23.10.2025 | 12:45 Uhr

Im Reudnitzer Lene-Voigt-Park haben wir Nic und Leo von The Female Explorer getroffen – wir haben über Sichtbarkeit, Community, ihre ersten Bikepacking-Abenteuer und das erste Veloheldin-Bike gesprochen.
Anne-Katrin im Interview mit Nicole Berth und Leonore Herzog
Hey Leo, hey Nic – stellt euch doch bitte kurz vor. Wer seid ihr, was macht ihr – und wie hat eigentlich eure Reise mit The Female Explorer begonnen?
Nic: Wir sind Leo und Nic – Gründerinnen von The Female Explorer, einem Outdoor-Magazin von und für Frauen. Gestartet sind wir 2020, mitten in der Corona-Zeit, mit einem riesigen Crowdfunding, das uns den Einstieg überhaupt erst ermöglicht hat. Unsere Idee war: ein Print-Magazin als Sprachrohr für die weibliche Outdoor-Community. Acht Ausgaben lang haben wir ein hochwertiges Coffee-Table-Magazin veröffentlicht – voll mit Geschichten, Abenteuern und Perspektiven von Frauen, die draußen unterwegs sind, auf Reisen, auf dem Rad, im Zelt, am Berg. Ein neues Kapitel steht demnächst an! Uns war und ist wichtig zu zeigen: Frauen machen genau die gleichen Dinge wie Männer – sie erleben Abenteuer, sie sind draußen aktiv. Nur wird darüber eben viel zu selten berichtet. Genau das wollten wir ändern. The Female Explorer ist unser Beitrag dazu, weibliche Vorbilder sichtbarer zu machen, Räume zu öffnen und die Outdoorwelt diverser zu erzählen – für uns, für andere, für alle, die noch kommen.
Ihr sprecht nicht nur über Sichtbarkeit, sondern wollt auch aktiv Veränderung anstoßen – in der Branche, in der Kommunikation, im Design. Was treibt euch dabei besonders an?
Leo: Genau darum geht’s uns: Es reicht nicht, Frauen einfach nur sichtbar zu machen. Sichtbarkeit allein verändert keine Systeme. Unser Ziel ist es, langfristig Strukturen zu verschieben – in der Branche, im Marketing, im Mindset. Es geht darum, Rollenbilder zu hinterfragen, echte Vorbilder zu etablieren und dafür zu sorgen, dass Frauen* nicht nur mitgemeint, sondern aktiv mitgedacht werden.
Nic: Und genau das versuchen wir auch in unseren Kooperationen mit Marken zu spiegeln. Wir zeigen, wo sich etwas bewegt – und wo noch Luft nach oben ist. Gerade im Outdoor-Bereich war frauenspezifisches Equipment lange ein blinder Fleck. Oft mussten Frauen die kleinste Männergröße nehmen. Wenn es dann mal Frauenprodukte gab, waren sie meist für Einsteigerinnen gedacht – mit der unausgesprochenen Annahme, dass Frauen weniger können oder wollen. Da setzen wir an: Wir wollen zeigen, dass es anders geht – und wir merken, dass da gerade Bewegung reinkommt. Beim Thema Fahrrad war das besonders deutlich: Vor fünf Jahren war weibliche Präsenz in der Szene fast unsichtbar. Das hat sich verändert. Und als komoot dann mit der Idee der Women’s Rallys auf uns zukam – mit einem Partner, mit dem wir schon länger arbeiten – war klar: Jetzt reden wir nicht nur darüber, jetzt machen wir’s auch selbst. Und vielleicht sind wir dabei ein Stück weit zum Gesicht von The Female Explorer geworden – mehr aus Überzeugung als aus Plan.
Euer erstes Bikepacking-Abenteuer war ja auch ein Selbstversuch. Was habt ihr dabei gelernt – über euch, das Radfahren und die Community?
Nic: Wir hatten von Anfang an diesen Community-Gedanken – wollten also nicht nur drüber schreiben, sondern auch selbst erleben, wie sich so ein Abenteuer anfühlt. Und ehrlich gesagt: Wir sind erstmal ziemlich gescheitert. Unterwäsche unter der Bib, kein Zelt bei unter zehn Grad, einfach auf dem Rasen geschlafen, zu wenig gegessen – volles Hungerloch. Wir dachten wirklich: Vielleicht ist das einfach nicht unser Sport. Aber dann haben wir gemerkt: Genau diese Fehler gehören dazu. Wir sind daran gewachsen – und was uns am meisten getragen hat, war die Community. Frauen, die ihre Snacks mit uns geteilt haben, uns Equipment-Tipps gegeben haben, uns ermutigt haben. In der Gruppe ist man einfach stark – und das ist auch der Kern von The Female Explorer: gemeinsam rausgehen, voneinander lernen, sich gegenseitig tragen.
