23.02.2026 | 12:08 Uhr

Zwischen Sturzbügeln und Stahlrahmen hat sich bei SW-MOTECH in Nordhessen etwas Neues formiert: Mit VIA ist aus einem etablierten Mittelständler ein zukunftsorientiertes Unternehmen entstanden. Statt nur auf PS setzen die Geschwindigkeitsexpert*innen jetzt auch auf Pedale – und bringen mit einer eigener Rahmenfertigung, robustem Gepäck-Know-how und viel Begeisterung das VIA E-Lastenrad in unterschiedlichsten Modellen auf die Straße. Ein Besuch zwischen Hightech, Handwerk und echter Aufbruchsstimmung.
Anne-Katrin und Robert im Interview mit Kristin, Tobias und Alexander
Hey in die Runde, stellt euch doch bitte kurz vor: Wer steckt hinter den Krafträdern und wie kam es dazu, dass ihr euch als erfahrene Motorrad-Zubehörfirma entschieden habt, in den Fahrradmarkt einzusteigen?
Alexander: Hey, ich bin seit sieben Jahren Teil der Firma, ursprünglich im Marketing gestartet – aber immer schon Fahrradpendler gewesen. Das Lastenradprojekt entstand 2021, angestoßen durch die Geschäftsführung. Damals war klar: Das Thema Motorrad wandelt sich, Elektromobilität und Nachhaltigkeit gewinnen an Bedeutung – da wollten wir neue Wege gehen. Lastenräder boomten zu der Zeit und so war schnell entschieden: Wir bauen ein eigenes. Unsere Wurzeln liegen eigentlich im Motorradbereich. Unter dem Namen SW-MOTECH fertigen wir seit 1999 Zubehör und Gepäcklösungen für Motorräder. In unserer eigenen Produktion in Tschechien arbeiten erfahrene Schweißer*innen, die seit Jahren solide Konstruktionen aus Aluminium und Stahl für Zweiräder herstellen – da steckt also richtig Know-how drin. Als dann der Entschluss fiel, ein Lastenrad zu entwickeln, dachten wir erst: klar, kriegen wir hin – wir arbeiten mit Metall, Kunststoff, haben industrielle Fertigungsprozesse. Aber ein Fahrrad ist eben doch nochmal etwas ganz anderes. Schritt für Schritt wurde das Projekt immer konkreter – und irgendwann hieß es: „Wer hat eigentlich den Hut auf?“ Na ja, ich habe ihn dann aufgesetzt. Weil ich die Strukturen hier kenne – und weil ich fürs Fahrrad brenne. Später kam Tobi dazu – denn wir haben gemerkt: Wir brauchen jemanden, der das Thema auch nach außen tragen kann. VIA GmbH & Co. KG selbst wurde dann 2021 gegründet.
Tobias: Ich bin Tobi und habe vorher in einem Fahrradladen gearbeitet. Als ich dort anfing, habe ich ziemlich schnell von dem Lastenradprojekt hier am Standort erfahren – mein Bruder sitzt oben im Marketing und hat das mitbekommen. Ich fand das super spannend, habe mich direkt als Cargobike-Fachberater weitergebildet und mich zwei Jahre später einfach initiativ hier beworben – ohne Absprache mit meinem Bruder. (Lacht.) Seitdem bin ich Teil des Teams und bringe vor allem das Fahrrad-Know-how und die Kund*innensicht ein – gerade in der Produktentwicklung ist das extrem wichtig. Ich bin jetzt seit zwei Jahren dabei, anfangs noch kurz bei SW-MOTECH eingelernt, dann aber ziemlich schnell voll in das Lastenradprojekt eingestiegen – und seitdem geben wir hier ordentlich Gas.
Kristin: Ich bin Kristin, arbeite im Sales-Bereich und bin leidenschaftliche Motorradfahrerin. Seit über einem Jahr bin ich Teil von VIA sowie der SW-MOTECH GmbH & Co. KG und begleite den Vertrieb unserer Lastenräder mit genauso viel Begeisterung wie schon seit längerem die Motorradwelt. Angefangen habe ich vor fünf Jahren bei SW-MOTECH mit einer Ausbildung im Vertrieb. Irgendwann bin ich dann ein wenig in das Lastenradprojekt „hineingerutscht“ – und habe dort schnell gemerkt, dass im Vertrieb noch Struktur und Unterstützung gefragt waren. Inzwischen decke ich das mit einer 50-Prozent-Stelle ab: Die eine Hälfte meines Tages kümmere ich mich um Motorradzubehör, die andere Hälfte gehört voll und ganz den Lastenrädern. Dabei hilft mir natürlich auch der Blickwinkel als aktive Motorradfahrerin – denn das Thema bleibt für mich trotz aller Neuerungen weiterhin wichtig.
„Das Fahrrad wird oft noch als Problem gesehen, dabei ist es längst Teil der Lösung – es braucht nur die passende Infrastruktur, damit alle gleichberechtigt unterwegs sein können.“
Wie wichtig ist es für euch, auch mal den Blick von außen einzunehmen – oder sogar bewusst jemanden mit einer anderen Perspektive ins Team zu holen?
