09.10.2025 | 10:44 Uhr

"Gerade am Anfang musst du oft mehr leisten, um ernst genommen zu werden" – Jessica Schumacher, Geschäftsführerin von i:SY

von Robert Strehler

Journal
Wir treffen i:SY-Geschäftsführerin und Kompaktrad-Enthusiastin Jessica Schumacher in Köln – und sprechen mit ihr über Karrierewege, weibliche Perspektiven in der Fahrradbranche und darüber, warum gute Netzwerke den Unterschied machen. (c) WE RIDE

Robert im Interview mit Jessica Schumacher

Hallo Jessica, magst du dich bitte kurz vorstellen und erzählen, wie du zur Geschäftsführerin von i:SY geworden bist?

Klar, ich bin Jessica Schumacher, 43, wohne in Bielefeld und bin seit 2021 Geschäftsführerin bei i:SY. Eigentlich bin ich als Vertriebsleiterin gestartet – aber es war von Anfang an klar, dass für mich mehr möglich ist. Nach nur wenigen Monaten habe ich die Geschäftsführung übernommen. Ich bin seit 2007 in der Fahrradbranche, war vorher zehn Jahre bei der Selle Royal-Gruppe und habe fast alles rund ums Rad verkauft – außer Motoren und Kassetten. Fahrräder sind meine Leidenschaft.

Du bist seit fast zwei Jahrzehnten in der Fahrradbranche – wie hat sich aus deiner Sicht in dieser Zeit die Rolle von Frauen verändert?

Zum Glück hat sich da richtig viel getan. Als ich damals bei Hebie Hemmelskamp in Bielefeld angefangen habe – das war ein klassischer Teilevertrieb mit Gepäckträgern, Schutzblechen, Kettenschützern –, war ich auf Messen oft die einzige Frau. Heute sieht das ganz anders aus: Bei Events wie dem Women in Cycling-Frühstück auf der Eurobike sitzen plötzlich Hunderte Frauen gemeinsam an einem Tisch – das wäre früher undenkbar gewesen. Es ist nicht mehr ungewöhnlich, als Frau in dieser Branche unterwegs zu sein, man wird als viel selbstverständlicher wahrgenommen.

Aber es gibt ja auch heute noch Bereiche, in denen Frauen seltener anzutreffen sind, oder?

Absolut. Gerade im kreativen Bereich oder Marketing sieht man deutlich mehr Frauen – im Sales-Bereich oder technischen Außendienst dagegen ist es noch schwierig. Ich selbst suche schon lange nach Kolleginnen für den Vertrieb, aber das ist schwer. Reisetätigkeit und ungleiche Verteilung von Care-Arbeit machen das nicht leichter – da ist strukturell noch einiges zu tun.

Hast du eine Erklärung dafür, warum die Fahrradbranche so lange so männerdominiert war – obwohl das Fahrrad selbst ja kein typisch männliches Produkt ist?

Ich glaube, das fängt schon früh an. Jungs kriegen Mountainbikes, schrauben rum, machen Sport – bei Mädchen sind es eher Turnen, Tanzen, Gymnastik. Und so prägt sich das weiter. Auch im Radsport ist das Bild oft noch männlich – wobei sich da gerade viel tut. Trotzdem begegnen mir auch heute noch Vorurteile. Ich erinnere mich gut an einen Händler auf einer Messe 2022, der sich nicht von mir beraten lassen wollte, weil ich eine Frau bin. Das ist selten, aber es passiert. Da merkt man, wie tief diese alten Denkmuster teilweise noch sitzen.

“Neulich hat mich ein Händler noch gefragt, ob ich was im Marketing mache – als ich dann gesagt habe, dass ich die Geschäftsführerin von i:SY bin, war sein Gesicht unbezahlbar.”

Wie gehst du mit Ablehnung um, wenn dir – trotz deiner Erfahrung – auf Messen oder im Kundenkontakt weniger Kompetenz zugetraut wird?

