27.01.2026 | 16:38 Uhr

Simon Geschke: Mehr als ein Etappensieg

von Robert Strehler

Journal
(c) Kasimir Schmidt

Vom Cover der ersten WE RIDE FREIBURG direkt in einen neuen Lebensabschnitt: Wir sind sehr dankbar, dass Simon sich Zeit nimmt, um mit uns auf 16 Jahre Profiradsport zurückzublicken – auf große Siege, leise Momente im Team und den bewussten Schritt raus aus dem Leistungssystem. Er erzählt von Freiburg als Zuhause, vom Ankommen im neuen Alltag mit Familie, von Freiheit ohne Trainingsplan und davon, wie sich Prioritäten verschieben. Ein persönliches Gespräch über Abschied und Neuanfang, über Haltung, Herzensprojekte und darüber, warum manche Dinge erst nach der Karriere ihren echten Wert bekommen.

WE RIDE im Interview mit Simon Geschke

Hey Simon, beschreib dich bitte in drei Worten.

Ruhig, loyal, zielstrebig.

Wenn du eine Fahrradmarke wärst – welche wär’s?

Wahrscheinlich ein solider Allrounder. Nicht der große Marktführer, aber zuverlässig, vielseitig, mit Stil. Vielleicht Colnago – passt auch zu meinen italienischen Wurzeln. Ich mag Räder, die alles können.

Was ist dein Spirit Animal?

Ganz klar: ein Bär. Ich bin kein Fan von Kälte – und der Winterschlaf passt auch gut zu mir.

Und wenn du ein Snack wärst?

Dann auf jeden Fall etwas Zuckriges mit wenig Fett – sagen wir: ein Oreo-Keks.

Nach 16 Jahren als Radprofi hast du den Helm an den Nagel gehängt. Wie fühlt sich dein Alltag jetzt an – zurück in Freiburg, ohne Trainingsplan?

Vor allem: deutlich freier. Klar, ich vermisse manches – den Teamalltag, die Rennen. Aber vieles auch nicht. Zum Beispiel, dass ich mich direkt nach dem letzten Rennen von den Dopingkontrollen abmelden konnte – ein klarer Schnitt. Seit ich 15 war, hatte ich immer einen Trainingsplan. Jetzt kann ich spontan entscheiden, ob und wie viel Sport ich mache – das war völlig neu für mich. Mit der Geburt unserer Tochter kam ein neuer Lebensmittelpunkt dazu und auch organisatorisch musste ich mich erstmal in vieles einarbeiten. Anfangs war das ungewohnt, fast wie ein kleines Loch – aber ich wusste, dieser Moment wird kommen. Und inzwischen fange ich an, den neuen Alltag wirklich zu genießen.

Was macht Freiburg für dich lebenswert – gerade im Vergleich zu den vielen Orten, an denen du als Profi unterwegs warst?

Die Vielseitigkeit. Freiburg hat genau die richtige Größe – alles ist nah, die Wege sind kurz und trotzdem fehlt dir nichts. Ich komme aus Berlin, das ist natürlich eine ganz andere Dimension. Hier ist alles entspannter, friedlicher, man fühlt sich wohl – auch abends oder in der Straßenbahn. Das ist ein Riesenplus. Dazu kommt die Umgebung: Der Schwarzwald ist direkt vor der Tür, das Umland ist wunderschön. Für mich als Radsportler war das natürlich ideal – ob Straße, Gravel oder Mountainbike. Selbst Skilanglauf im Winter ist möglich. Und wenn ich mal flach fahren wollte, ging das hier auch perfekt – gerade im Zeitfahrtraining oder zum Wiedereinstieg nach der Pause. Und ja, das Klima ist auch nicht zu unterschätzen. Es fühlt sich fast schon wie eine andere Klimazone an – das weiß ich wirklich zu schätzen.

Was war das Erste, das du nach deinem letzten Rennen ganz bewusst als freier Mensch gemacht hast?

Direkt nach dem Rennen war es noch wie immer – die Saisonpause steht ja sowieso an. Aber so richtig bewusst wurde mir der Unterschied im November, als ich eigentlich wieder ins Training hätte einsteigen müssen. Stattdessen habe ich mich von den Dopingkontrollen abgemeldet – das war ein echtes Freiheitsgefühl. Kein ständiges Eintragen mehr, wo ich bin, kein Aufwand mehr, wenn ich mal länger unterwegs war. Das war so ein Moment, in dem ich gemerkt habe: Jetzt ist wirklich Schluss.

Gab’s auch so kleine Rituale nach dem Karriereende – zum Beispiel keinen Ernährungsplan mehr?

Ehrlich gesagt war das gar kein so großer Unterschied. Nach dem letzten Rennen war das schon immer so – vier Wochen mal nicht so genau auf alles achten, auch mal ein Bier zu viel trinken. Das war jedes Jahr mein kleiner Break. Insofern war der Übergang ziemlich weich und entspannt – ein smarter, softer Überlauf in den neuen Alltag.

2015 hast du eine Etappe der Tour de France gewonnen. Was ging dir durch den Kopf, als du über die Ziellinie gefahren bist – dieser Moment, in dem man weiß: Ich hab’s geschafft?

