22. September 2026 | 09:36 Uhr

Mit Mut voran: Wie Koblenz Mobilität neu ordnet

von Lorenz Oberdoerster

(c) WE RIDE - Symbolbild

Parkplätze sind längst mehr als Abstellflächen. Sie sind eine Frage der Flächenverteilung – und damit eine politische Entscheidung. Koblenz zeigt, wie kommunale Mobilitätswende aussehen kann, wenn nicht nur gebaut, sondern auch gesteuert wird.

 

Wie viel Platz braucht ein Auto? Und wie viel ist dieser Platz der Allgemeinheit wert? Diese Fragen stehen inzwischen im Zentrum vieler Debatten über die Zukunft der Städte.  Kommunen nehmen Parkflächen weg, um Raum für Rad- und Fußverkehr, Grün oder Aufenthaltsqualität zu schaffen. Für Autofahrende bedeutet das Veränderung – und entsprechend häufig Widerstand.

Koblenz ist dabei ein interessantes Beispiel dafür, wie eine Stadt mit diesem Konflikt umgeht. Denn hier wird Mobilitätswende nicht ausschließlich über neue Radwege definiert. Die Stadt setzt zunehmend auf Lenkung: Wer öffentlichen Raum nutzt, soll dessen tatsächliche Inanspruchnahme stärker berücksichtigen. Gleichzeitig wird Radinfrastruktur ausgebaut und der Umweltverbund gestärkt.

Das Entscheidende daran ist weniger die einzelne Maßnahme. Es ist die politische Haltung dahinter.

Der Deutschlandfunk griff dies bereits zu den beschlossenen Erhöhungen der Bewohnerparkausweise om Koblenz 2024 auf und schaut aktuell erneut auf die Problematik am Beispiel von Koblenz.

Parken wird zur Steuerungsfrage

 

Seit März 2024 berechnet Koblenz die Gebühren für Bewohnerparkausweise nach der tatsächlichen Größe des jeweiligen Fahrzeugs. Grundlage sind Länge und Breite des Autos. Ein Mindestbetrag von 100 Euro gilt, größere Fahrzeuge zahlen entsprechend mehr. Für einen VW Golf 7 wurden beispielsweise rund 179 Euro berechnet, für einen VW Tiguan rund 196 Euro.

Die Logik ist bemerkenswert einfach: Wer mehr öffentlichen Raum benötigt, bezahlt mehr dafür.

Das ist keine reine Einnahmepolitik. Die Stadt begründet das Modell ausdrücklich mit der tatsächlich beanspruchten Fläche. Oberbürgermeister David Langner verwies darauf, dass die Stadt auch bei anderen Nutzungen danach unterscheide, wie viel öffentlicher Raum in Anspruch genommen werde.

Damit wird aus einer Gebühr ein Instrument der Verkehrspolitik.

Und die Wirkung ist inzwischen messbar. Im Haushaltsplan 2026 stellt die Stadt fest, dass die Zahl der Bewohnerparkausweise nach Einführung der neuen Berechnungsformel signifikant zurückgegangen ist. Als mögliche Reaktion nennt die Verwaltung unter anderem die Nutzung von Garagen und die Abschaffung von Pkw. Gleichzeitig geht die Stadt davon aus, dass künftig schrittweise weitere öffentliche Stellplätze wegfallen und dadurch auch die Einnahmen aus Parkgebühren sinken werden.

Genau hier wird der Unterschied zwischen Verwalten und Gestalten sichtbar.

Eine Kommune kann versuchen, möglichst viele Parkplätze bereitzuhalten und Konflikte zu vermeiden. Oder sie kann den vorhandenen Raum bewusst bewirtschaften und damit Verhalten beeinflussen.

Koblenz hat sich zumindest bei diesem Instrument für die zweite Variante entschieden.

Mobilitätswende bedeutet Flächenwende

 

Der Deutschlandfunk beschreibt in seiner Reportage einen grundlegenden Zielkonflikt: Straßenraum ist begrenzt. Wird eine Fläche für parkende Autos genutzt, steht sie nicht gleichzeitig für einen breiteren Gehweg, einen Radweg, Bäume oder Aufenthaltsflächen zur Verfügung. Ein einzelner öffentlicher Stellplatz umfasst dabei rund 12,5 Quadratmeter.

Damit wird Verkehrspolitik zwangsläufig zur Flächenpolitik.

