15.09.2025 | 13:16 Uhr

Role Model: Sandra Wolf, CEO bei Riese & Müller

von Anne-Katrin Hutschenreuter

Sandra Wolf-Riese&Mueller
Journal
Sandra Wolf ist CEO bei Riese & Müller. Mit einer zutiefst menschlichen Grundhaltung und der Bereitschaft, nachhaltig Verantwortung zu übernehmen. (c) WE RIDE

Robert im Interview mit Sandra Wolf, CEO bei Riese & Müller

Hallo liebe Sandra, stell dich doch bitte kurz vor und wo wir uns zum Zeitpunkt des Interviews befinden.

Ich bin Sandra Wolf, ich bin seit zwölf Jahren Geschäftsführerin von Riese & Müller, einem Hersteller von E-Bikes mit Sitz im hessischen Mühltal. Wir sind hier auf der Eurobike 2025, der wichtigsten Messe unserer Branche – und das an unserem wunderschönen Messestand.

Du sprichst oft von „Haltung“. Was genau verstehst du darunter – und warum ist sie gerade in der Fahrradbranche so wichtig?

Haltung ist für mich ein zentraler Aspekt im Leben. Eine klare Haltung – also etwas, wofür ich stehe und wofür ich mich einsetze – kann mir in jeder Situation Orientierung geben und mir im wahrsten Sinne des Wortes Halt geben, auch und gerade im Business. Sie hilft zu verstehen, warum man Dinge tut, und sie gibt Orientierung bei Entscheidungen, besonders wenn sie schwierig sind. Für mich bedeutet das zum Beispiel, Verantwortung für Nachhaltigkeit zu übernehmen. Aber es geht auch grundsätzlicher um das Menschsein: Warum tue ich etwas? Natürlich bin ich Geschäftsfrau, doch mir ist es wichtig, darüber hinaus Haltung zu zeigen und einen Beitrag zu leisten.

Kannst du ein Beispiel nennen, wo du bewusst aus deiner Haltung heraus eine Entscheidung treffen musstest?

Das passiert eigentlich permanent – und je schwieriger die Zeiten werden, desto häufiger. Nehmen wir das Thema Nachhaltigkeit: In wirtschaftlich angespannten Phasen wäre es naheliegend, diesen Bereich zurückzufahren, zumal auch einige Regularien gelockert wurden. Aber wenn man sich für nachhaltiges Wirtschaften entschieden hat, dann kann man das nicht einfach abschalten – und will es auch nicht. Wir haben bewusst entschieden, diesen Weg konsequent weiterzugehen. Ein anderes Beispiel sind Geschäftsbeziehungen. Manchmal merkt man, dass eine Zusammenarbeit nicht zu den eigenen Werten passt. Dann ist es leichter, in guten Zeiten „Nein“ zu sagen. In herausfordernden Phasen erfordert das mehr Mut – aber es ist wichtig, bei sich und seinen Prinzipien zu bleiben. Gleiches gilt für Entscheidungen im Umgang mit Mitarbeitenden: Auch da leitet uns Haltung. Für mich ist das ein echtes Lebensmotto.

Du bist Geschäftsführerin einer Fahrradmarke. Wie war es für dich, als Frau in dieser Branche Verantwortung zu übernehmen – in einem Umfeld, das lange als Männerdomäne galt?

Meine Erfahrungen waren da etwas anders. Natürlich war die Branche, als ich vor über 20 Jahren auf meiner ersten Eurobike war, noch fast ausschließlich männlich geprägt. Trotzdem habe ich sie als sehr menschlich erlebt. Sie kommt stark aus dem Outdoor- und Sportbereich – und Sportcommunities sind zwar performanceorientiert, aber nicht so sehr auf Gender fixiert. Im Vergleich zu anderen Industrien, die ich als Beraterin kennengelernt habe, wirkte die Fahrradbranche offen, unkompliziert und warmherzig. Das hat mir den Einstieg erleichtert. Ich bin unbefangen hereingekommen und habe meinen eigenen Weg gefunden, geprägt von einer globaleren Sicht auf das Menschsein. Heute sind deutlich mehr Frauen in der Branche sichtbar, es gibt Initiativen wie Women in Cycling, und viele von ihnen übernehmen Verantwortung in ganz unterschiedlichen Positionen. Die Branche hat das zugelassen – und das ist nicht selbstverständlich. Natürlich habe ich auch typische Situationen erlebt, etwa beim Kauf meines ersten Rennrads. Da wurde ich mit Technik überschüttet, obwohl ich einfach nur Radfahren wollte. Und ja, auch heute gebe ich offen zu: Bei den ganz technischen Details bin ich nicht die Expertin. Aber das ist auch nicht der Punkt. Ich bringe andere Perspektiven ein – und lasse mich nicht auf Wissen abprüfen, sondern definiere meinen Beitrag anders.

