10.02.2026 | 11:50 Uhr

Wir treffen uns bei RihaBikes – Bremens Adresse für Radsport und Triathlon. Seit Jahren steht das Team um Vladi Riha und Carolin Schiff für Leidenschaft, Expertise und hochwertige Marken wie Specialized, BMC, Cervélo, Colnago und Felt – Beratung auf Profi-Niveau inklusive.
Anne-Katrin im Interview mit Carolin Schiff
Hey Carolin, wie bist du eigentlich zum Radsport gekommen und was machst du heute?
Ich bin Carolin Schiff, professionelle Gravelfahrerin. Mein Beruf besteht im Moment darin, Gravelrennen zu fahren – möglichst erfolgreich, für meine Partnerinnen, aber auch, weil es mir einfach unglaublich viel Spaß macht.
Wie hat sich deine Leidenschaft fürs Gravel entwickelt? Gab es einen Moment, in dem du gemerkt hast: Das ist meins?
Eigentlich ist das ganz witzig, weil der Begriff Gravel ja erst seit ein paar Jahren wirklich existiert – so richtig populär wurde das Ganze erst mit Corona. Aber ehrlich gesagt haben wir genau das schon lange davor gemacht. Hier im Norden, in Bremen, sind wir im Winter immer offroad gefahren, weil es da ja auch die Cyclocross-Rennen gibt. Früher war das Training im Gelände also eine reine Winterbeschäftigung – heute machen wir’s das ganze Jahr über.
Und die Liebe zum Radfahren – woher kommt sie eigentlich?
Tatsächlich hat das bei mir ziemlich spät angefangen. Früher fand ich Radfahren eher unattraktiv – mein Vater ist im Urlaub immer Alpenpässe hochgefahren und ich dachte nur: Warum tut man sich das an? Man kann doch einfach das Auto nehmen. Erst als ich Vladi kennengelernt habe, hat sich das komplett verändert. Er fuhr damals schon Rennen, ich war bei seinen Wettkämpfen dabei – und plötzlich hat mich das Thema gepackt. Erst bin ich selbst auf der Straße gefahren, im Winter Cyclocross und mit Corona kam dann das Graveln dazu. Offroad unterwegs zu sein, weite Strecken zu fahren – das liegt mir einfach. Je länger es wird, desto stärker werde ich. Heute ist das Rad mein Lebensmittelpunkt. Gravel bedeutet für mich Freiheit, Herausforderung, Natur – und das Gefühl, genau da zu sein, wo ich hingehöre.
Du gehörst zu den Ersten, die Gravelrennen in Deutschland professionell gefahren sind. Wie fühlt sich das an?
Ich würde tatsächlich sagen, ich war die Erste, die das hierzulande auf professionellem Niveau gemacht hat – und ja, das macht mich schon stolz. Es ist Wahnsinn, wie sich das entwickelt hat. Als ich angefangen habe, war das ein Schuss ins Blaue. Heute ist Gravel ein richtiger Trend und es ist schön, Teil dieser Bewegung zu sein. Ich war die erste deutsche Gravel-Meisterin und auch wenn vieles durch äußere Umstände entstanden ist, bin ich diesen Weg konsequent gegangen.
Gab es für dich weibliche Vorbilder im Radsport?
Im Gravelbereich eigentlich nicht – da gab’s ja noch niemanden. Aber im Straßenradsport war Marianne Vos für mich immer eine Inspiration. Sie kann einfach alles, ist vielseitig und stark. Besonders cool war, dass sie mich irgendwann selbst kontaktiert hat, um Tipps für Gravelrennen zu bekommen – und später bin ich sogar bei Rennen gegen sie gefahren. Ein surrealer Moment, aber auch einer, der mir gezeigt hat: Ich bin angekommen.
Du bist mittlerweile für viele junge Fahrerinnen ein Vorbild. Wie fühlt sich das an?
Ehrlich gesagt, ist mir das oft gar nicht so bewusst. Ich mache einfach das, was mir am meisten Spaß macht – was sich richtig anfühlt. Insofern war das gar nicht geplant, sondern ist eher eine natürliche Entwicklung. Aber wenn mir dann jemand sagt: „Du bist ein Vorbild für mich“, dann berührt mich das schon sehr. Das zeigt mir, dass mein Weg auch andere inspiriert. Natürlich bringt das auch eine gewisse Verantwortung mit sich – nicht nur im Sport, sondern auch im Alltag. Ich achte zum Beispiel stärker darauf, wie ich mich im Straßenverkehr verhalte, weil ich weiß, dass andere hinschauen. Das ist kein Druck im negativen Sinne, eher ein Bewusstsein dafür, dass das, was ich tue, vielleicht ein Stück weit etwas bewegt.
Wie gehst du mit dem Druck im Rennalltag um – mit Vorbereitung, Erwartungen und all dem, was hinter den Kulissen passiert?
