18.09.2025 | 10:24 Uhr

Die Kraft von Netzwerken: Im Interview mit Isabell Eberlein –  Mitgründerin des Netzwerks Women in Cycling

von Robert Strehler

Journal
Isabell Eberlein, geschäftsführende Gesellschafterin von Velokonzept und Mitgründerin des Netzwerks Women in Cycling, im Gespräch mit uns auf der EUROBIKE 2025 – über Sichtbarkeit, Verantwortung und die Kraft von Netzwerken. (c) WE RIDE

Robert im Interview mit Isabell Eberlein

Isabell, du bist Geschäftsführerin der Velokonzept GmbH – wie bist du eigentlich zum Fahrrad und in die Branche gekommen?

Ich bin ursprünglich Politikwissenschaftlerin und hatte beruflich zunächst wenig mit Fahrrädern zu tun. Die Leidenschaft entstand während eines Auslandssemesters in den Niederlanden – dort habe ich erlebt, was es bedeutet, wenn Radfahren selbstverständlich in den Alltag integriert ist. Zurück in Deutschland war mir klar: Ich will Teil dieser Bewegung sein. Denn das Fahrrad ist für mich weit mehr als ein Fortbewegungsmittel – es steht für gesellschaftlichen Wandel. Ob Verkehrspolitik, Industrie oder Diversität: In all diesen Bereichen müssen wir uns verändern und genau da sehe ich meine Rolle – als Mittlerin zwischen Politik, Verwaltung und Wirtschaft. Ich will diese Veränderungen kommunikativ begleiten und mitgestalten.

Als du vor sieben Jahren in die Fahrradbranche eingestiegen bist – hattest du da schon die Vision, etwas verändern zu wollen?

Nein, überhaupt nicht. Ich kam aus dem ÖPNV, hatte dort zwei Start-ups mit aufgebaut und war vor allem im Business Development aktiv. Der Wunsch, Dinge zu verändern, war immer da – aber im öffentlichen Nahverkehr dauert alles ewig. In der Fahrradbranche habe ich gemerkt: Hier geht’s schneller, direkter, dynamischer. Das hat mich gepackt. Gleichzeitig fiel mir auf, wie männerdominiert die Szene ist – sichtbar waren lange nur ganz wenige Frauen: Ulrike Saade, Susanne Puello, Sandra Wolf, Karla Sommer. Das war’s fast schon.

Woran liegt das deiner Meinung nach?

Es braucht Flexibilität, Risikobereitschaft und ein gutes Netzwerk – Eigenschaften, die in unserer Gesellschaft lange stärker mit Männern verknüpft wurden. Dazu kommt: Die Szene war lange ein klassischer Boys Club. Wer reinkam, war oft „die Frau von“ oder „die Tochter von“. Erst mit der Professionalisierung – also mit spezialisierten Rollen wie CFO, CMO oder Themen wie Nachhaltigkeit – öffnet sich die Branche langsam. Aber: Der Gender-Gap ist real.

Warum ist das so? Wo liegt das Problem?

Die Branche ist stark „self-made“, viele Unternehmen sind aus Garagen gestartet – das zieht vor allem Männer an. Es braucht viel Passion, ein dickes Fell und gute Netzwerke. Außerdem sehen wir: Es fehlen Bewerberinnen. Schon in den Studiengängen zu Mobilität und Radverkehr ist die Nachfrage überschaubar. Und wenn sich weniger Frauen bewerben, wird es schwer, eine echte Auswahl auf Führungsebene zu schaffen.

Und von außen betrachtet: Wie attraktiv wirkt die Fahrradbranche für Frauen?

Das hängt sehr vom Standort ab. Wer z. B. in Darmstadt wohnt, kennt Riese & Müller als starken Arbeitgeber. Aber oft fehlt es an Sichtbarkeit – die Fahrradbranche wirkt für viele junge Frauen nicht wie ein realistisches Berufsfeld. Wir müssen viel mehr Präsenz zeigen: auf Messen, in Hochschulen, in Berufsberatungen. Als Branche haben wir da eine kollektive Verantwortung.

Und beim Produkt selbst – entwickelt die Branche auch aus einer weiblichen Perspektive?

Viel zu selten. Es braucht keine reinen „Frauensachen“, aber Produkte sollten vielfältiger gedacht sein. Dass eine Freundin von mir, die Werkstattleiterin ist, hier am Stand noch mit einem „Püppchen“-Kommentar abgespeist wird, zeigt: Wir sind längst nicht so weit, wie wir dachten. Wertschätzung und Ernstnehmen – das ist 2025 noch nicht überall angekommen.

Dieses Nicht-ernst-genommen-Werden – begegnet dir das auch persönlich noch?

Absolut. In Fahrradläden, auf Messen, sogar als Werkstattleitung wird man manchmal behandelt, als hätte man keine Ahnung – oder man wird direkt übergangen, wenn ein Mann danebensteht. Das ist tief in unserem Verhalten verankert. Und es zeigt, wie groß die Aufgabe ist, die wir als Gesellschaft haben: nicht nur Strukturen zu verändern, sondern auch unser Denken und Verhalten.

Kann man so etwas überhaupt systemisch ändern – oder bleibt das einfach so?