Ich bin ja solo ins Ziel gekommen – da hat man natürlich schon die letzten Kilometer Zeit, sich auf den Moment vorzubereiten. Ganz sicher ist man sich nie, aber es war nicht völlig überraschend. Trotzdem war ich total überwältigt. Euphorie, Adrenalin – ich kann mich an die Minuten danach nur noch wie in einem Film erinnern. Das war definitiv mein größter Erfolg. Im Radsport gibt’s nicht viel, was größer ist als ein Etappensieg bei der Tour de France. Klar, es gibt auch andere prestigeträchtige Rennen, aber die Tour ist einfach das größte Event – im Radsport und darüber hinaus. Für mich als Helfer und Allrounder war es umso bedeutender. So ein Sieg passiert nur, wenn wirklich alles perfekt zusammenläuft – und das war bei mir an diesem Tag einfach der Fall.

War der Etappensieg 2015 dein Karriere-Peak – oder fühltest du dich rückblickend zu einem anderen Zeitpunkt am stärksten?

Ich würde sagen, meine sportlich stärkste Phase waren die Jahre 2014 und 2015 – da war ich Ende 20, körperlich auf dem Höhepunkt und hatte auch meine besten Leistungen. 2022 war ich definitiv noch mal auf einem ähnlich hohen Niveau, aber anders. Der Körper verändert sich, man wird konstanter, aber verliert etwas an Explosivität. Ich war später eher ein „Dieselmotor“ – nicht mehr ganz so angriffslustig, dafür aber über lange Strecken extrem stabil. Rennen habe ich nach meinem Tour-Etappensieg keine mehr gewonnen, aber ich bin sehr stolz auf meine späten Erfolge: 14. beim Giro 2023 oder lange das Bergtrikot bei der Tour 2022 zu tragen – das waren Leistungen, die ich früher so nicht hätte abrufen können. Anfangs war ich der punchy Fahrer, später einer, der über Wochen konstant performt. Mein Karriereverlauf war also zweigeteilt: Die Siege kamen früh, die Stabilität mit der Erfahrung.

Gab es neben dem Tour-Etappensieg noch ein Erlebnis, das dir besonders im Kopf geblieben ist?

Auf jeden Fall! Ich denke da zum Beispiel an meine Top-Ten-Ergebnisse bei den Klassikern – Sechster beim Amstel Gold Race, Zehnter beim Flèche Wallonne. Aber auch an den #Giro d’Italia 2017, als ich Teamkollege von Tom Dumoulin war und ihn als wichtigster Helfer am Berg bei seinem Gesamtsieg unterstützen konnte. Das war kein persönlicher Sieg, aber ein großer Moment – weil ich wusste, welchen Anteil ich an diesem Erfolg hatte. So ist Radsport: Teamarbeit zählt. Und dann waren da noch meine ganz persönlichen Wunschrennen, die ich in meinem letzten Profijahr nochmal fahren durfte: Tour Down Under, Strade Bianche und der #Giro – alles Highlights meiner Karriere. Dass ich da nochmal starten konnte, war ein schönes Geschenk zum Abschluss.

Du bist auch am Bikehotel Freiburg beteiligt – wie kam es zu dem Projekt?

Die Idee kam vor zwei Jahren auf, inspiriert von einem Höhenhotel in Spanien. Ich fand klassische Höhentrainingslager als Profi oft eher ungemütlich – kalt, abgeschieden, manchmal sogar im Schnee. Da dachte ich: Warum nicht ein Höhenhotel in Freiburg mit angenehmem Klima und top Trainingsbedingungen? Ein befreundeter Mountainbiker brachte mich mit dem Bikehotel in Kontakt. Ich habe in die Höhenanlage investiert und die gesamte Technik organisiert – vom Generator bis zu den Steuergeräten. In den Zimmern lassen sich individuell von 1000 bis 6000 Meter Höhe simulieren – ideal für Rad-, Lauf- oder Bergsport. Ich war selbst vor dem Giro mehrfach dort. Es ist effizient, entspannt – und ein echter Mehrwert für ambitionierte Sportler*innen in Deutschland. Bis jetzt ist es ein Herzensprojekt, das sich hoffentlich langfristig auch finanziell lohnt.

Du hast deine Radsport-Karriere beendet – und bist direkt einen Marathon gelaufen. Warum?

Das war eine Mischung aus jugendlichem Leichtsinn und dem typischen Radsport-Denken: Viel hilft viel. Ich hatte während meiner Karriere immer Lust aufs Laufen, aber auch großen Respekt vor Verletzungen – das ist einfach ein ganz anderer Bewegungsapparat als beim Radfahren. Nach dem Karriereende wollte ich es dann wissen: ein paar Laufeinheiten im Winter und im April direkt ein Marathon. Total naiv, ehrlich gesagt. Ich war mehrfach kurz davor, mich auf den Halbmarathon umzumelden – aber zu stolz. Am Marathontag wusste ich nicht mal, ob ich ankomme. Am Ende hat’s gereicht – mit starkem Herz, aber müden Beinen. Trotzdem: ein gutes Gefühl, das Ding durchgezogen zu haben.

Letzte Frage, Simon: Greifst du morgens zuerst zum Rad, zum Laufschuh – oder zur Kaffeetasse?

Ganz klar: zur Kaffeetasse. Danach schaue ich, was der Tag bringt. Ich bin nicht sportsüchtig, aber wenn Zeit ist, mache ich gern etwas – außer das Wetter ist richtig mies. Dann eben Krafttraining oder eine Laufrunde. Radfahren reizt mich aktuell am wenigsten – ich setze mich höchstens mal aufs Mountainbike. Rennrad fahre ich nur noch in Gesellschaft. Laufen gehe ich gern, aber da brauche ich nach jeder Einheit zwei Tage Pause, sonst macht mein Körper nicht mit. Radfahren geht zwar täglich – das habe ich ja lange genug gemacht –, aber der Alltag sieht jetzt anders aus. Prioritäten verschieben sich eben.

Danke dir!

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