Auch Koblenz formuliert diesen Zusammenhang inzwischen ausdrücklich. Im Haushaltsplan heißt es, die Stadt müsse den Bedürfnissen des Parkens gerecht werden, zugleich aber Klimaschutz, Rad- und Fußverkehr berücksichtigen. In den kommenden Jahren sollen deshalb Möglichkeiten zum Parken im öffentlichen Raum zugunsten von Aufenthaltsflächen, Radverkehrsanlagen und öffentlichem Grün reduziert werden.

Das ist eine bemerkenswert klare Zielsetzung.

Denn sie bedeutet: Der Status quo ist nicht automatisch das Ziel.

Vom Radweg zum Netz

 

Parallel dazu baut Koblenz seine Radinfrastruktur aus. Grundlage ist unter anderem die 2021 zwischen Stadtverwaltung und Radentscheid vereinbarte Entwicklung des Radverkehrsnetzes. Für verschiedene Zeiträume wurden konkrete Maßnahmen bis 2027 vereinbart. Eine Zwischenbilanz der Stadt fällt positiv aus, auch wenn nicht alle Vorhaben wie geplant umgesetzt werden konnten.

Inzwischen geht es dabei längst nicht mehr nur um einzelne Schutzstreifen.

Die Horchheimer Eisenbahnbrücke wird für den Fuß- und Radverkehr ausgebaut. Zwischen Goldgrube und Rauental entsteht eine neue Geh- und Radwegbrücke über zwölf Bahngleise. Die Südallee wird schrittweise zu einer Fahrradstraße umgebaut. Hinzu kommen Sanierungen wichtiger Uferwege und zahlreiche kleinere Maßnahmen im Stadtgebiet.

Die Stadt verfolgt dabei ausdrücklich einen Alltagsansatz: Radverkehr soll sicherer, attraktiver und besser mit anderen Verkehrsmitteln verknüpft werden. Baudezernent Andreas Lukas beschreibt nachhaltige und flächensparende Mobilität als Zukunftsaufgabe und stellt die Vernetzung von Bahn, Bus und Fahrrad in den Mittelpunkt.

Das ist ein wichtiger Perspektivwechsel.

Die Frage lautet nicht mehr ausschließlich: Wie bekommen wir Radfahrende möglichst sicher durch den bestehenden Autoverkehr?

Sondern zunehmend: Wie muss der Stadtraum gestaltet sein, damit unterschiedliche Formen der Mobilität funktionieren können?

Mut beginnt dort, wo es unbequem wird

 

Verkehrswende klingt abstrakt – bis sie vor der eigenen Haustür stattfindet.

In Koblenz zeigt sich das beispielsweise an der Südallee. Der Umbau zur Fuß- und Radfahrstraße wird von Diskussionen über Kosten, Bäume und den Wegfall von rund 120 Parkplätzen begleitet.

Genau solche Konflikte sind für die Mobilitätswende entscheidend.

Denn eine Verkehrspolitik, die nur dort Veränderungen vornimmt, wo niemand betroffen ist, verändert am Ende wenig.

Baudezernent Andreas Lukas beschreibt diesen Zielkonflikt selbst. Im Radverkehrsbericht 2025 spricht er von den umfangreichen Abstimmungsprozessen hinter den Maßnahmen und davon, dass daraus teilweise Kompromisslösungen entstehen. Diese seien nicht immer geeignet, alle Erwartungen zu erfüllen, müssten aber tragfähig, rechtssicher und konsensfähig sein. Gleichzeitig kündigt Lukas für 2026 „mutige Schritte in Richtung radverkehrsfreundliche Stadt“ an.

Das ist vielleicht die entscheidende politische Aufgabe:

Kompromisse ermöglichen – ohne das eigentliche Ziel zu verlieren.

Denn nicht jeder Kompromiss ist automatisch ein guter Kompromiss. Wird eine Maßnahme so lange abgeschwächt, bis niemand mehr dagegen ist, kann am Ende auch die ursprüngliche Wirkung verschwunden sein.

Kommunikation statt Konfliktvermeidung

 

Eine moderne Mobilitätswende braucht deshalb nicht nur Infrastruktur, sondern Kommunikation.

Koblenz setzt dabei auf regelmäßige Berichte, Beteiligungsformate und den direkten Austausch. Der Radverkehrsbericht wird inzwischen jährlich veröffentlicht. Die Verwaltung stimmt die Umsetzung der vereinbarten Maßnahmen regelmäßig mit dem Radentscheid ab.

