02.02.2026 | 12:33 Uhr

Ultra-Cyclistin Marei Moldenhauer: Keep the pedals moving!

von Anne-Katrin Hutschenreuter

Journal
(c) Rupert Hartley

Wir treffen Marei Moldenhauer beim Kaffee in Freiburg im Breisgau – HNO-Ärztin, Ultra-Cyclistin, Grenzverschieberin. Sie ist im Sattel zu Hause, liebt das nächtliche Fahren, das Outdoor-Schlafen und den Espresso unterwegs. 2023 finishte sie als zweitplatzierte Frau beim Transcontinental Race, 2024 folgten gleich mehrere Siege: beim Mittelgebirge Classique, beim Bright Midnight in Norwegen und bei der Munich Milan Gravel Challenge. 

Anne-Katrin im Interview mit Marei Moldenhauer

Hey Marei, stell dich doch bitte kurz vor – wer bist du und was treibt dich an?

Ich bin Ärztin – das ist ein wichtiger Teil von mir. Ich arbeite in der HNO-Heilkunde, also Hals-Nasen-Ohren-Medizin und Kopf-Hals-Chirurgie. Seit Juni letzten Jahres bin ich in Freiburg an der Klinik – das ist auch ein Grund, warum ich überhaupt hergezogen bin. Es ist fachlich eine sehr gute Adresse und gleichzeitig ist die Region großartig zum Radfahren. Das Ultrafahren begleitet mich schon länger. Ich liebe diese langen Strecken, die körperliche und mentale Herausforderung. Aber ich kann dem nie alles unterordnen. Mein Beruf fordert viel – lange Tage, unterschiedliche Dienste und enormer Stress gehören dazu. Da geht es nicht, Trainingsbelastung einfach obendrauf zu packen. Ich muss Kompromisse eingehen – aber genau das macht es für mich auch aus. Ich brauche diesen Ausgleich. Die Bewegung, die Natur, den Rhythmus auf dem Rad – das gibt mir wieder Kraft für den Klinikalltag.

Dein erstes Ultra-Event waren sicher nicht direkt 1000 Kilometer. Wie bist du überhaupt zum Radfahren gekommen – und wie sah dein Weg zum Langstreckenfahren aus?

So richtig angefangen hat alles Ende 2019 – da hat mir mein Bruder ein altes Stahlrad geschenkt. Eigentlich nur zum Cruisen in der Stadt, aber dann kam Corona und plötzlich wurde daraus mehr. Ich habe gemerkt, wie gut es tut, draußen zu sein und mich zu bewegen – vorher hatte ich mit Outdoorsport gar nicht viel am Hut. 2021 bin ich dann mit genau diesem Rad meine erste 100-Kilometer-Tour gefahren. Das war ein riesiger Schritt – aufregend, ungewohnt, aber auch wunderschön. Danach habe ich mir ein passenderes Rad gekauft, unterstützt von meiner Mutter, die das alles sehr gefeiert hat. Später kam noch ein Gravelbike dazu, weil ich auch im Winter fahren wollte – durch den Wald, bei Schnee, einfach raus. So bin ich Stück für Stück reingewachsen. Ich habe das Bikepacking für mich entdeckt – erst kleinere Touren zu Freund*innen, dann längere Strecken. Ohne Zelt, einfach mit Taschen, Wechselklamotten, Snacks. Ich weiß noch, wie ich von Wiesbaden nach Köln gefahren bin, 200 Kilometer. Für mich war das riesig. Ich dachte: „Keine Ahnung, ob ich das kann.“ Aber ein Freund meinte: „Wenn du 100 fahren kannst, schaffst du auch 200.“ Und er hatte recht. Natürlich lief nicht alles glatt. Ich habe auf meinen ersten Touren viel falsch gemacht – vor allem beim Essen. Ich wusste gar nicht, wie wichtig Energiezufuhr ist. Einmal habe ich den ganzen Tag fast nur ein Eis gegessen, weil ich auf einen glutenfreien Snack gewartet habe. Kein Wunder, dass ich komplett durchhing. Aber genau diese Erfahrungen gehören dazu – und sie zeigen: Man muss nicht perfekt starten. Man muss nur losfahren.

Hat dich diese erste Erfahrung trotz aller Herausforderungen eher motiviert – oder warst du erstmal abgeschreckt?

