12. August 2026 | 13:28 Uhr

Klimakrise: Die Zeit des Beobachtens ist vorbei!

von Robert Strehler

Adobe Stock

Fast 10.000 Hitzetote. Historisches Niedrigwasser. Brennende Wälder. Überlastete Städte und eine Infrastruktur, die bereits unter normalen Bedingungen an ihre Grenzen kommt. Die Klimakrise ist längst keine abstrakte Prognose mehr. Trotzdem wirkt die politische Reaktion noch immer, als hätten wir vor allem eines: Zeit. Haben wir nicht.

Es gibt Sätze, die vermutlich sachlicher gemeint sind, als sie in einem bestimmten Moment wirken. Bundeskanzler Friedrich Merz sagte Mitte Juli angesichts Tausender hitzebedingter Todesfälle, die Bundesregierung beobachte die Lage sehr genau. Sollte sich die Wetterentwicklung fortsetzen, werde er die Situation weiter beobachten und sich gegebenenfalls öffentlich dazu äußern.

Das Problem ist nicht dieser eine Satz. Das Problem ist das politische Prinzip dahinter.

Deutschland beobachtet seit Jahren.

Wir beobachten steigende Temperaturen. Wir beobachten trockene Sommer. Wir beobachten überhitzte Innenstädte. Wir beobachten Waldbrände, Ernteausfälle, sinkende Grundwasserstände und Flüsse, auf denen Frachtschiffe nur noch einen Teil ihrer üblichen Ladung transportieren können. Und währenddessen steigen die Kosten. Das Robert Koch-Institut schätzt für Deutschland in diesem Jahr bereits rund 9.800 hitzebedingte Todesfälle. Das sind keine abstrakten Gradangaben, keine Modellrechnungen über das Jahr 2100 und keine theoretischen Szenarien. Gleichzeitig führen Rhein, Elbe und Donau Niedrigwasser. Am Rhein wurden historische Tiefstände gemessen. Schiffe können weniger Ladung transportieren, Unternehmen rechnen mit höheren Logistikkosten und die Bauindustrie warnt vor Lieferengpässen. Die Klimakrise ist damit längst auch eine Wirtschaftskrise, eine Infrastrukturkrise und eine Gesundheitskrise. Und genau deshalb reicht es nicht mehr, Klimapolitik als lästige zusätzliche Aufgabe zu behandeln, die man sich leisten kann, wenn Haushalt, Wirtschaftswachstum und geopolitische Lage gerade günstig aussehen.

Das Gegenteil ist richtig:

Eine widerstandsfähige, klimaneutrale Infrastruktur ist inzwischen eine Voraussetzung für wirtschaftliche Stabilität.

Wer Klimaschutz gegen Wirtschaft ausspielt, hat die wirtschaftlichen Folgen der Klimakrise nicht verstanden. Besonders deutlich wird das derzeit im Verkehr. Bundesverkehrsminister Steffen Bilger möchte angesichts des Niedrigwassers die Wasserstraßen zuverlässiger machen und spricht sich für einen weiteren Ausbau aus. Gleichzeitig widersprechen Umweltministerium, WWF und andere Organisationen: Weitere Vertiefungen und Begradigungen könnten dazu führen, dass Wasser noch schneller abfließt, statt in Flussauen und Landschaften gespeichert zu werden. Diese Debatte steht beispielhaft für eine Politik, die zu häufig versucht, die Infrastruktur an die Symptome der Klimakrise anzupassen, statt endlich auch deren Ursachen konsequent zu bekämpfen.

Wenn der Fluss zu wenig Wasser führt, graben wir ihn tiefer.

Wenn Schiffe weniger transportieren können, schicken wir mehr Lastwagen auf die Straße.

Wenn Städte überhitzen, stellen wir Trinkbrunnen auf.

Wenn Starkregen Straßen und Gleise zerstört, reparieren wir sie anschließend.

Natürlich braucht es Anpassung. Natürlich müssen wir unsere Städte, Verkehrswege, Wasserstraßen und Gesundheitssysteme auf ein Klima vorbereiten, das sich bereits verändert hat. Aber Anpassung ohne konsequenten Klimaschutz ist ein Rennen, das wir langfristig nicht gewinnen können. Deshalb muss sich die Bundesregierung entscheiden, welches Deutschland sie für die kommenden Jahrzehnte bauen will. Das Sondervermögen und die Milliardeninvestitionen in Infrastruktur bieten eine historische Möglichkeit. Dieses Geld darf nicht dafür verwendet werden, die Infrastruktur des vergangenen Jahrhunderts lediglich etwas haltbarer zu machen.