Natürlich ist da viel Druck, körperlich wie mental. Gerade am Anfang, als ich mit Gravelrennen begonnen habe, lief alles fast zu perfekt. Ich habe im ersten Jahr so gut wie jedes Rennen gewonnen – und dadurch entsteht automatisch eine Erwartungshaltung. Von außen, aber auch von einem selbst. Wenn man dann einmal nicht gewinnt, fühlt sich das plötzlich an wie ein kleiner Weltuntergang. Rückblickend denke ich mir oft: Warum eigentlich? Man kann nicht immer alles gewinnen. Aber in dem Moment ist man so fokussiert, so drin in diesem Tunnel, dass man das ausblendet. Es braucht dann immer wieder bewusstes Runterkommen – sich klarzumachen, dass allein die Möglichkeit, diesen Sport so ausüben zu können, ein riesiges Privileg ist. Die Erfolge sind dann das Sahnehäubchen, nicht der Maßstab für alles.
"Mir ist wichtig, langfristig gesund zu bleiben, und dafür nehme ich mir die Zeit."
Wie erlebst du die aktuellen Entwicklungen im Frauenradsport?
In den letzten Jahren hat sich enorm viel getan. Mit Formaten wie der Tour de France Femmes bekommt der Frauenradsport endlich mehr Sichtbarkeit, es gibt mehr Sponsoren, mehr Professionalität – und das Niveau steigt spürbar. Natürlich ist die Szene immer noch männlich geprägt, aber das ändert sich gerade deutlich. Ich schaue mir inzwischen sogar lieber Frauenrennen an. Es ist spannend zu sehen, wie vielfältig die Szene ist – viele Fahrerinnen kommen über ganz unterschiedliche Wege in den Sport. Genau das macht den Reiz aus: Es entsteht etwas Eigenes, etwas Neues.
Bremen hat ja eine lebendige Radszene – wie erlebst du das?
Absolut! Hier gibt’s richtig viele engagierte Leute, vom Nachwuchs bis zu den Profis. Einer aus unserer Trainingsgruppe ist mittlerweile sogar U23-Weltmeister – mit dem haben wir früher regelmäßig trainiert, ihn ordentlich gefordert. Da merkt man, was aus konsequentem Training entstehen kann. Bremen hat eine kleine, aber sehr starke Community, in der man sich gegenseitig pusht – manchmal mit klaren Ansagen, aber immer mit Herz fürs Radfahren.
Wie blickst du in die Zukunft – was sind deine nächsten Schritte?
Ich bin 39 und meine Karriere war nie geradlinig. Es gab viele Verletzungen, Aufs und Abs – oft standen sie mir im Weg, wenn es Richtung Professionalität gehen sollte. Aber genau das hat mich geprägt. Ich habe gelernt, Rückschläge auszuhalten, mich immer wieder zurückzukämpfen. Diese Resilienz ist heute meine größte Stärke. Aktuell mache ich eine Pause – nicht, weil ich nicht mehr erfolgreich war, sondern weil mein Körper eine Auszeit braucht. Ich hatte erneut einen Schlüsselbeinbruch, die Platte musste gewechselt werden und dabei wurde ein hormonelles Problem festgestellt, das ich jetzt aktiv angehe. Mir ist wichtig, langfristig gesund zu bleiben, und dafür nehme ich mir die Zeit. Was mich dabei besonders berührt hat: das Verständnis meiner Partner*innen. Ich hatte anfangs Angst, dass sie sagen würden, wir brauchen jemanden, der voll leistungsfähig ist. Aber das Gegenteil war der Fall. Vor allem Canyon steht voll hinter mir – nicht nur als Sportlerin, sondern als Mensch. Das gibt mir viel Rückhalt und Motivation, etwas zurückzugeben – egal ob durch sportliche Erfolge, Präsenz oder einfach durch Haltung. Deshalb sehe ich diese Pause nicht als Ende, sondern als Neustart. Ich bin überzeugt: Wenn man an sich glaubt und bereit ist, zu arbeiten, geht es immer weiter. Und genau das mache ich jetzt – Schritt für Schritt zurück aufs Rad.
Was wünschst du dir für die nächste Saison?
Ich habe auf jeden Fall große Lust, nochmal richtig anzugreifen. Zwei Rennen sind mir besonders wichtig – The Traka in Girona und UNBOUND Gravel in den USA. Beide liegen mir total, weil sie lang, anspruchsvoll und einfach mein Terrain sind. Ich habe sie schon gewonnen, aber ich möchte beides nochmal schaffen – einfach weil ich weiß, dass es möglich ist, wenn alles passt. Natürlich kann immer etwas dazwischenkommen – ein Platten, ein schlechter Tag – aber genau das macht es spannend. Außerdem reizt mich die Deutsche Gravel-Meisterschaft. Ich konnte dieses Jahr nicht starten und musste das Meistertrikot abgeben, aber das ist jetzt ein zusätzlicher Ansporn. Ich arbeite hart daran, wieder voll fit zu werden und das Beste herauszuholen. Und wenn’s am Ende nicht klappt, ist das auch okay – ich weiß, was ich erreicht habe, und darauf bin ich stolz. Trotzdem: Die Motivation ist da, der Ehrgeiz sowieso.
Vielen Dank und alles Gute!
WE RIDE GmbH
Gießerstraße 18
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