Überhaupt nicht abgeschreckt – im Gegenteil. Auch wenn ich am Ende völlig fertig war, hat es mir riesigen Spaß gemacht. Es war aufregend, neu und voller kleiner Abenteuer: Ich bin auf Straßen gelandet, die plötzlich endeten, musste mein Rennrad über Hügel tragen, war stundenlang unterwegs – und trotzdem hatte ich dieses großartige Gefühl, am Ziel anzukommen. Das hat mich richtig gepackt.

Wie ging es dann weiter – vor allem mit deinem ersten Bikepacking-Event in Berlin?

Das war 2022. Ich war für ein paar Monate in Berlin und hatte Lust, Leute kennenzulernen. Also habe ich mich spontan für ein Bikepacking-Event angemeldet. Kein klassisches Rennen – aber viele fahren es sehr ambitioniert. Ich hatte total Angst, dass ich es nicht schaffe, also dachte ich: Dann fahre ich einfach so schnell wie möglich und mache so wenig Pausen wie nötig – quasi aus Selbstzweifeln heraus. Und es hat funktioniert. Ich war viel schneller als gedacht, habe viele tolle Menschen kennengelernt, bin sogar noch weitergefahren. Danach war klar: Ich bin voll drin.

Du hast dann gleich weitergemacht. Was kam danach?

Ich habe mich für eine vierteilige Gravel-Serie angemeldet – auch weil es im Paket günstiger war. Ich dachte: Wenn ich zwei davon schaffe, hat es sich schon gelohnt. Am Ende bin ich alle vier gefahren. Es fing mit 150 Kilometern an, dann 200, später 300 – mit immer mehr Höhenmetern, am Schluss 300 Kilometer mit 5.000 Höhenmetern in Bayern. Nach jedem Event dachte ich: „Das nächste schaffe ich niemals.“ Und dann habe ich es doch geschafft. Ich habe unglaublich viel gelernt in dem Jahr – über Ernährung, Regeneration, Ausrüstung. Ich bin zum ersten Mal in die Nacht gefahren, über 22 Stunden am Stück. Das war komplett neu für mich. Ich hatte vorher mit der Organisatorin Kontakt und meinte: „Ich weiß nicht, ob ich in die Dunkelheit reinfahren kann.“ Und sie meinte nur: „Wenn du gutes Licht hast, mach’s – es ist magisch.“ Und sie hatte recht. Ich hatte sogar ein Schlaf-Set-up dabei, falls ich unterwegs hätte anhalten müssen. Es war aufregend, fordernd, lehrreich – und vor allem: ein riesiger Schritt.

Allein unterwegs zu sein – nachts, im Dunkeln, vielleicht sogar draußen zu schlafen –, ist für viele eine große Hürde. Wie war das für dich?

Gerade am Anfang war das auf jeden Fall ein Thema. Mein erstes Event war das Steppenwolf, ein sehr FLINTA*-orientiertes Bikepacking-Event mit Checkpoints, was mir viel Sicherheit gegeben hat. Ich habe in meiner ersten Nacht draußen in einem Garten geschlafen – eigentlich total ungefährlich, aber es war trotzdem aufregend. Ohne Zelt, nur mit Bivy, unter freiem Himmel. Jeder Ton klang plötzlich riesig. Aber genau so habe ich mich langsam herangetastet. Ein Jahr später, 2023, habe ich dann bewusst gesagt: Ich schlafe nicht am Checkpoint, sondern irgendwo im Wald – ganz allein. Ich habe mir einen Platz ausgesucht, der im Nachhinein vielleicht nicht ideal war: neben einer Mülltonne, mit Mäusen, die nachts um mein Ohr geraschelt sind. Geschlafen habe ich kaum, aber es war eine wichtige Erfahrung. Weil man merkt: Es passiert nichts. Die Angst wird kleiner. Rational weiß man ja ohnehin, dass die Gefahr minimal ist – aber emotional ist das nochmal etwas anderes. Ich habe mir immer Fallback-Optionen überlegt – meine Schwester wusste, wo ich bin, ich habe ihr regelmäßig Updates geschickt. Ich hatte das Gefühl: Im Zweifel komme ich da schon raus. Und genau das gibt mir heute eine große Ruhe – auch auf längeren Touren.

2023 war dann ein besonderes Jahr für dich – mit zwei richtig großen Herausforderungen: dem Taunus Bikepacking und dem #Transcontinental Race. Wie kam es dazu?