Ich lächle darüber. Neulich hat mich ein Händler noch gefragt, ob ich was im Marketing mache – als ich dann gesagt habe, dass ich die Geschäftsführerin von i:SY bin, war sein Gesicht unbezahlbar. Diese Reaktionen gibt’s leider immer noch. Aber genau deshalb ist Sichtbarkeit so wichtig – und auch ein Titel wie „Geschäftsführerin“ macht einen Unterschied.

Du warst beim Women in Cycling-Frühstück auf der EUROBIKE 2025 – wie wichtig sind solche Netzwerke?

Total wichtig. Frauen holen beim Netzwerken gerade auf, was Männer lange Zeit besser gemacht haben: sich gegenseitig stärken, fordern, helfen. Solche Netzwerke zeigen: Die Fahrradbranche ist auch für Frauen ein spannendes Feld – und wir dürfen uns gegenseitig sichtbar machen und unterstützen.

Ihr habt bei i:SY eine große weibliche Zielgruppe – merkt man das auch im Produktdesign?

Absolut. Uns geht’s nicht um pinke Rahmen, sondern um echte Ergonomie. Unsere Räder sind so gebaut, dass auch kleinere, leichtere Personen gut zurechtkommen – ab 1,50 m oder sogar kleiner. Gefederte Sattelstützen, geringes Gewicht, einfache Handhabung: Wir entwickeln Räder, die auch eine alleinerziehende Mutter selbst auf den Träger heben kann – weil das Leben eben nicht immer helfende Nachbarn bereithält.

Wie wichtig ist es, Produkte auch gezielt für Frauen zu denken – und hat das, was ihr bei i:SY macht, vielleicht sogar Signalwirkung?

Ja, absolut. Wir entwickeln bewusst E-Bikes, die leichter sind, kleinere Menschen ansprechen und in der Ergonomie mehr auf Diversität achten – z. B. durch gefederte Sattelstützen für leichtere Personen oder tiefere Einstiege. Ich sehe, dass sich andere inspirieren lassen, und genau das macht die Fahrradwelt bunter und inklusiver. Frauen achten oft auf andere Details – das spiegelt sich auch im Zubehör: schöne Taschen, Blumenvasen, praktische Alltagslösungen.

In welchen Bereichen braucht die Fahrradbranche dringend mehr Frauen?

Eigentlich überall – vor allem in der Entwicklung und im Produktmanagement. Da fehlt oft die Perspektive: Was braucht eine Familie? Wie handlich muss ein Rad für kleine Menschen sein? Auch im Vertrieb wünsche ich mir mehr Kolleginnen. Frauen können gut zuhören, schaffen Vertrauen, holen Menschen ab – das hilft. Und ja, manchmal ist der Ton im Sales-Bereich unter Männern rauer, da kann eine Frau auch deeskalierend wirken.

Ist die Fahrradbranche denn auf einem guten Weg, was Gleichstellung betrifft?

Ja, aber es gibt ein strukturelles Problem, das tiefer liegt: Solange Care-Arbeit hauptsächlich an Frauen hängen bleibt, können viele keine Führungsrollen oder Vollzeitjobs annehmen. Was fehlt, sind verlässliche Kitas, flexible Betreuungsangebote, echte Vereinbarkeit. Daran hängt letztlich auch der Frauenanteil in vielen Unternehmen.

Du hast Karriere gemacht – welchen Rat gibst du jungen Frauen?

Sei vorbereitet – gerade am Anfang musst du oft mehr leisten, um ernst genommen zu werden. Netzwerken hilft extrem: Messepartys, Branchenevents, #Women in Cycling – das alles macht Mut und verbindet. Ich selbst habe durch gute Kontakte Chancen bekommen, aber ich habe sie auch genutzt. Mein Tipp: Zeig dich, frag nach Hilfe, trau dich! Es braucht mehr Frauen in dieser Branche – und es lohnt sich.

Vielen Dank!

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