11.12.2025 | 12:29 Uhr

Die Schattenseiten des Radsports mit Clara Koppenburg: Healing

von Anne-Katrin Hutschenreuter

Journal
Clara Koppenburg, Profi-Radsportlerin beim Team Cofidis und Sportwissenschaftlerin aus dem Schwarzwald, spricht offen über die Schattenseiten des Radsports, den langen Weg zurück zur Gesundheit – und über ihren Wunsch nach einem Leben im Einklang mit sich selbst. (c) Clara Koppenburg

Cris im Interview mit Clara Koppenburg

Liebe Clara, stell dich doch einmal kurz vor. Wer bist du, wie alt bist du, wie lange bist du schon im Profi-Radsport?

Ich komme ursprünglich aus Lörrach, direkt an der Schweizer und französischen Grenze, also mitten im Dreiländereck im Süden Deutschlands. Vor ein paar Tagen bin ich 30 geworden. Radprofi bin ich seit meinem 19. Lebensjahr. Angefangen habe ich mit 17, 18 – und hatte das Glück, schnell in ein Team zu kommen. Parallel habe ich in Konstanz Sportwissenschaften studiert, von 2014 bis 2018. Während des Studiums habe ich den Radsport immer intensiver betrieben. Nach meinem Bachelor habe ich mich dann entschieden, mich komplett auf den Sport zu konzentrieren – und das mache ich seit 2018, 2019 hauptberuflich.

Du hast einige Erfolge gefeiert, warst als Expertin für die ARD bei der Tour de France Femmes im Einsatz und hast dich kürzlich sehr offen zu den Themen Gewichtsverlust, mentale Stärke und den Schattenseiten des Profisports geäußert. Was bedeutet es für dich, Radsport auf diesem Niveau zu betreiben – und was macht das mit deinem Körper?

Radsport ist extrem intensiv – Ausdauer, Kraft, ständige Grenzerfahrungen. Im Profibereich zählt das Verhältnis Watt pro Kilogramm: Je leichter, desto schneller am Berg. Genau darin liegt die Gefahr. Während meiner Bachelorarbeit, im Stress zwischen Training und meiner ersten WM, verlor ich unbewusst Gewicht – und war plötzlich erfolgreicher. Das hat mich bestätigt, bis es kippte: Ich war müder, verletzungsanfälliger, habe mir mehrfach Knochen gebrochen. Da wurde mir klar, dass es so nicht weitergeht. Also nahm ich wieder zu – körperlich richtig, mental unglaublich schwer. Im Radsport war ich damit ziemlich allein, statt Verständnis gab es Komplimente fürs Aussehen. Darum war es mir wichtig, offen darüber zu sprechen. Viele leiden im Stillen unter Essstörungen oder RED-S. Der Weg raus ist hart, aber möglich – mit Zeit, Unterstützung und Mut. Ich habe beschlossen, ihn weiterzugehen – als gesunde, starke Athletin.

Als du in dieser Abwärtsspirale rund um dein Gewicht warst – warst du da komplett auf dich allein gestellt? Oder hat dein Team eingegriffen?

Am stärksten war es 2019, 2020, als ich für Ceratizit-WNT fuhr und meinen ersten Sieg feierte. Das war eine riesige Bestätigung – und gleichzeitig der Punkt, an dem mein sportlicher Leiter eingriff. Er verbot mir im Mai, Rennen zu fahren, aus Angst, ich könnte mir bei einem Sturz Knochen brechen. Damals war ich fassungslos. Ich fühlte mich stark und wollte unbedingt weiterfahren – das Rad war mein Halt. Heute weiß ich, dass es die richtige Entscheidung war. Sie hat mir gezeigt, dass es Grenzen gibt, auch wenn ich sie damals nicht sehen wollte. Über Themen wie Periode, Gewicht oder RED-S sprach damals kaum jemand. Das Team sagte nur: „Nimm zu, dann darfst du wieder starten.“ Wie viel gesund ist, wusste niemand so genau. Unterstützung oder Aufklärung gab es kaum – die Hilfe musste ich mir selbst suchen. Trotzdem habe ich großen Respekt davor, dass das Team gehandelt hat. Gesundheit vor Resultaten – das war mutig. Heute ist das Bewusstsein größer, aber es bleibt schwierig. Wer sich ein Bein bricht, bekommt Blumen; wer psychisch oder körperlich überlastet ist, wird oft allein gelassen. Ich war immer offen, habe mit Familie und Freunden gesprochen, andere ziehen sich zurück. Durch den Radsport stand ich in der Öffentlichkeit – ich konnte mich nicht verstecken. Natürlich kamen auch negative Kommentare, aber irgendwann war klar: Ich muss dagegenhalten, selbst wenn das bedeutet, Leistung einzubüßen.

Hattest du damals das Gefühl, dass es unausgesprochene Erwartungen an dich gab – von Teams, Sponsoren oder sportlicher Leitung? Oder wurde eher immer auf dich aufgepasst und gesagt: „So geht es nicht weiter“?

Das war unterschiedlich. Niemand hat mich aktiv darin bestärkt, noch weiter Gewicht zu verlieren. Im Gegenteil: Man hat mich darauf hingewiesen, dass es gefährlich werden könnte. In jedem neuen Team gibt es außerdem Gesundheitschecks – BMI, Körperfett, Knochendichte, Herz und EKG. Da wird schon sehr genau hingeschaut. Trotzdem: Mir war völlig bewusst, dass ich untergewichtig war. Man konnte es ja auch sehen. Aber solange ich auf dem Rad Bestätigung bekam, habe ich nicht viel hinterfragt. Ich konnte jedes Training perfekt durchziehen, im Rennen lief es und ich habe Erfolge gefeiert. Genau das hat mich innerlich bestätigt: Ich bin auf dem richtigen Weg – sonst würde ich ja nicht gewinnen.