“Natürlich bin ich Geschäftsfrau, doch mir ist es wichtig, darüber hinaus Haltung zu zeigen und einen Beitrag zu leisten.”

In den letzten zwölf Jahren hat sich viel bewegt. Siehst du darin auch Auswirkungen auf die Produkte – wird die Branche insgesamt „weiblicher“?

Wenn ich auf unsere Produkte schaue, dann würde ich sagen: nicht direkt. Aber gerade im Cargo-Bereich spielen Themen wie Elternschaft eine große Rolle – und damit automatisch vielfältigere Perspektiven. Bei Riese & Müller bewegen wir uns stark in der Alltagsmobilität. Da geht es um Familien, um ganz unterschiedliche Anwendungen. Die Vielfalt wächst definitv durch mehr weibliche Mitarbeitende und deren Blickwinkel. Besonders im Cargo-Segment zeigt sich, dass viele Frauen neu oder wieder aufs Rad steigen, oft nach vielen Jahren Pause. In Ländern wie Südeuropa, wo die Fahrrad-Sozialisierung nicht so selbstverständlich ist wie bei uns in Deutschland, bedeutet das: Menschen – und hier vor allem Frauen – müssen Hürden überwinden, um wieder Rad zu fahren. Unsere Aufgabe ist es dann nicht nur, passende Produkte zu entwickeln, sondern auch „Education“ zu betreiben und Menschen zu befähigen. Im Alltag sind es weniger Geschlechterfragen als vielmehr unterschiedliche Bedürfnisse: In einer Familie nutzen oft mehrere Personen dasselbe Lastenrad. Es muss flexibel auf verschiedene Körpergrößen und Fahrstile einstellbar sein – sportlich oder gemütlich, groß oder klein, jung oder alt. Wichtiger ist mir aber: Frauen für die Bike-Branche zu begeistern. Ob im Verkauf, in der Servicewerkstatt oder in der Entwicklung – es gibt großartige Unternehmen in Deutschland, die sehr offen für neue Blickwinkel sind. Hier liegt viel Potenzial, und ich hoffe, dass noch mehr Frauen den Schritt in diese Branche wagen.

Gibt es Hürden, die Frauen davon abhalten, in die Fahrradbranche zu gehen?

Von außen wirkt es oft sehr männlich, was abschreckend sein kann. Aber in der Bikebranche gibt es viele Unternehmen mit einem modernen und diversen Mindset, wie Schwalbe, Supernova oder natürlich Riese & Müller. In Ingenieursberufen liegt der Männeranteil auch in unserer Branche nach wie vor hoch. Dabei bietet das Ingenieurwesen eine riesige Bandbreite an Aufgaben und Gestaltungsmöglichkeiten. Wichtig ist mir, Frauen jeden Alters zu ermutigen. Junge Frauen, die sich etwas zutrauen wollen, aber auch Frauen in meiner Altersgruppe, die vielleicht denken, dass sie keinen Job mehr bekommen. Gerade da liegt so viel Potenzial: Erfahrung, Energie und Bereitschaft, noch einmal richtig loszulegen. Entscheidend ist, sich nicht einschüchtern zu lassen, sondern selbstbewusst den eigenen Weg zu gehen.

Gibt es Frauen, die dich auf deinem Weg inspiriert haben?

Ich orientiere mich weniger an Geschlechtern, sondern an Menschen, die mich ermutigt haben. Inspiration kann von Männern und Frauen kommen – entscheidend ist, dass jemand an dich glaubt. Jeder Mensch braucht so jemanden. In meinem Leben gab es mehrere solcher Personen. Bei Riese & Müller waren es Heiko Müller und Markus Riese, die mir von Anfang an 100 Prozent Vertrauen geschenkt haben. Ohne dieses Vertrauen hätte ich meine Rolle gar nicht so ausfüllen können. Und ich hatte früh eine Vorgesetzte, die mir viel zugetraut hat. Viele Jahre später habe ich mich noch einmal bei ihr bedankt, weil mir erst im Rückblick klar wurde, wie sehr sie mir den Weg geebnet hat. Das ist für mich echte Größe: Menschen fördern, ohne Angst, dass sie einem etwas wegnehmen könnten. Dieses Vertrauen möchte ich weitergeben – als Geschäftsfrau, Kollegin und Role Model.

Vielen Dank!

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