25.09.2025 | 14:46 Uhr

Gleiche Arbeit, geringere Anerkennung: Karla Sommer Fairness im Radsport & weibliche Perspektiven im Fahrradvertrieb

von Robert Strehler

Vrouw met fiets in moderne omgeving.
Journal
Wir treffen Karla Sommer auf der EUROBIKE 2025 – ehemalige Rennradfahrerin, Branchenprofi mit über 20 Jahren Erfahrung und heute mit eigener Handelsvertretung unterwegs, u. a. für die Marke Orbea. Im Gespräch über Fairness im Radsport, weibliche Perspektiven im Fahrradvertrieb und darüber, warum echte Expertise mehr zählt als ein alter Meistertitel. (c) WE RIDE

Robert im Interview mit Karla Sommer

Karla, du bist seit über 20 Jahren in der Fahrradbranche tätig. Wie hat dein Weg hierher begonnen – und warum bist du geblieben?

Ich bin selbst viele Jahre Rennrad gefahren, das war meine große Leidenschaft. Irgendwann stand ich vor der Entscheidung: Versuche ich den Sprung in den Profibereich – mit dem Wissen, dass ich damit kaum Geld verdienen kann? Oder finde ich meinen Platz in der Branche und bleibe dem Radsport so treu? Ich habe mich für Letzteres entschieden und meine Ausbildung bei Rose gemacht. Das war mein Einstieg – und diese Entscheidung habe ich nie bereut. Ich habe dort viel gelernt, bin bis heute eng mit dem Team verbunden und freue mich jedes Mal, wenn wir uns begegnen.

Heute arbeitest du mit deiner Handelsvertretung unter anderem für Orbea. Was schätzt du an dieser Arbeit besonders?

Ich liebe den direkten Austausch – mit Händler*innen, mit dem Produkt, mit der Szene. Ich bin viel unterwegs, kenne die Branche aus verschiedenen Perspektiven und es fühlt sich für mich einfach stimmig an. Gerade mit einer Marke wie #Orbea zusammenzuarbeiten, macht großen Spaß: Sie ist technisch stark, designorientiert und hat eine klare Haltung. Das passt zu mir.

Du hast mit neun Jahren angefangen, Rad zu fahren, und wolltest später Profi werden – hast dich aber bewusst dagegen entschieden. Warum?

Ich habe früh gemerkt, wie groß meine Leidenschaft fürs Radfahren ist – mit neun saß ich zum ersten Mal richtig im Sattel. Der Wunsch, Profi zu werden, war da, aber die Realität sah gerade für Frauen damals einfach anders aus. Viele, die es geschafft haben, sind bei der Bundeswehr oder Polizei gelandet, weil es kaum andere Möglichkeiten zur Absicherung gab. Ich habe mich gefragt: Will ich das wirklich – mit 35 meine Karriere beenden und dann im Streifendienst weitermachen? Für mich fühlte sich das nicht richtig an. Deshalb bin ich einen anderen Weg gegangen – in die Branche selbst. Das war die nachhaltigere Entscheidung für mich.

Wie nimmst du die Entwicklungen für Frauen im Radsport wahr?

Es hat sich auf jeden Fall etwas getan. Es gibt mehr Frauenteams, eigene Rennen wie die Tour de France Femmes oder den Giro für Frauen – allein das war früher undenkbar. Die Sichtbarkeit ist größer geworden, der Fokus wächst. Aber: Frauen sind im Sport insgesamt nach wie vor unterrepräsentiert – das zieht sich durch viele Disziplinen, nicht nur im Radsport. Nur wenige Bereiche wie Tennis oder Surfen machen da eine Ausnahme. Beim Surfen wurde zum Beispiel durchgesetzt, dass Frauen und Männer gleiche Preisgelder bekommen – und plötzlich ist der Frauensport richtig aufgeblüht. Ich frage mich manchmal schon: Was wäre gewesen, wenn ich es damals einfach versucht hätte? Aber ich habe es gar nicht erst ausprobiert – so wie viele andere Frauen auch, die vorher aussteigen, weil ihnen die Förderung fehlt, das Geld, die Unterstützung aus dem Elternhaus. Und so sehen wir viele Talente vielleicht gar nicht – weil sie nie die Chance bekommen, ihr Potenzial zu zeigen.

