadurch reagieren Menschen und Unternehmen:

  • Einige fahren häufiger mit dem Auto.
  • Andere wählen längere Wege.
  • Wohn- und Arbeitsorte verlagern sich.
  • Neue Gewerbe- und Wohngebiete entstehen entlang der verbesserten Straßen.

Die Folge: Der zusätzliche Platz wird nach und nach wieder gefüllt.

Verkehrswissenschaftler sprechen hier von induzierter Nachfrage oder induziertem Verkehr. Das ist im Grunde die verkehrliche Ausprägung desselben Mechanismus, den Jevons bereits bei der Kohle beschrieben hat.

Die Existenz von induziertem Verkehr gilt heute als gut belegt. Zusätzliche Straßenkapazität führt langfristig zu zusätzlichem Verkehrsaufkommen. Der Mechanismus ist inzwischen so gut untersucht, dass er in der Verkehrswissenschaft als grundlegendes Phänomen gilt.

Verkehrsökonomen beobachten, dass sich die Verkehrsmenge häufig nahezu proportional zur neu geschaffenen Straßenkapazität entwickelt. Neue Straßen lösen bestehende Staus daher oft nur kurzfristig. Langfristig entstehen neue Fahrten, die zuvor nicht stattgefunden hätten.

Das bedeutet nicht, dass jede neue Straße nutzlos ist. Es bedeutet jedoch, dass Kapazitätserweiterungen selten dauerhaft gegen Staus wirken, wenn gleichzeitig keine attraktiven Alternativen geschaffen werden.

Weniger Straßen = weniger Verkehr oder weniger Straße = Verkehrschaos?

Spannend wird die Betrachtung, wenn wir den Blick einmal umdrehen.

Lange Zeit gingen Planer davon aus, dass der Wegfall von Fahrspuren zwangsläufig zu Verkehrschaos führen müsse. Doch schaut man sich zahlreiche internationale Städte an, scheint das nicht der Fall zu sein. Städte wie Paris, Amsterdam oder Kopenhagen zeigen Eindrucksvoll, wie sogar das Gegenteil der Fall ist.

Menschen ändern ihr Verhalten, wählen andere Verkehrsmittel, bilden Fahrgemeinschaften oder verzichten auf bestimmte Fahrten. Entgegen vieler Befürchtungen kollabiert das Verkehrsnetz nicht. Ein Teil der Autofahrten verlagerte sich auf den öffentlichen Verkehr oder entfallen ganz. Vielmehr bietet sich neuer gestalterischer Spielraum, mehr Aufenthaltsqualität, mehr Verkehrssicherheit und ein effizienteres Verkehrssystem mit weniger Flächenbedarf pro Person - vor allem in Städten mit begrenzter Fläche ein Gamechanger.

Warum Alternativen entscheidend sind

Der entscheidende Punkt lautet nicht „Autos gegen Fahrräder“ oder „Straßen gegen ÖPNV“.

Die eigentliche Frage lautet:

Wie können Menschen ihre Wege möglichst effizient zurücklegen?

Wenn sichere Radwege, ein attraktiver öffentlicher Nahverkehr und gute Fußwege vorhanden sind, wechseln viele Menschen freiwillig auf diese Verkehrsmittel. Dadurch sinkt die Zahl der Autos auf der Straße.

Davon profitieren auch diejenigen, die weiterhin auf das Auto angewiesen sind:

  • Handwerksbetriebe
  • Lieferdienste
  • Pflegedienste
  • Menschen mit Mobilitätseinschränkungen
  • Bewohner ländlicher Räume

Jede Person, die für ihren Weg auf Bus, Bahn oder Fahrrad umsteigen kann, schafft Platz für diejenigen, die tatsächlich fahren müssen. Und viele steigen nicht um, da die Alternativen nicht ausreichend vorhanden sind.

Ein gut ausgebauter, gut getakteter und verlässlicher ÖPNV oder eine wirklich sichere Radinfrastruktur, die ihre Namen verdient, führen zu einer stärkeren Entlastung der Straße als der Neubau von Straßen und Parkplätzen. Wer das verstanden hat - auch als Autofahrer - wird den notwendigen Prozessen in der Umgestaltung auch den Raum geben können, den sie zur Umsetzung brauchen. Am Ende profitieren die, die lieber aufs Rad steigen wollen genauso, wie die, die aufs Auto angewiesen sind.

Der Schlüssel liegt in der Kommunikation und im politischen Mut, Veränderungen an zu stoßen, die alte Gewohnheiten aufbrechen. Menschen adaptieren, haben sie immer schon und das ist nicht zwingend schlecht.

Was wir lernen. Gestalten wir das Autofahren so attraktiv wie möglich, sitzt auch jeder im Auto und die Straße ist voll. Finden wir die Balance, nutzen die uns verfügbare Fläche effizient und schaffen echte Alternativen kann die Mobilitätswende einen echten Effekt auf das tägliche Leben eines jeden Einzelnen von uns haben. Ohne eine Umverteilung der Fläche im Straßenraume wird das jedoch nicht machbar sein...

 

Schreibt uns gerne, wenn wir dieses Thema in unseren Magazinen mehr Beachtung schenken sollen und uns damit weiterführend und tiefgründiger befassen sollen 🙂

 

Quellen und weiterführende Literatur

https://de.wikipedia.org/wiki/Jevons-Paradoxon

https://de.wikipedia.org/wiki/Induzierte_Nachfrage

Jevons, W. S. (1865): The Coal Question. Grundlagen des Jevons-Paradoxons.

Cairns, S.; Hass-Klau, C.; Goodwin, P. (1998): Traffic Impact of Highway Capacity Reductions: Assessment of the Evidence. Ein Standardwerk zu Verkehrsreduktionen und Straßenrückbau.

 

Deine Takeaways

- Zusätzliche Fahrspuren machen Autofahren attraktiver – und ziehen dadurch neue Fahrten an.
- Wo Radwege, Busse und Bahnen attraktiv sind, steigen Menschen um und schaffen Platz auf der Straße.
- Wer wirklich auf das Auto angewiesen ist, profitiert von einer fairen Verteilung des Straßenraums.

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