15. Juni 2026 | 13:57 Uhr

Wenn an sonnigen Wochenenden die Regionalzüge Richtung Ostsee, Uckermark oder Spreewald aus allen Nähten platzen, ist die Diskussion schnell da: Zu viele Fahrräder. Zu wenig Platz. Also einfach Fahrräder verbieten?
Volle Regionalzüge, überfüllte Mehrzweckabteile und regelmäßig genervte Fahrgäste: Vor allem an Wochenenden geraten viele Bahnverbindungen rund um Berlin an ihre Kapazitätsgrenzen. Der Berliner Verkehrswissenschaftler Christian Böttger schlägt deshalb einen ungewöhnlichen Schritt vor: Auf besonders stark belasteten Strecken soll die Fahrradmitnahme zeitweise verboten werden. Die Idee sorgt für Diskussionen. Denn sie wirft eine grundsätzliche Frage auf: Sind Fahrräder tatsächlich das Problem – oder machen sie lediglich sichtbar, dass Deutschlands Regionalverkehr seit Jahren an seiner Belastungsgrenze fährt? Denn das eigentliche Problem sind nicht die Fahrräder. Das eigentliche Problem sind fehlende Kapazitäten.
Wer das Fahrrad aus dem Zug verbannt, löst keinen Engpass. Er verlagert ihn lediglich. Menschen fahren deshalb nicht plötzlich weniger. Sie steigen zum Beispiel ins Auto um, lassen Ausflüge ausfallen oder verzichten auf die Kombination verschiedener Verkehrsmittel. Aus einem Bahnproblem wird ein Verkehrsproblem.
Gerade für Pendlerinnen und Pendler im ländlichen Raum ist die Verbindung aus Fahrrad und Bahn oft die einzige praktikable Möglichkeit, um ohne eigenes Auto mobil zu sein. Viele Bahnhöfe liegen nicht direkt am Wohn- oder Arbeitsort. Das Fahrrad schließt genau diese letzte Lücke. Wird diese Verbindung gekappt, verliert der öffentliche Verkehr an Attraktivität.
Hinzu kommt das Signal, das von solchen Verboten ausgeht. Wer einzelne Strecken oder Zeiten für Fahrräder sperrt, vermittelt den Eindruck, dass Radverkehr im öffentlichen Verkehr eigentlich unerwünscht ist. Dabei verfolgen Bund, Länder und Kommunen seit Jahren das Gegenteil: mehr klimafreundliche Mobilität, mehr Intermodalität und weniger Abhängigkeit vom Auto.
Bahn und Fahrrad sind keine Konkurrenten. Sie sind Partner.
Fast jede Mobilitätsstrategie in Deutschland baut darauf auf, dass Menschen Verkehrsmittel kombinieren. Mit dem Fahrrad zum Bahnhof. Mit dem Zug in die nächste Stadt. Dort wieder aufs Rad. Genau diese Kombination macht nachhaltige Mobilität erst alltagstauglich. Die Antwort auf volle Züge kann deshalb nicht sein, Fahrräder auszuschließen. Die Antwort muss lauten: mehr Kapazitäten schaffen. Längere Züge. Mehr Mehrzweckabteile. Moderne Fahrzeugkonzepte mit größeren Fahrradbereichen. Reservierungssysteme auf besonders stark nachgefragten Strecken. Eine bessere Planung der Freizeitverkehre an Wochenenden. Niemand käme auf die Idee, überfüllte Züge dadurch zu entlasten, dass man Koffer oder Kinderwagen grundsätzlich verbietet. Warum also Fahrräder?
Die aktuelle Debatte zeigt vor allem eines: Die Nachfrage nach klimafreundlicher Mobilität wächst schneller als das Angebot. Das ist keine Begründung für Verbote. Es ist ein Auftrag für bessere Infrastruktur.
Wer mehr Menschen für Bahn und Fahrrad gewinnen möchte, darf die Verbindung zwischen beiden Verkehrsmitteln nicht schwächen. Er muss sie stärken.
WE RIDE GmbH
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