Das ist mehr als Öffentlichkeitsarbeit.

Es schafft Nachvollziehbarkeit: Was wurde beschlossen? Was wurde umgesetzt? Was verzögert sich? Wo musste angepasst werden – und warum?

Gerade bei Maßnahmen, die Parkplätze reduzieren oder Verkehrsflächen neu verteilen, ist diese Transparenz entscheidend. Denn Veränderung wird nicht dadurch konfliktfrei, dass man sie nicht erklärt. Sie wird eher handhabbar, wenn die Ziele, Gründe und Konsequenzen offen benannt werden.

Lenkung statt Verbote

 

Die Koblenzer Entwicklung zeigt dabei einen Ansatz, der für viele Städte interessant sein könnte: Mobilität muss nicht ausschließlich über Verbote verändert werden.

Preise, Flächen, Infrastruktur und Erreichbarkeit können Verhalten lenken.

Ein teurerer Bewohnerparkausweis für größere Fahrzeuge setzt einen anderen Anreiz als ein pauschales Verbot. Eine sichere Fahrradverbindung schafft eine Alternative, bevor Autofahrende zum Umstieg aufgefordert werden. Eine Mobilitätsstation verbindet verschiedene Verkehrsmittel, anstatt sie gegeneinander auszuspielen.

Das Ziel ist nicht, das Auto aus der Stadt zu verbannen.

Das Ziel ist, den Stadtraum so zu organisieren, dass das Auto nicht automatisch die erste und für alle Situationen selbstverständliche Lösung sein muss.

Koblenz ist noch keine fertige Fahrradstadt

 

Dabei sollte man die Entwicklung nicht überhöhen. Der Radverkehrsanteil in Koblenz lag zuletzt bei rund neun Prozent; die Stadt strebt eine Steigerung auf 15 Prozent bis 2030 an. Gleichzeitig gibt es weiterhin Lücken im Netz und Konflikte um konkrete Projekte.

Gerade deshalb ist Koblenz interessant.

Die Stadt ist kein fertiges Modell, sondern ein laufender Veränderungsprozess. Die entscheidende Frage ist nicht, ob jede Maßnahme perfekt gelingt. Sondern ob eine Kommune bereit ist, aus einem erkannten Ziel konkrete Entscheidungen abzuleiten – und anschließend mit den Konsequenzen umzugehen.

Das bedeutet manchmal, Parkplätze anders zu bewirtschaften.

Es bedeutet, Radwege dort zu bauen, wo bisher Autos Raum hatten.

Es bedeutet, über Kosten und Bäume zu streiten.

Es bedeutet, Kritik ernst zu nehmen, ohne das Ziel aufzugeben.

Und es bedeutet, Kompromisse zu finden, ohne die Wirkung der Veränderung so lange zu reduzieren, bis vom ursprünglichen Vorhaben kaum noch etwas übrig bleibt.

Die eigentliche Verkehrswende beginnt bei der Entscheidung

 

Koblenz zeigt damit eine Seite der Mobilitätswende, die in der öffentlichen Debatte häufig untergeht: Verkehrspolitik ist vor allem eine Frage politischer Entscheidungen.

Infrastruktur folgt Entscheidungen. Preise folgen Entscheidungen. Die Verteilung von Straßenraum folgt Entscheidungen.

Und diese Entscheidungen haben eine Lenkungswirkung.

Der Deutschlandfunk hat den Streit um das Parken als Konflikt um den öffentlichen Raum beschrieben. Koblenz macht daraus zunehmend eine konkrete kommunale Aufgabe: Wie soll dieser Raum künftig genutzt werden?

Die Antwort darauf wird zwangsläufig nicht allen gefallen.

Vielleicht ist genau das ein notwendiger Bestandteil einer ernst gemeinten Mobilitätswende.

Denn eine Stadt, die ihre Mobilität tatsächlich an neue Anforderungen anpassen will, kann nicht ausschließlich danach entscheiden, welche Veränderung am wenigsten Widerstand hervorruft.

Mut zur Veränderung bedeutet nicht, Konflikte zu ignorieren. Es bedeutet, sie auszuhalten, transparent zu machen und trotzdem Entscheidungen zu treffen.

Deine Takeaways

- Öffentlicher Raum braucht klare Prioritäten.
- Lenkung kann Mobilität nachhaltig verändern.
- Mut heißt: Konflikte aushalten, Ziele bewahren.

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