Müsste man im Radsport vielleicht bei der finanziellen Gleichstellung ansetzen, um echte Veränderungen zu bewirken?

Absolut. Wenn ich mir die Preisgelder anschaue, denke ich mir oft: Das kann’s eigentlich nicht sein. Natürlich verstehe ich, wie der BDR das begründet – also dass das Preisgeld nach Teilnehmerzahlen verteilt wird. Aber irgendwann muss man sagen: Wir brauchen ein Umdenken. Selbst wenn bei den Frauen weniger Starterinnen dabei sind, sollte man überlegen, wie man sie gezielt unterstützt. Denn für mich als Frau sind die Trainingszeiten, der Materialaufwand, die Kosten exakt gleich zu jenen der Männer. Nur dass ich durch meinen Körperbau physisch benachteiligt bin und deshalb nicht dieselbe Geschwindigkeit fahren kann. Und genau dafür werde ich quasi „bestraft“. Das ist, wenn man ehrlich ist, nichts anderes als ein Gender Pay Gap im Sport: gleiche Arbeit, geringere Anerkennung.

Du bist also vom Rennsport in die Fahrradbranche gewechselt – und hast dort ähnliche Strukturen erlebt wie im Profisport?

Ja, absolut. In vielen Fahrradläden in meiner Heimat war es klassisch aufgeteilt: Frauen machten Bekleidung, Männer verkauften Räder. Ich wollte aber in den Radverkauf – das war schwierig. In Hamburg war das offener, da habe ich Fuß gefasst. Schnell habe ich gemerkt: Viele Frauen wollen Rennräder – fühlen sich aber wohler, wenn sie von Frauen beraten werden. Gerade weil die Beratung oft körpernah ist. Das muss man ernst nehmen, statt abzuwinken. Ich hatte schließlich feste Termine nur für Frauen und habe auch eigene Repair-Workshops speziell für Frauen angeboten – die kamen so gut an, dass später selbst Männer mitmachen wollten.

Glaubst du, dein Ehrgeiz aus dem Sport hat dir auch in der Fahrradbranche geholfen?

Absolut. Meine Mutter war sehr feministisch geprägt und hat mir früh vermittelt: Du kannst alles erreichen. Der Sport hat mir Durchhaltevermögen und Ehrgeiz beigebracht – beides hilft in einer männerdominierten Branche enorm. Was mich manchmal ärgert: Ich habe über 20 Jahre Branchenerfahrung, aber mir wird oft erst dann Respekt entgegengebracht, wenn ich erwähne, dass ich mal Deutsche Meisterin war. Ein Titel aus meiner Jugend zählt mehr als jahrelange Arbeit im Vertrieb – das ist absurd. In der Branche landen viele Ex-Profis in Top-Positionen, ohne das nötige Know-how. Ich dagegen habe mich hochgearbeitet – vom Einzelhandel zur eigenen Handelsvertretung mit großem Netzwerk. Das sollte zählen.

Was würdest du deinem jüngeren Ich sagen – oder anderen Frauen, die gerade erst anfangen, ihren Weg in der Fahrradwelt zu gehen?

Ich würde sagen: Bleibt bei euch. Geht euren Weg, auch wenn ihr oft von Männern umgeben seid. Ihr seid nicht allein – im Gegenteil: Es gibt immer mehr Frauen in der Branche, die sichtbar sind, die sich austauschen, die sich gegenseitig stärken. Netzwerke wie Women in Cycling zeigen das ganz deutlich. Und auch auf männlicher Seite tut sich viel. Ich bin überzeugt, dass wir diesen Wandel gemeinsam gestalten müssen – nicht gegeneinander, sondern miteinander. Ich sehe da gerade einen echten Generationswechsel. Viele Männer in meinem Alter denken schon ganz anders als noch die Generation vor ihnen. Und genau das macht mir Hoffnung.

Vielen Dank!

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