Ich bin da optimistisch. Es braucht Zeit, ja – vielleicht sogar Generationen. Aber Veränderung ist möglich. Wichtig ist: Es ist nicht die Aufgabe der Minderheiten, das zu ändern, sondern die der Menschen in Machtpositionen. Und das sind nun mal oft Männer. Sie müssen hinterfragen, welche Privilegien sie haben – auch im ganz Alltäglichen. Die DIN-Welt ist auf den durchschnittlichen Mann ausgerichtet. Für mich als 1,80 Meter große Frau passt vieles – aber wenn es um Sicherheit im öffentlichen Raum geht, um Sichtbarkeit und um Angstfreiheit, da sind wir Frauen oft im Nachteil. Und genau da müssen wir ansetzen.

Du hast das Netzwerk Women in Cycling mit ins Leben gerufen. Wie kam es dazu – und was ist seitdem passiert?

Die Initialzündung ging vom sogenannten Leaders Breakfast auf der EUROBIKE 2019 aus . Da saßen ausschließlich Männer auf dem Panel, fast nur Männer im Publikum. Nur eine Handvoll Frauen – unter ihnen Bonnie Tu, die Gründerin von Liv. Ich wollte eine Frage stellen, kam aber gar nicht erst zu Wort. Und dann meldete sich Will Butler-Adams, CEO von Brompton und fragte: Wo sind eigentlich die Frauen? Sie sind doch die Hälfte meiner Kundschaft – warum sieht man sie hier nicht? Das war so ein Aha-Moment. Weil: Wenn das kein Mann sagt, hört es halt auch niemand. Frauen können sich noch so oft melden – wenn du nicht dran bist, hast du kein Sprachrohr. Mir war klar: Wir müssen uns besser organisieren. Wir brauchen ein Netzwerk.

“Mobilität muss völlig neu gedacht werden. Wir brauchen eine Wende im Kopf, nicht nur auf der Straße.”

Und dann ging’s los mit Women in Cycling?

Genau. Ich habe damals die anderen wenigen Frauen vor Ort angesprochen – und so entstand die erste Keimzelle. Erst europaweit, gemeinsam mit Frauen aus der Verwaltung, aus der Lobbyarbeit, etwa vom ADFC oder vom ECF. Aber rückblickend muss ich sagen: Das war vielleicht zu viel auf einmal. Zu viele Ebenen, zu viele Kulturen, zu viele Herausforderungen – und dann kam auch noch Corona. Wir hatten zwar ein tolles Launch-Event und eine starke internationale Community, aber in Sachen Umsetzung hakte es. Wir haben vor zwei Jahren entschieden, ein deutsches Chapter von Women in Cycling zu gründen – weil vieles auf nationaler Ebene einfach konkreter umsetzbar ist: rechtliche Rahmenbedingungen, Strukturen, Sprache. Mentoring auf Deutsch etwa ist für viele zugänglicher und Gleichstellung kann man nur im jeweiligen Land konkret angehen. Unsere Zielgruppe sind dabei drei Gruppen: Frauen, die bereits in der Fahrradbranche arbeiten, Frauen in Führungspositionen – und auch Frauen, die einfach nur Rad fahren. Denn genau sie könnten potenzielle neue Kolleginnen werden. Um das Thema nicht nur gefühlt, sondern faktenbasiert anzugehen, haben wir eine Datenerhebung gestartet. Unser Ziel ist ein 50:50-Verhältnis – also gleich viele Frauen wie Männer in der Branche. Aktuell liegt der Anteil von Frauen im Management aber nur bei 22 Prozent. In Bereichen wie Werkstatt oder Produktentwicklung ist er noch niedriger. In HR und Marketing sind Frauen hingegen schon stärker vertreten.

Wie entwickelt sich das Netzwerk?

Wir haben mit vier Frauen angefangen – heute sind es allein in Deutschland über 1500. Und es bewegt sich richtig was: Es gibt Jobtipps, Mentoringformate, Sessions wie „How to Aufsichtsrat“ mit Männern, die gezielt Frauen in Posten bringen wollen. Was wir machen, ist sichtbar: Wenn 200 Frauen im Block über die Messe laufen, dreht sich jede*r um. Und ja – alle engagieren sich ehrenamtlich, on top zum Job, Care-Arbeit, Freizeit. Das ist stark.

Was sind deine Wünsche für die Zukunft der Branche?

Mehr Vielfalt – in Produkten, Teams, Führungsetagen. Die Fahrradbranche steht vor großen Aufgaben. Sie braucht mehr Zielgruppen als nur den „middle-aged man in Lycra“. Und Women in Cycling kann helfen, neue Perspektiven einzubringen, Netzwerke zu öffnen und die Branche weiterzuentwickeln.

Gibt es Erfolgsgeschichten aus dem Netzwerk?

Viele! Frauen, die durch das Netzwerk in Führungsrollen gekommen sind oder Aufsichtsratsmandate übernommen haben. Andere, die vorher niemand auf dem Schirm hatte, gestalten heute aktiv mit. Unser Ziel ist es, sich gegenseitig zu stärken, weiterzubilden, in Gremien zu bringen – und vor allem: Türen füreinander zu öffnen.

Vielen Dank!

Eine Bewegung für Gleichstellung und Mobilitätswandel
Women in Cycling Germany ist ein Netzwerk, das Frauen im Fahrradsektor sichtbarer macht, sie vernetzt und unterstützt. Es setzt sich dafür ein, das Radfahren als Mittel für Gleichstellung, Emanzipation und die Mobilitätswende zu stärken. Über 300 engagierte Expert*innen aus verschiedenen Bereichen arbeiten im Netzwerk daran, Strukturen zu verändern und die Fahrradbranche inklusiver zu gestalten. Gegründet wurde die Initiative im Januar 2024.

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