09. Februar 2026 | 16:42 Uhr

EU prangert an: Städte bremsen Verkehrswende aus – Leere Versprechen für Radfahrende?

von Robert Strehler

Adobe Stock

Die Verkehrswende in Europas Städten kommt nur schleppend voran. Nicht nur im sichtbaren Bereich, sondern nun auch durch Zahlen belegt. Zu diesem Ergebnis kommt ein aktueller Sonderbericht des Europäischer Rechnungshof. Die EU-Prüfer haben Mobilitätsstrategien, Förderprogramme und Umsetzungsstände in mehreren Mitgliedstaaten untersucht – und zeichnen ein ernüchterndes Bild: Zwar investieren viele Städte in öffentlichen Nahverkehr, Rad- und Fußverkehr, doch gleichzeitig vermeiden sie konsequente Schritte, um den Autoverkehr tatsächlich zurückzudrängen.¹

Der Rechnungshof kritisiert dabei weniger fehlende Zielsetzungen als fehlende Konsequenz. In zahlreichen Kommunen existieren Klimaziele, Mobilitätspläne und Förderanträge nebeneinander, ohne dass daraus eine klare Priorisierung im Straßenraum folgt. Autos behalten weiterhin großzügige Fahrspuren, umfangreiche Parkmöglichkeiten und Vorrangschaltungen an Kreuzungen. Der Radverkehr hingegen wird häufig als ergänzende Maßnahme behandelt – nicht als gleichwertiger Bestandteil des Verkehrssystems.²

Radverkehr: gefördert, aber nicht priorisiert
Für den Radverkehr ist diese Analyse besonders relevant. In den vergangenen Jahren wurden EU-weit Radwege gebaut, Modellprojekte umgesetzt und Fördermittel abgerufen. Doch der Bericht zeigt deutlich: Viele dieser Maßnahmen bleiben isoliert. Ohne durchgängige Netze, klare Vorfahrtregelungen und eine spürbare Umverteilung von Verkehrsflächen verlieren sie im Alltag schnell an Wirkung.³
Besonders kritisch bewertet der Rechnungshof den Umgang mit dem Pendelverkehr. Gerade hier hätte der Radverkehr großes Potenzial – insbesondere auf Distanzen bis etwa 10 oder 15 Kilometer. Doch viele Städte planen Radinfrastruktur weiterhin kleinteilig: kurze Abschnitte ohne Anschluss, fehlende Verbindungen zu Bahnhöfen oder Gewerbegebieten, unzureichende Führung an Hauptverkehrsstraßen. Für viele Berufspendlerinnen und -pendler bleibt das Auto dadurch die bequemere und vermeintlich zuverlässigere Option.⁴

Die politische Komfortzone der Kommunen
Ein zentrales Ergebnis des Berichts: Städte setzen bevorzugt auf positive Anreize statt auf regulierende Eingriffe. Radwege bauen, Buslinien fördern oder Sharing-Angebote einführen gilt als politisch vermittelbar. Maßnahmen wie Parkraumbewirtschaftung, Zufahrtsbeschränkungen, Temporeduktionen oder der Abbau von Stellplätzen werden hingegen selten umgesetzt – obwohl sie laut Rechnungshof entscheidend wären, um Verkehrsverlagerungen zu erreichen.⁵
Für den Radverkehr bedeutet das eine strukturelle Schieflage. Solange Autos weiterhin nahezu unbegrenzt Raum beanspruchen dürfen, konkurriert das Fahrrad permanent mit parkenden Fahrzeugen, abbiegendem Kfz-Verkehr und widersprüchlichen Prioritäten an Kreuzungen. Eine echte Gleichberechtigung bleibt aus – trotz steigender Nutzerzahlen und wachsender gesellschaftlicher Akzeptanz.

EU-Förderung ohne strukturelle Wirkung
Brisant ist die Analyse auch mit Blick auf EU-Fördermittel. Zwar fließen Milliarden in nachhaltige Mobilität, doch deren Wirkung bleibt begrenzt, wenn sie nicht in eine kohärente Gesamtstrategie eingebettet sind. Der Rechnungshof warnt davor, dass Städte Förderprogramme nutzen, ohne ihre Verkehrspolitik grundlegend zu verändern – und leitet daraus konkrete Empfehlungen ab.⁶
Für den Radverkehr heißt das: Einzelne Leuchtturmprojekte können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Alltagstauglichkeit entscheidend ist. Breite Radwege nützen wenig, wenn sie an Kreuzungen ausgebremst werden, abrupt enden oder regelmäßig vom ruhenden Verkehr blockiert sind. Sicherheit, Durchgängigkeit und Reisezeit bestimmen, ob das Fahrrad im Alltag tatsächlich eine Alternative zum Auto wird – und welche Qualitätskriterien Städte dabei anlegen sollten.⁷

¹ Europäischer Rechnungshof – Sonderbericht zur nachhaltigen urbanen Mobilität
https://www.eca.europa.eu/de/publications/SR-2026-05
² MSN – Auswertung des EU-Rechnungshof-Berichts
https://www.msn.com/de-de/finanzen/top-stories/st%C3%A4dte-kuschen-vor-auto-eu-rechnungshof-entlarvt-halbherzige-verkehrswende/ar-AA1VG3EM
³ taz – „EU-Bericht: Städte unternehmen zu wenig gegen Autos“
https://taz.de/EU-Bericht-Staedte-unternehmen-zu-wenig-gegen-Autos/!6150831/
⁴ RND – „Pendler setzen weiter aufs Auto“
https://www.rnd.de/politik/pendler-setzen-weiter-aufs-auto-eu-bericht-zeigt-schwaechen-der-verkehrswende-in-europas-staedten-G745VZSNDJG75KHRCB6AZ3CNG4.html
⁵ Stuttgarter Zeitung – Zusammenfassung der Rechnungshof-Kritik
https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.rechnungshof-staedte-sollen-mehr-fuer-pendeln-ohne-auto-tun.ac31c61b-ebdc-4af7-b0a2-4806cd97ac14.html
⁶ Europäischer Rechnungshof – Original-PDF Sonderbericht (DE)
https://www.eca.europa.eu/ECAPublications/SR-2026-05/SR-2026-05_DE.pdf
⁷ ELTIS – Referenzmaterialien zu Rad- und Fußverkehr / SUMP
https://www.eltis.org/sustainable-urban-mobility-plans/expert-corner-sump-reference-materials_en

Deine Takeaways

- Radverkehr braucht Vorrang, nicht nur Förderung: Ohne klare Priorisierung im Straßenraum bleibt sein Potenzial ungenutzt.
- Pendelverkehr ist der Schlüssel zur Verkehrswende: Gerade hier scheitern viele Städte an lückenhafter Infrastruktur.
- Verkehrswende ist eine Machtfrage: Wer dem Auto nichts wegnimmt, stärkt Rad- und Fußverkehr nur auf dem Papier.

Zur Auswertung der EU
Webseite der EU

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