Leo: Es war wirklich wie ein Rausch. Wir wollten sofort wieder los – mehr erleben, mehr lernen, weiter wachsen. Und was so besonders war: Dieses Gefühl von Safe Space. Niemand verurteilt dich, wenn du nicht weißt, wie man etwas repariert, oder einfach mal naiv an etwas rangehst. Stattdessen wird man aufgefangen, kann Spaß haben, Fehler machen – und genau das macht diese Touren für uns so besonders.
Gibt es ein Abenteuer, das euch besonders in Erinnerung geblieben ist?
Nic: Unser bisheriges Highlight war definitiv die Tour durch die Wüste Arizonas – mit 50 Frauen, self-supported, sieben Tage lang. Du bekommst eine Route, ein paar grobe Wegpunkte, aber ansonsten bist du komplett auf dich allein gestellt: Navigation, Wasser, Essen, Schlafplatz – alles musst du selbst organisieren. Diese Kombination aus dieser überwältigenden Landschaft und der totalen Eigenverantwortung war intensiv. Ich bin dabei mehrfach an meine mentalen und körperlichen Grenzen gestoßen. Da waren Momente, in denen ich wirklich dachte: Ich kann nicht mehr. Aber dann haben wir es geschafft – und das Gefühl danach war unbeschreiblich. Es hat mir gezeigt, was möglich ist – was in einem steckt, wenn man sich traut. Und genau das wollen wir weitergeben: Dieses Gefühl von Selbstwirksamkeit. Dass jede das schaffen kann.
Was nehmt ihr von diesen Reisen mit in euren Alltag – sei es im Büro, bei Entscheidungen mit Marken oder im Miteinander als Team?
Nic: Ich glaube, das Wichtigste ist: Die Grenzen verschieben sich. Was früher wie das Ende der Fahnenstange wirkte, fühlt sich heute wie ein Anfang an. Man weiß einfach: Da geht noch mehr – körperlich, mental, emotional.
Leo: Total. Gerade in extremen Situationen – wenn du nicht weißt, wie viel Wasser du noch hast, mitten in der Wüste bist, ohne Komfortzone – entwickelt man eine ganz neue Stressresistenz. Und vor allem: Man lernt Teamwork auf einer ganz tiefen Ebene. Du musst funktionieren, auch wenn’s knirscht. Du merkst, wie der*die andere tickt, wer wann überfordert ist und wie man trotzdem gemeinsam ein Ziel erreicht. Genau das hilft uns auch im Office. Da gibt es auch Stress, Reibung, Unsicherheiten – aber wir wissen, wie wir miteinander umgehen, weil wir das schon unter Extrembedingungen geübt haben.
Nic: Auch geschäftlich bringt das viel. Wir kennen uns jetzt in Extremsituationen – das schafft eine Vertrauensbasis, die uns im Alltag trägt. Und es stärkt natürlich auch unsere Rolle in Business-Kontexten. Bei unserer Badlands-Tour in Andalusien hatte Leo zum Beispiel einen richtig heftigen Sturz. Mitten im Nirgendwo.
Leo: In solchen Momenten zählt wirklich jede Geste, jede Entscheidung. Da merkst du, wie wichtig es ist, jemanden an deiner Seite zu haben, der Verantwortung übernimmt, wenn du es selbst nicht kannst. Und dieses tiefe Vertrauen – das prägt alles, was wir tun. Ob auf dem Bike, im Team oder in Verhandlungen.
Wie kam es zur Idee, ein eigenes The Female Explorer-Fahrrad zu entwickeln – und was steckt dahinter?
