21.10.2025 | 12:37 Uhr

Wikomo ist eine Kölner Initiative, die sich für soziale und nachhaltige Mobilität starkmacht. Mit dem Projekt „Willkommen in der Moselstraße“ schafft das Team einen Ort der Begegnung, an dem Mobilität, Integration und Menschlichkeit zusammenfinden – insbesondere in der Unterstützung von Geflüchteten. Für uns war der Besuch einer der prägendsten Momente bei der Entstehung unserer ersten WE RIDE RHEINLAND-Ausgabe. Orte wie dieser, voller Wärme, Gemeinschaft und Freundschaft, sind heute wichtiger denn je. Danke an Walter und das gesamte Team für euer großes Engagement!
Robert und Cris im Gespräch mit Walter
“Ich bin Walter, 70 Jahre alt und seit zehn Jahren in Rente. Als ich damals aufgehört habe zu arbeiten, war schnell klar: Ich will nicht den ganzen Tag nur spazieren oder fernsehen. Ich wollte etwas Sinnvolles tun – etwas, das Menschen hilft. 2015 kamen viele Geflüchtete nach Deutschland und da wusste ich: Genau da möchte ich ansetzen. So bin ich zu „Willkommen in der Moselstraße“ gekommen, einer Kölner Flüchtlingsinitiative. Anfangs habe ich dort Deutschunterricht gegeben. Aber dann kam die Idee mit den Fahrrädern. Das hat mich sofort gepackt. Fahrräder sind praktisch. Man arbeitet mit den Händen, repariert etwas, das dann Menschen mobil macht – das hat mich angesprochen. Alte Räder wieder fit machen, Menschen neue Freiheit schenken: Das fühlte sich richtig an. Was als kleines Projekt begann, wuchs schnell. Die erste Unterkunft wurde geschlossen, wir zogen um – in eine Werkstatt, die der Stadt gehört. Keine Miete, kein Strom, keine Kosten – dafür viel Platz, ein großer Hof, ein Lager. Heute können wir fast alles reparieren. Und mehr noch: Wir sind ein Ort der Begegnung geworden. Unsere Werkstatt ist mehr als eine Werkstatt – sie ist ein sozialer Treffpunkt. Ich selbst fahre seit meiner Kindheit Rad. Ich erinnere mich noch, wie mein Vater mir das Reparieren beigebracht hat. Erst ein platter Reifen, dann mehr – und irgendwann habe ich mich da richtig reingefuchst. Für mich war Fahrradfahren schon immer Freiheit. Und das gebe ich heute weiter.
Wir sind ein Team aus etwa zehn Schrauber*innen – Menschen, die aus eigenem Antrieb helfen. Einige sind aus der Ukraine, einer aus Afghanistan, andere aus der Nachbarschaft. Alle arbeiten ehrenamtlich. Wir haben sogar unseren „Ingenieur Rolf“ bei einer anderen Initiative abgeworben, weil er besser zu uns passte. Es ist ein schönes Miteinander. Und das wirkt: Viele, die zu uns kommen, entdecken das Rad als Möglichkeit. Manche Frauen aus muslimischen Ländern erleben hier zum ersten Mal, dass sie überhaupt Rad fahren dürfen. Kinder sehen andere Kinder auf Rädern – und wollen auch eins. Wir arbeiten eng mit anderen Initiativen zusammen, zum Beispiel mit Bike Bridge, die Frauen das Radfahren beibringen. Das alles verändert etwas. Radfahren wird zum Ausdruck von Freiheit und Teilhabe. Natürlich gibt es auch bewegende Momente. Menschen, die sich aus Geflüchtetenlagern kennen, treffen sich bei uns wieder. Andere kommen einfach zum Reden. Auch Obdachlose unterstützen wir – unser Fokus liegt nicht nur auf Geflüchteten, sondern generell auf Menschen in prekären Lebenslagen. Multikulti, Zusammenhalt, ganz konkret – das macht mich stolz. Sprache ist uns wichtig. Wir sprechen bei uns Deutsch, weil das verbindet. Auch wenn es nicht immer klappt – der Wille zählt und manchmal hilft jemand beim Übersetzen. Das gemeinsame Schrauben überwindet viele Barrieren.
Wenn ich einen Wunsch frei hätte? Dann würde ich mir für unseren zweiten Standort ein großes Schleppdach wünschen. Ein schützendes Dach aus Glas, unter dem wir draußen arbeiten können – bei Regen oder sengender Sonne. Das würde viel verändern. Die Unterstützung aus der Stadt ist da – vor allem von Bürger*innen. Uns werden viele Fahrräder gespendet. Und ich sage immer: Wer ein Rad übrig hat – bitte nicht zum Sperrmüll! Wir holen es ab, reparieren es und schenken es jemandem, der es wirklich braucht. Auch Werkzeug, Ersatzteile oder ganze Werkstätten aus Nachlässen wurden uns schon angeboten – und wir sind dankbar für jede Schraube. Was mich wütend macht, ist, wie auf politischer Ebene oft mit den Themen Flucht und Integration umgegangen wird. Wenn ich dann lese, dass ein junger Mann mitten in seiner Ausbildung abgeschoben wird – in ein Land, in dem er verfolgt wurde –, dann macht mich das fassungslos. Dabei zeigen wir hier jeden Tag: Es geht auch anders. Mit wenigen Mitteln, aber mit viel Herz.”
Details:
Kultureller Förderverein der Lutherkirche
Martin-Luther-Platz 4
50677 Köln
Spendenkonto:
Ev. Gemeinde Köln
IBAN: DE49 3705 0198 0007 7020 12
BIC: COLSDE33
Verwendungszweck: Flüchtlingsarbeit Moselstraße
WE RIDE GmbH
Gießerstraße 18
04229 Leipzig