16.01.2026 | 15:32 Uhr

Mirka Beszus, Inhaberin von COMFYTTERS hat einen Ort geschaffen, an dem besonders Frauen endlich ernst genommen werden – mit ihren Bedürfnissen, Körpern und Fragen rund ums Rad. Individuelles Bikefitting, das wirklich passt – schmerzfrei, nahbar und auf Augenhöhe.
Lorenz im Interview mit Mirka Beszus
Hallo Mirka, magst du bitte kurz erzählen, wer du bist, was du machst – und wie du überhaupt zum Fahrrad und schließlich zum Bikefitting gekommen bist?
Ich heiße Mirka Beszus, bin 43 Jahre alt und Inhaberin von COMFYTTERS. Zum Fahrradfahren bin ich gekommen, nachdem sich in meinem Leben einiges verändert hat. Mein Camper war verkauft, meine Beziehung zu Ende – und plötzlich stand ich da und fragte mich: Was mache ich eigentlich im Sommer? Wandern fand ich ganz schön, aber Fahrradfahren klang spannender – man kommt einfach weiter. Also habe ich mir ein Rad gekauft, die Ausrüstung dazu, alles durchgeplant. Schon bei den ersten Touren merkte ich aber: Irgendwas passt nicht. Ich hatte Schmerzen, es war unbequem – und weil ich gern in Themen eintauche, bin ich auf Bikefitting gestoßen. Mein erstes Fitting war zwar technisch nicht perfekt, aber es hat gereicht, um mein Radgefühl deutlich zu verbessern. Ich konnte meinen dreiwöchigen Urlaub richtig genießen – und dieses Erlebnis hat bei mir etwas ausgelöst. Die Idee, das Rad wirklich auf den eigenen Körper abzustimmen, hat mich begeistert. Ich hatte das Gefühl, mit meinem Rad zu einer Einheit zu werden. Das wollte ich weitergeben.
Wann hast du deine große Radreise geplant und gestartet – und war das Fahrradfahren vorher schon ein Thema für dich?
Das war vor zwei oder drei Jahren. Und ehrlich gesagt: Das Fahrrad war bis dahin nie ein großes Thema für mich. Klar, ich bin schon früher Rad gefahren, wie man das eben so macht, aber es war kein fester Bestandteil meines Alltags. Ich bin auch kein sportlicher Typ – ich brauche keinen Sport als Workout. Das kam alles wirklich neu in mein Leben. Damals kamen viele Veränderungen zusammen: Die Firma, in der ich lange gearbeitet habe, ging in die Insolvenz. Ich war dann ein Jahr arbeitslos und habe in der Zeit eine Freundin gepflegt, die an Krebs erkrankt war. Und irgendwann kam der Moment, in dem ich dachte: Was machst du jetzt eigentlich mit deiner Zeit? Ich liebe Herausforderungen und neue Themen – passenderweise kam eine Freundin mit der Idee um die Ecke: „Mach dich doch selbstständig! Du kannst doch den Gründungszuschuss beantragen.“ Und ich dachte nur: Warum eigentlich nicht? Ab da ging alles Schlag auf Schlag: Ich habe angefangen zu recherchieren, mich über Monate tief in das Thema Bikefitting eingelesen und plötzlich saß ich bei der Arbeitsagentur, schrieb einen Businessplan, fädelte alles zusammen – es hat sich einfach richtig angefühlt. Und je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte, desto mehr habe ich gemerkt, wie gut das alles zu mir passt. Beim Bikefitting kommen Dinge zusammen, die ich liebe: Technik und Logik – ich bin ein Excel-Nerd und mag Zahlen, Daten, Fakten. Dann der menschliche Kontakt: Ich liebe es, mit Menschen zu arbeiten und ihnen wirklich helfen zu können. Es ist jedes Mal ein gutes Gefühl, wenn jemand den Laden mit einem Lächeln verlässt. Und dann das Handwerkliche: Ich habe hier im Laden super viel selbst gemacht und bastle auch gerne mal rum, schraube, probiere aus. Dieses Zusammenspiel ist für mich einfach ein perfektes Match. Und nun gibt es seit Ende April #COMFYTTERS hier am Westring.
Damit bist du nicht nur eine der wenigen Bikefitter*innen in Kiel, sondern vermutlich auch die einzige weiblich geführte Location – oder?
Genau, definitiv. Und was mich zusätzlich unterscheidet, ist, dass ich auch Fahrräder mit Videoanalyse und Satteldruckmessung analysiere, die sonst oft außen vor bleiben, also E-Bikes, Räder mit Nabenschaltung oder klassische Freizeiträder. Daraus ergibt sich, dass sich auch ältere Personen angesprochen fühlen, was mich sehr freut!