Leo: Ich hatte tatsächlich bis dahin kein eigenes Fahrrad. Für jede Tour habe ich mir eines geliehen – mal von Freund*innen, mal aus dem Bikeshop. Das bedeutete: ständig neue Geometrien, Set-ups, Komponenten. Ich musste mich immer wieder neu einstellen und habe dadurch unglaublich viel gelernt – auch, was alles nicht funktioniert. Irgendwann war klar: Ich will ein eigenes Bike. Aber nicht nur für mich. Wir haben so viele Erfahrungen gesammelt, sind völlig naiv gestartet – und jede Hürde, jede Erkenntnis sitzt noch glasklar im Kopf. Ich hatte das Gefühl: Diese Learnings sollten nicht nur uns helfen, sondern auch anderen Frauen*, die gerade anfangen. So entstand die Idee: Warum nicht ein Fahrrad entwickeln, das genau auf diese Bedürfnisse eingeht? Kein Rennradmodell, kein High-End-Performance-Bike – sondern ein Rad für Abenteuer, Erfahrung und Erleben. Nicht zum Messen, sondern zum Draußensein. Gemeinsam mit Veloheld – einer Manufaktur, die nachhaltig arbeitet, lokal ansässig ist und mit Stahlrahmen baut, die man auch reparieren kann – haben wir das The Female Explorer-Bike entwickelt. Das Ergebnis ist ein frauenspezifisches Bike: von Frauen, für Frauen – mit durchdachten Details, die viele Bedürfnisse direkt mitdenken.
Was unterscheidet euer Fahrrad konkret von anderen – welche Details waren euch wichtig?
Leo: Ganz klar: Kontrolle, Komfort und Sicherheit – gerade auf langen Touren. Ich hatte zum Beispiel bei den Badlands ein Bike mit viel zu weitem Reach – das hat extrem auf den Oberkörper geschlagen und mich richtig Kraft gekostet. Für unser Rad war uns daher wichtig, die Geometrie besser an weibliche Proportionen anzupassen – also kürzerer Reach, schmalerer Lenker, ein besserer Einstieg durch das leicht abgeschrägte Oberrohr. Natürlich ist jede Körperform individuell – aber wir wollten eine solide, sichere Basis schaffen, die sich gut anfühlt und Vertrauen gibt. Auch ein frauenspezifischer Sattel ist direkt mitgedacht – denn das ist oft ein unterschätzter Faktor für Fahrkomfort. Und weil wir mit Veloheld zusammenarbeiten – einer Marke, deren Name nicht gerade für FLINTA*-Inklusion steht – war uns klar: Es braucht ein Zeichen. Deshalb heißt unser Rad Veloheldin. Es steht für eine Erweiterung der Marke – für all die, die sich vorher nicht angesprochen fühlten. Das Design stammt von unserer Grafikerin Paula Kuhn und ist inspiriert von unserer Tour durch Arizona – mit seinen endlosen Kakteenlandschaften. Diese Bilder und Erlebnisse wollten wir auf dem Rahmen sichtbar machen. Und ja, das Rad soll nicht nur funktionieren – es soll auch nach Abenteuer aussehen.
Gibt es noch einen Traum, eine Tour oder ein Ziel, das ihr mit eurem eigenen Bike unbedingt noch erleben wollt – ganz egal, wie groß es ist?
Nic: Seit Arizona träume ich ehrlich gesagt davon, noch mal in die USA zu fahren – zurück in diese endlose Weite, diese rohe Natur. Das war für uns ein echtes Wow-Erlebnis. In Deutschland hast du oft Enge, Begrenzung – aber dort draußen, das war einfach Freiheit pur. So was findest du in Europa nur sehr selten.
Leo: Mein heimlicher Traum? Die Tour Divide – von Kanada bis Mexiko, einmal quer durch die Rocky Mountains. Das ist so eine richtige epische Route. Ich glaube, das wäre unfassbar. Lael Wilcox, eine Ikone im Endurance-Biking, nennt sie ja quasi ihre Hausrunde. Und wir durften sogar mit ihr durch Arizona fahren – unser kleiner Fan-Moment! Dass wir da vielleicht mal in ihre Spuren treten könnten, wäre schon ziemlich besonders. Gleichzeitig wünsche ich mir aber auch, dass wir in Zukunft mehr FLINTA*-Rides und regelmäßige Rideouts organisieren – ganz lokal, ganz niedrigschwellig. Weil wir wissen: Diese Räume machen etwas mit uns. Und wir wollen sie nicht nur erleben, sondern auch selbst schaffen.
Nic: Watch this space, people!
Vielen Dank euch!
WE RIDE GmbH
Gießerstraße 18
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