Was ist der Preis, den du für diese Phase bezahlt hast? Bist du heute wieder medizinisch völlig im Reinen mit dir – oder hat das Spuren hinterlassen?

Es hat definitiv Spuren hinterlassen. In der Zeit, in der ich stark untergewichtig war, bin ich zweimal gestürzt und habe mir jeweils das Becken gebrochen – mit normaler Knochendichte wäre das wohl nicht passiert. Heute bin ich dankbar, dass sich mein Körper erholt hat und ich meine Periode wieder regelmäßig bekomme. Nach sechs Jahren ohne Zyklus war das ein Wendepunkt – auch, weil ich mir wünsche, eines Tages eine Familie zu gründen. Aber der Weg zurück war lang und kompliziert. „Recovery is messy and not linear“ – das trifft es perfekt. Niemand kann dir sagen, wann der Körper wieder im Gleichgewicht ist. Manchmal verstehe ich ihn selbst nicht: Früher wollte ich zunehmen und nichts passierte, heute trainiere ich viel, ernähre mich gesund – und trotzdem lagert mein Körper Fett und Wasser ein. Das macht es schwer, mich wohlzufühlen. So banal es klingt: Kleidung, Körpergefühl, Leistungsfähigkeit – all das verändert sich. Und auch wenn ich meine Periode nicht missen möchte, bringt sie Schmerzen, Wassereinlagerungen und müde Beine mit sich – Dinge, die im Leistungssport kaum Platz haben. Unterstützung gibt es wenig, klare Anleitungen erst recht nicht. Manche Teams gehen das Thema inzwischen sensibler an, aber es bleibt ein Tabu. Für mich ist es bis heute ein Balanceakt zwischen Gesundheit, Leistung und mentaler Stärke.

 “Ich will zeigen: Es ist möglich, sich gesund zurückzukämpfen und wieder vorne mitzufahren.”


Was würdest du deinem zehn Jahre jüngeren Ich raten – mit all dem Wissen, das du heute hast?

Am liebsten würde ich ihr sagen: Lass dich nicht in eine Essstörung hineinziehen und belüge weder dich selbst noch dein Umfeld. Versuch, gesund zu bleiben und deine Leistung auf einem stabilen Fundament aufzubauen. Natürlich klingt das einfacher, als es in der Realität ist – auch mir haben das viele Menschen gesagt, aber in diesen Momenten war keine Antwort möglich. Heute weiß ich: Das Leben ist so viel stressfreier und schöner, wenn man nicht ständig über Gewicht, Essen oder Verstecken nachdenken muss. Beziehungen zu Familie und Freund*innen sind leichter, der Alltag fühlt sich besser an. Es ist gesünder, ein konstantes, gutes Gewicht zu halten, statt extreme Schwankungen zu durchleben. Und vor allem: Es gibt so viele wichtigere Themen im Leben als diese permanente Gewichtsdebatte. Sie nimmt unglaublich viel Raum ein – im Alltag und im Kopf. Ich wünschte, ich hätte meine Energie früher auf die wirklich bedeutsamen Dinge lenken können.

Wie können wir solche Spiralen überhaupt aufbrechen? Was braucht es – von Teams, Umfeld, Kolleginnen und Freunden –, damit Fahrerinnen wie du Unterstützung bekommen und nicht allein gelassen werden?

In den letzten Jahren hat sich schon viel getan, weil immer mehr Fahrerinnen offen über ihre Erfahrungen sprechen. Das Wichtigste ist Kommunikation – das ehrliche Gespräch, wenn man merkt, jemand gerät in eine gefährliche Richtung. Jedes Team sollte heute eine professionelle Ernährungsberatung haben. Fahrerinnen müssen verstehen, wie viel Energie sie wirklich verbrauchen und dass Kohlenhydrate kein Feind sind, sondern Grundlage für Leistung. Aufklärung und Prävention sind entscheidend – aber genauso wichtig ist die Zeit danach. Wenn jemand den Mut hat, aus einer Essstörung auszubrechen, darf sie nicht fallen gelassen werden. Genesung ist nie linear, sie braucht Zeit, Geduld und Vertrauen. Genau das ist im Profisport schwierig, weil jedes Jahr neue Verträge anstehen und die Leistung ständig bewertet wird. Natürlich denke auch ich manchmal: Wenn ich wieder acht Kilo leichter wäre, ginge alles einfacher. Aber genau das darf nicht die Botschaft sein. Teams müssen Fahrerinnen in dieser Phase aktiv stützen – nicht nur mit Worten, sondern mit Taten. Wenn wir sehen, dass Kolleginnen nach einer Recovery keine Verträge mehr bekommen, schreckt das enorm ab. Ich will zeigen: Es ist möglich, gesund zurückzukommen und wieder vorne mitzufahren. Aber dafür braucht es Mut, Unterstützung und echte Rückendeckung.

Wenn du einen Wunsch für die Zukunft frei hättest – bezogen auf dieses Thema –, welcher wäre das?

Dann wünschte ich mir, wieder vollkommen mit mir im Reinen zu sein. Dass ich meinen Körper von oben bis unten liebe, Zufriedenheit ausstrahle und einfach bei mir selbst ankomme – egal, was ich tue. Bestenfalls fahre ich noch ein, zwei Jahre professionell Rad und erfülle mir danach meinen größten Traum: Mama zu werden und ein glückliches Familienleben zu führen.

Vielen Dank für deine Zeit! Wir wünschen dir alles Gute!

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