Eigentlich war Taunus Bikepacking mein großes Ziel für 2023: 1.000 Kilometer, über 20.000 Höhenmeter. Ich hatte mich im Sommer 2022 angemeldet – da war ich gerade meine erste 300-km-Tour mit 5.000 Höhenmetern gefahren. Ich dachte: Wenn das geht, dann könnte ich mir bis zum Sommer 2023 genug aufbauen, um auch Taunus zu schaffen. Es war ein motivierendes Ziel – und das hat über Monate getragen. Dann war ich mit einer Freundin im Gespräch, die das Transcontinental Race schon mehrmals gefahren ist. Ich meinte so aus Spaß: "Irgendwann will ich das auch mal machen." Und sie nur: "Warum nicht jetzt?" Ich war völlig überrumpelt. Aber sie hat mir diese entspannte Sicht mitgegeben: Man muss nicht perfekt vorbereitet sein. Und abbrechen ist keine Schande. Das war der entscheidende Impuls. Ich hatte 2023 Zeit – zwischen Staatsexamen, Nebenjobs und der Überlegung, wo es medizinisch hingeht. Also habe ich es gewagt. Ich habe mich komplett auf mich konzentriert – keine Tracker, keine Vergleiche. Nur mein eigener Rhythmus. Beim Taunus Bikepacking bin ich die ersten 14 Stunden einfach durchgefahren. Mein Plan: fünf bis sechs Stunden schlafen, dann weiter. Jeden Morgen dachte ich: „Ich kann unmöglich nochmal losfahren.“ Aber nach einer Stunde auf dem Rad war klar: Es geht doch. Und genau das war die Erkenntnis – dass man so viel mehr kann, als man sich selbst zutraut.

Das Taunus Bikepacking war dann so etwas wie deine Generalprobe fürs TCR. Wie hast du diese beiden Events erlebt – gerade mental, mit dem Schlafmangel, der Dauer, dem Alleinsein?

Das Taunus Bikepacking war für mich ein ganz wichtiger Schritt. Ein super organisiertes, familiäres Event – und genau das richtige, um Erfahrung zu sammeln. Draußen schlafen, packen, in der Dunkelheit fahren: Ich konnte mich ausprobieren und mich innerlich ein Stück weit aufs TCR vorbereiten. Ohne das vorher gemacht zu haben, wäre der Einstieg ins TCR vermutlich überwältigend gewesen. Das Transcontinental Race selbst war dann eine völlig neue Dimension. Ich war elf Tage und 20 Stunden unterwegs. Und obwohl ich mir vergleichsweise viel Schlaf gegönnt habe – vier Stunden pro Nacht, in der zweiten sogar sieben –, war es enorm herausfordernd. Nicht körperlich. Sondern mental. Dieses ständige Dranbleiben, immer wieder aufstehen, weitermachen, nie komplett abschalten können – das war anstrengender als alles andere.

Was hat dir geholfen, mental durchzuhalten – in Momenten, in denen alles schwerfiel?

Keep the pedals moving – das sagt man in der Szene und es stimmt. Wenn du anfängst zu überlegen, dass du 4.000 Kilometer vor dir hast, ist das einfach zu viel. Da brauchst du Zwischenziele. Kleine Highlights. Für mich war das: Espresso. Immer wieder mal ein ultrastarker, bitterer Espresso mit zwei, drei Löffeln Zucker – das war mein Rettungsanker. Ein Mini-Ritual. Kurz runterkommen, auftanken, wieder rauf aufs Rad. Und die Begegnungen unterwegs – auch wenn es nur ein kurzes Gespräch war – haben mir oft mehr gegeben, als ich in dem Moment realisiert habe. An Tagen, an denen das gefehlt hat, habe ich den Unterschied deutlich gespürt. Musik hilft mir auch. Und ich glaube, ich habe generell ein Talent dafür, mir Situationen schön zu machen. Ich bin gut darin, mich auch in schwierigen Momenten irgendwie wohlzufühlen – weil ich weiß: Wenn ich schlechte Laune habe, leidet niemand außer mir selbst. Also versuche ich, bewusst gegenzusteuern. Das lernt man mit der Zeit – und es macht einen stärker.

“Es geht nicht ums Gewinnen, sondern ums Erleben!”

Warst du schon immer so naturverbunden und gerne draußen unterwegs – oder kam das erst mit dem Radfahren?