Das bedeutet eine Bahn, bei der nicht länger jeder Sommer zur Belastungsprobe wird. Ein Schienennetz, das so grundlegend saniert und erweitert wird, dass der Deutschlandtakt irgendwann mehr ist als eine politische Überschrift. Es bedeutet Städte, in denen Straßenbäume, Grünflächen und entsiegelte Flächen keine hübschen Ergänzungen sind, sondern genauso selbstverständlich zur Infrastruktur gehören wie Kanalisation und Straßenbeleuchtung. Es bedeutet sichere Radwege, leistungsfähigen öffentlichen Nahverkehr und attraktive Fußwege. Nicht, weil alle Menschen morgen ihr Auto abschaffen sollen. Sondern weil ein modernes Land seinen Bürgerinnen und Bürgern echte Alternativen anbieten muss. Und es bedeutet Investitionen in Technologien, mit denen Deutschland wirtschaftlich gewinnen kann: erneuerbare Energien, Stromnetze, Speicher, klimaneutrale Industrieprozesse, nachhaltige Baustoffe, Kreislaufwirtschaft, moderne Bahn- und Verkehrstechnik.

Bundeskanzler Merz selbst hat darauf hingewiesen, dass Deutschland mit seinen technologischen Fähigkeiten Lösungen entwickeln müsse, die auch andere Länder nutzen wollen. Genau darin liegt eine enorme Chance. Klimaschutz muss nicht der Gegenentwurf zu Industriepolitik sein.

Klimaschutz kann Industriepolitik sein.

Deutschland war erfolgreich, wenn es technische Umbrüche nicht verhindert, sondern gestaltet hat. Maschinenbau, Chemie, Automobilindustrie, Energie- und Verkehrstechnik haben dieses Land wohlhabend gemacht. Warum sollte ausgerechnet die größte industrielle Transformation unserer Zeit ohne uns stattfinden? China investiert massiv in Batterien, Elektromobilität, Solarenergie und andere Zukunftstechnologien. Weltweit entstehen neue Märkte. Wer heute investiert, baut die Unternehmen, Arbeitsplätze und Wertschöpfung von morgen auf. Wer dagegen versucht, möglichst lange an alten Strukturen festzuhalten, schützt nicht automatisch Wohlstand. Er riskiert ihn. Gerade der Verkehrssektor braucht deshalb einen politischen Neustart. Seit Jahren werden Klimaziele im Verkehr verfehlt oder nur mit Mühe erreicht. Gleichzeitig diskutieren wir noch immer über einzelne Radwege, Bahnstrecken oder Nahverkehrsprojekte, als seien sie politische Luxusfragen. Sie sind es nicht.

Eine zuverlässige Bahn ist Wirtschaftspolitik.

Ein leistungsfähiger ÖPNV ist Sozialpolitik.

Sichere Radverkehrsinfrastruktur ist Verkehrs- und Gesundheitspolitik.

Kurze Wege und lebenswerte Städte sind Standortpolitik.

Und eine Verkehrspolitik, die weniger fossile Energie benötigt, ist spätestens seit den energiepolitischen Erfahrungen der vergangenen Jahre auch Sicherheitspolitik. Wir brauchen deshalb keine Politik der Verbote um ihrer selbst willen. Wir brauchen eine Politik des besseren Angebots.

Der Zug muss zuverlässiger sein. Der ÖPNV einfacher. Das Fahrradfahren sicherer. Der öffentliche Raum lebenswerter. Neue Technologien müssen schneller in die Anwendung kommen. Genehmigungen müssen kürzer dauern. Investitionen müssen sich lohnen und vor allem dafür verwendet werden, wofür sie gedacht waren!

Die nachhaltige Alternative muss nicht moralisch überlegen sein. Sie muss praktisch besser werden.

Genau darin sollte die Aufgabe einer Bundesregierung liegen, die Modernisierung verspricht. Wir werden die Erwärmung nicht in Berlin allein stoppen. Deutschland verursacht nur einen Teil der weltweiten Emissionen. Dieses Argument wird gern genutzt, um die Möglichkeiten deutscher Klimapolitik kleinzureden. Man kann daraus aber auch die entgegengesetzte Schlussfolgerung ziehen.

Ein hochindustrialisiertes Land mit starken Forschungsinstituten, hervorragend ausgebildeten Fachkräften und einem der größten Märkte Europas könnte zeigen, wie eine moderne Volkswirtschaft klimaneutral, wohlhabend und mobil bleibt. Das wäre ein Exportmodell. Und vermutlich ein wesentlich wirkungsvolleres als jede moralische Belehrung anderer Länder. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Deutschland die Welt allein retten kann. Natürlich kann es das nicht.

Die Frage lautet, ob wir bei einem der größten wirtschaftlichen und technologischen Umbrüche dieses Jahrhunderts Gestalter oder Zuschauer sein wollen.

Deine Takeaways

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