Bikefitting wird ja oft mit dem Leistungssport assoziiert – also mit der Idee, noch das letzte Quäntchen Effizienz herauszuholen. Ist das auch dein Ansatz? Oder geht es vielmehr darum, Beschwerden zu lindern?
Ursprünglich kommt das Fitting natürlich aus dem Sport – aus dem Profibereich, wie man’s vom Fußball oder Laufen kennt. Aber längst nicht alle, die sportlich unterwegs sind, lassen sich auch regelmäßig fitten. Und ehrlich gesagt, sitzen selbst viele mit High-End-Equipment nicht optimal auf dem Rad – da fehlt oft Spannung im Rücken, die Sattelhöhe passt nicht oder die Haltung ist unausgewogen. Was viele nicht wissen: Bikefitting ist für alle da. Es geht nicht nur um Leistungsoptimierung, sondern ganz zentral auch darum, Beschwerden zu lindern. Eingeschlafene Hände, Nacken- oder Rückenschmerzen, taube Füße – das sind typische Themen, mit denen auch Alltagsradelnde zu mir kommen. Über ergonomisch sinnvolle Einstellungen und Bewegungsanalyse lassen sich solche Probleme oft deutlich verbessern. Am Ende profitieren wirklich alle – egal, ob Triathlet*in oder Freizeitradler*in. Und gerade bei ambitionierten Sportler*innen braucht es sowieso mehrere Termine, weil der Körper sich erst an aggressive Sitzpositionen gewöhnen muss. Es ist kein Zaubertrick, sondern Teamarbeit: Bike und Mensch müssen gemeinsam justiert werden.
Du hast im Vorgespräch angedeutet, dass Radgeometrien und Sättel oft auf Männer ausgelegt sind. Welche Unterschiede gibt es da konkret – und warum ist gerade für Frauen ein angepasstes Bikefitting so wichtig?
Weil weibliche Körper andere Voraussetzungen mitbringen – statistisch gesehen etwa längere Oberkörper und kürzere Beine im Verhältnis zur Gesamtgröße und breitere Becken. Viele Radmodelle orientieren sich aber an männlichen Durchschnittswerten. Klar, man kann einiges mit der Position des Sattels oder der Größe des Vorbaus ausgleichen, aber ideal ist das nicht. Gerade bei Sätteln zeigt sich das: Männer brauchen oft nur eine Entlastung im Dammbereich, bei Frauen liegt der Druckpunkt eher im vorderen Bereich. Deshalb haben viele Frauensättel die Sattelaussparung nur bis zur Mitte und nicht hinten. Damit werden aber Frauen mit Narbengewebe im Dammbereich, das durch eine Geburt entstanden ist, nicht berücksichtigt. Ich sehe in meinen Satteldruckmessungen oft Frauen, die sich regelrecht aus dem Sattel rausdrücken, um Schmerzen zu vermeiden – unbewusst, aber mit hoher Anspannung. Das ist dann keine entspannte Radtour mehr. Ein passendes Bikefitting kann hier riesig helfen – nicht nur, um bequemer zu sitzen, sondern auch, um sich sicherer und freier auf dem Rad zu fühlen.
Wenn man zu dir zum Bikefitting kommt – was genau passiert da eigentlich? Es geht ja nicht nur um den Sattel, sondern um das Zusammenspiel von Körper und Rad, oder?
Genau. Bikefitting heißt für mich: Wir schauen uns das komplette System an – Mensch und Fahrrad in Bewegung. Ich biete auch kleinere Pakete an, zum Beispiel nur eine Satteldruckmessung oder eine reine Sattelberatung, wenn jemand sich vorsichtig herantasten möchte. Aber eigentlich ist die Kombination aus Videoanalyse und Satteldruckmessung der Schlüssel. Bei der Videoanalyse filme ich von der Seite und von vorne, um genau zu sehen, wie sich jemand auf dem Rad bewegt – nicht nur im Stand, sondern in der tatsächlichen Bewegung. Da sieht man Winkel, Haltung, Ausweichbewegungen. In Kombination mit der Satteldruckmessung können wir dann sehr genau herausfinden, wo der Schuh wirklich drückt – oder eben der Sattel. Für sportliche Fahrer*innen biete ich ab dem Herbst noch eine Druckmessung in den Schuhen an – besonders relevant bei Klickpedalen. Denn auch dort spielt sich viel ab in Sachen Kraftübertragung und Komfort. Entscheidend ist: Wir schauen nicht auf Idealwerte, sondern auf das, was individuell passt. Und dabei helfen eben die Technik und das geschulte Auge.
Am besten misst du also über die Videoanalyse – warum ist das so wichtig?