Überhaupt nicht. Früher habe ich Zelten sogar gehasst – vor allem auf Festivals. Alles war chaotisch, nass, unübersichtlich, das hat mich total gestresst. Ich war sehr strukturiert, wollte immer wissen, wo meine Sachen sind, hatte gern Ordnung um mich. Was mich am Ultra-Cycling so fasziniert, ist genau das: wie sehr man sich verändern kann. Eigenschaften, von denen ich dachte, sie gehören fest zu mir, haben sich einfach aufgelöst. Ich war als Kind extrem ängstlich – konnte nicht im Dunkeln schlafen, habe Monster in den Regalen gesehen, wollte lange bei meinen Eltern im Bett schlafen. Und heute schlafe ich allein im Wald, fahre bei Nacht durch fremde Länder. Das ist schon verrückt – und für mich auch sehr schön zu sehen, wie sehr man über sich hinauswachsen kann.

Trainierst du nach Plan – oder fährst du einfach drauflos, je nachdem, wie viel Zeit du hast?

Lange bin ich einfach gefahren – ohne festen Plan. Ich hatte Zeit, hatte Spaß und wurde automatisch besser. Gerade am Anfang entwickelt man sich ja sehr schnell weiter, allein durchs regelmäßige Fahren. Ich war oft mit männlichen Freunden unterwegs, die meist etwas schneller waren – das hat mich sicher auch unbewusst mittrainiert. Ein Trainingsplan war für mich damals nicht nötig. Erst 2024, als ich wusste, dass ich im Juli mit dem Arbeiten beginne, habe ich bewusst umgestellt. Ich habe mir einen Coach gesucht, weil mir klar war: Wenn ich weniger Zeit habe, brauche ich Struktur. Im März haben wir angefangen, sodass wir uns noch vor meinem Berufsstart einspielen konnten. Seitdem arbeite ich mit Trainingsplan – und das hilft mir sehr, meine knappe Zeit effizient zu nutzen. Davor war mein Ansatz: Einfach fahren, so lange es geht – und das hat auch gut funktioniert. 

Hast du Vorbilder?

Früher hätte ich das wahrscheinlich verneint – heute weiß ich, wie wichtig sie waren. Gerade am Anfang hat mir das unglaublich geholfen: Frauen zu sehen, die das, was ich mir selbst noch nicht zutraute, einfach gemacht haben. Eine der ersten war tatsächlich Wiebke Lühmann. Ich bin auf Instagram auf sie gestoßen, als ich überlegt habe, ob ich mir ein Rennrad oder ein Gravelbike fürs Bikepacking kaufen soll. Ich habe ihr damals sogar geschrieben – da kannten wir uns noch gar nicht – und sie um Rat gefragt. Später kamen andere dazu: Fiona Kolbinger, Jana Kesenheimer – Frauen, die große Rennen fahren, die sichtbar sind, die Mut machen. Nicht weil ich mich direkt mit ihnen identifizieren konnte, sondern weil sie überhaupt da waren. Dadurch konnte sich in meinem Kopf überhaupt erst der Gedanke festsetzen: Das geht. Das ist möglich.

Was würdest du anderen Frauen mitgeben, die vielleicht überlegen, sich auch mal an ein Bikepacking-Event oder Ultradistanz-Rennen zu wagen?*

Einfach anfangen – mit dem, was man hat. Mein erstes Rad war ein schweres Stahlrad, ich bin in Baumwollshirt und Laufschuhen losgefahren. Klar war das nicht perfekt, aber es hat gereicht. Man muss nicht gleich alles "richtig" machen oder die teuerste Ausrüstung haben. Wichtiger ist: ausprobieren, ob es einem Spaß macht – und sich mit Menschen umgeben, die einen stärken. Gerade für Frauen und FLINTA*-Personen ist das super wertvoll. Ich habe mich in einer Frauengruppe in Heidelberg total wohlgefühlt, auch wenn ich nicht die schnellste oder bestangezogen war. Man darf sich nicht ständig mit anderen vergleichen – das nimmt einem sonst ganz viel. Und: kleine, realistische Zwischenziele setzen. Nicht sofort das größte Rennen anpeilen. Es geht nicht ums Gewinnen, sondern ums Erleben. Und darum, die eigenen Grenzen zu verschieben – Schritt für Schritt.

Wow, vielen lieben Dank!

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