14. Januar 2026 | 15:46 Uhr

Die Fahrrad- und Bike-Industrie steckt weiter in einer wirtschaftlich angespannten Phase. Nach dem pandemiebedingten Nachfrageboom der Jahre 2020 bis 2022 ist der Markt inzwischen in eine deutliche Korrektur geraten. Sinkende Verkaufszahlen, hohe Lagerbestände und zurückhaltende Investoren führen dazu, dass immer mehr Unternehmen in finanzielle Schieflage geraten oder Sanierungsverfahren einleiten¹.
Besonders betroffen sind Marken, die in den Boomjahren stark expandiert, Produktionskapazitäten ausgeweitet oder auf ein dauerhaft hohes Wachstum gesetzt hatten. Als sich der Markt schneller als erwartet abkühlte, gerieten diese Geschäftsmodelle unter Druck.
Ein prominentes Beispiel ist YT Industries. Der deutsche Ableger der Mountainbike-Marke musste im Jahr 2025 ein Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung einleiten, nachdem sich der bisherige Investor zurückgezogen hatte. Ziel war es, die Marke neu zu strukturieren und eine Fortführung des Geschäftsbetriebs zu ermöglichen. Der operative Betrieb lief währenddessen weiter, begleitet von personellen Einschnitten².
Auch international zeigt sich ein ähnliches Bild. Die polnische Unternehmensgruppe 7Anna, zu der unter anderem die Marken NS Bikes, Rondo und Creme Cycles gehören, meldete Insolvenz an. Gleichzeitig wurde nach neuen Investoren gesucht, um zumindest Teile des Geschäfts fortzuführen³. Damit wurde deutlich, dass die Krise nicht nur junge Direktvertriebsmarken trifft, sondern auch etablierte Akteure mit internationaler Präsenz.
Neben Herstellern geraten auch Händler und Online-Plattformen unter Druck. Der Fahrrad-Onlinehändler Hibike meldete bereits Ende 2024 Insolvenz an, weitere kleinere Anbieter folgten. Bei Hibike konnte Anfang 2025 zumindest ein neuer Investor gefunden werden. Besonders problematisch wirkt sich dabei aus, dass viele Händler noch immer auf großen Lagerbeständen sitzen, die zu stark reduzierten Preisen verkauft werden müssen. Branchenexperten sehen die Ursachen weniger in einer generellen Nachfrageschwäche als in einer Kombination aus Überproduktion, falschen Wachstumserwartungen und veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Steigende Zinsen, höhere Finanzierungskosten und eine vorsichtigere Kreditvergabe verschärfen die Situation zusätzlich⁴.
Einordnung
Die aktuelle Insolvenzwelle markiert keinen Zusammenbruch der Fahrradbranche, wohl aber eine Phase der Marktbereinigung. Insolvenz- und Sanierungsverfahren werden zunehmend als Instrument genutzt, um Unternehmen neu aufzustellen, Kosten zu senken und Geschäftsmodelle zu überprüfen. Gleichzeitig dürfte der Wettbewerb härter werden, insbesondere für Marken ohne klare Positionierung oder stabile Kapitalbasis.
Für die Branche insgesamt bedeutet das: Wachstum wird auf absehbare Zeit nicht mehr selbstverständlich sein. Stattdessen rücken Profitabilität, realistische Absatzprognosen und schlankere Strukturen in den Fokus. Welche Unternehmen diese Phase überstehen, dürfte sich in den kommenden Monaten entscheiden.
Quellen
https://www.mtb-news.de/news/insolvenzen-in-der-bike-industrie/
https://www.mtb-news.de/news/yt-industries-sanierungsverfahren-in-eigenverwaltung/
https://www.pinkbike.com/news/7anna-parent-company-of-ns-bikes-rondo-and-creme-files-for-bankruptcy.html
https://www.rolandberger.com/en/Insights/Publications/Recovery-delayed-The-European-bicycle-industry-in-crisis-mode.html
- Insolvenzen beschäftigen die Branche
- angespannte Situation auch für 2026
- Anpassungen sowohl im Handel als auch in der Industrie notwendig
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