Weil ich nur in der Bewegung wirklich sehe, was passiert. Klar, es gibt statische Tricks – zum Beispiel die Position des Knies in der Drei-Uhr-Stellung des Pedals zu prüfen. Aber das zeigt nie das volle Bild. In der Bewegung hält man den Fuß anders, verlagert das Gewicht, das Knie wandert – all das kann ich nur per Video exakt nachvollziehen. Und die Satteldruckmessung ergänzt das perfekt. Sie zeigt mir nicht nur, wo Druck entsteht, sondern hilft auch den Kund*innen, besser zu verstehen, was sie spüren. Wenn jemand sagt: „Meine Sitzbeinhöcker tun weh“ oder „Es scheuert an der Seite“, dann können wir das auf dem Bildschirm sichtbar machen. Rote Druckstellen, Asymmetrien – das macht es greifbar. Und dann probieren wir: anderer Sattel, andere Sitzposition – so lange, bis es wirklich passt.
Also ist das Bikefitting mehr als nur ein einmaliges Justieren – auch der Körper muss mitarbeiten?
Absolut. Ich fange meist mit dem an, was da ist – zum Beispiel dem vorhandenen Sattel. Wenn wir über die Haltung, vor allem die Beckenposition, schon viel verbessern können, dann nutzen wir das erstmal. Viele unterschätzen, wie stark man das Sitzgefühl über die Beckenkippung beeinflussen kann. Wer sich aufs Rad „raufflatscht“ wie ins Auto und dann über Knieschmerzen klagt, muss sich eigentlich nicht wundern. Ich kann zwar die Pedalplatten einstellen, aber nachhaltiger ist es, gezielt die Beinmuskulatur zu aktivieren und die Haltung bewusst zu verändern. Es ist wie im Fitnessstudio: Ohne Eigeninitiative geht es nicht. Ich habe hier eine große Auswahl an Sätteln – vom Citybike- bis zum Mountainbike-Sattel, in T- und V-Form, rund oder flach. Viele Modelle können wir durchtesten, je nachdem, wie viel Neugier die Kund*innen mitbringen. Das ist ein echter Vorteil, denn oft wird schnell ein weicherer Sattel oder eine Gelauflage empfohlen – gerade für Frauen. Aber das ist ein Trugschluss: Je weicher der Sattel, desto tiefer sinkt man ein, desto mehr Kontaktfläche entsteht – und mit ihr auch mehr Reibung. Und genau diese Reibung ist das eigentliche Problem. Viele Frauen erleben schon nach kurzer Zeit taube Stellen – an der Vulva oder der Klitoris – oder können nach dem Radfahren kaum pinkeln, weil alles taub ist. Dazu kommt: Wir Frauen haben ein feuchteres Milieu im Sitzbereich, das erhöht die Reibung zusätzlich. Wundgescheuerte Stellen können sich entzünden, Bakterien haben leichtes Spiel. Es geht also nicht nur um Komfort, sondern um echte gesundheitliche Risiken – und die kann man mit dem richtigen Set-up vermeiden.
Was sind denn die häufigsten Beschwerden, mit denen Menschen zu dir kommen – und wie läuft so ein Termin bei dir ab?
Am häufigsten klagen die Leute über taube Finger – das ist wirklich Platz eins, noch vor Sitzproblemen oder Knieschmerzen. Viele wissen überhaupt nicht, dass man da etwas verändern kann. Gerade bei längeren Ausfahrten sind taube Hände oder Füße extrem nervig, man kann kaum noch richtig bremsen oder lenken. Sitzprobleme kommen dann oft direkt danach. Manche haben sich damit regelrecht abgefunden – aber das muss nicht sein. Grundsätzlich arbeite ich ausschließlich auf Terminbasis, weil so ein Bikefitting eben kein „Ich schau mal kurz rein“ ist. Ein Termin dauert in der Regel zwei Stunden, mit einer halben Stunde Puffer obendrauf. In dieser Zeit sind wir beide voll konzentriert – es geht darum, ganz genau hinzuschauen, was am Rad wie wirkt. Wenn jemand einfach mal vorbeikommen und eine Frage stellen will, darf er natürlich klingeln – wenn es gerade passt, nehme ich mir auch spontan ein paar Minuten Zeit. Und wer erstmal nur den Laden anschauen möchte, kann mich auch einfach kontaktieren – dann finden wir eine Zeit, in der ich frei bin. Aber das eigentliche Fitting ist und bleibt ein intensiver, individueller Prozess, für den ich mir gezielt Zeit nehme.
Toll! Vielen Dank!
WE RIDE GmbH
Gießerstraße 18
04229 Leipzig