Alexander: Total wichtig. Gerade in der Aufbauphase des Projekts gab es viele Situationen, in denen wir Prozesse komplett neu denken mussten – oft, weil es einfach noch keinen Standard gab. Da hilft es, wenn man nicht nur streng durch die interne Brille schaut, sondern auch externe Denkweisen einbringt. Und da war schnell klar: Es braucht jemanden, der auch mal strukturiert durchdenkt, was vertrieblich noch fehlt – und gleichzeitig flexibel bleibt, wenn sich Dinge verändern. Natürlich reibt man sich da manchmal, aber gerade das bringt einen weiter. Am Ende geht es immer darum, kreative Lösungen zu finden und daraus verlässliche Prozesse zu formen.
Wie ging es nach dem Start mit dem VIA-1 Kraftrad weiter?
Alexander: Die Erfahrung, die wir aus dem Motorradbereich mitbringen – also schwer und robust bauen – hat sich beim Lastenrad als echter Vorteil herausgestellt. Unser Rad ist stabil, langlebig und macht auch bei höheren Lasten nicht schlapp. Wir sagen manchmal: Das ist ein echter Packesel – kompakt, wendig, aber extrem belastbar. Du kannst damit eine Kiste Wasser in die Stadt bringen oder als Handwerker auch mal drei Säcke Zement einladen, ohne dass es instabil wird. Genau deshalb haben wir jetzt auch eine eigene Cargo-Version entwickelt – mit Deckel und Stauraum, speziell für Gewerbetreibende. Gleichzeitig haben wir einige clever durchdachte Features eingebaut, wie eine verstellbare Sitzbank für Kinder oder zusätzlichen Stauraum im Heck. Viele Dinge wirken vielleicht auf den ersten Blick nicht spektakulär – wie unsere hohe Fertigungstiefe mit eigenen Kunststoffteilen und ohne Abhängigkeit von taiwanischen Rahmenhersteller*innen – aber genau das bringt uns eine enorme Flexibilität. Besonders stolz sind wir auf unser modulares System: Unser Zubehör ist komplett auf Airline-Schienen ausgelegt. Damit bleiben wir bei der Gestaltung und Nutzung des Rads maximal variabel – ein Feature, das uns von vielen anderen unterscheidet.
Das heißt, die Rahmen baut ihr selbst?
Alexander: Genau. Im Fahrradbereich ist es ja oft so: Man konstruiert einen Rahmen und gibt ihn dann irgendwo extern in Asien in Auftrag. Bei uns läuft das anders. Die Wurzeln unserer Firma liegen im Metallbau – entstanden ist alles vor mehr als 25 Jahren. Damals hatte einer der Gründer einen Kontakt nach Tschechien und dieser Bekannte hatte den Mut, dort eine eigene Metallfertigung aufzubauen. Seitdem lassen wir sämtliche Metallteile, also auch unsere Fahrradrahmen, dort schweißen – präzise, hochwertig und komplett in Europa hergestellt. Unsere Kunststoffverarbeitung ist zwar an SW-MOTECH angebunden und findet teilweise in Asien statt – etwa bei ABS-Boxen und anderen Teilen. Aber wir sind trotzdem deutlich unabhängiger als viele andere, die komplett auf externe Produzenten angewiesen sind. Wenn mal eine Charge nicht passt, lassen wir einfach neu fertigen – schnell und direkt. Und der große Vorteil: Wir mussten das alles nicht von null an aufbauen, sondern konnten auf eine bestehende Infrastruktur zurückgreifen – inklusive Know-how, Material und Produktion.
Wie sieht es aktuell mit eurer Lieferzeit aus, wenn jemand ein Rad bestellt?
Tobias: Aktuell können wir ziemlich schnell liefern – oft sogar direkt ab Lager. Wir haben einen Pool an vormontierten Rädern, auf den wir zurückgreifen können. Natürlich müssen Dinge wie Rahmenbau, Pulverbeschichtung oder Montage eingeplant werden, aber da wir bewusst in kleinen Chargen starten, sind wir sehr flexibel. Das ermöglicht es uns auch, dazuzulernen und Prozesse weiter zu optimieren – statt gleich riesige Stückzahlen zu produzieren.
Welche Herausforderungen gab es dabei, das Thema Lastenrad in euren bestehenden Betrieb zu integrieren?
Alexander: Die Herausforderung war, dass wir ein neues Produkt in bestehende Strukturen bringen wollten – und das bei einer Firma, die täglich rund 4000 Pakete verschickt. Plötzlich kamen wir mit Anforderungen, die nicht in die automatisierten Abläufe passten – etwa, dass jedes Rad eine Seriennummer bekommt und einzeln versendet werden muss. Das bedeutet viel Abstimmung mit allen Abteilungen. Gleichzeitig ist genau das unsere große Stärke: Wir greifen auf mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Metallverarbeitung und Produktentwicklung zurück. Die Kunststoffbox zum Beispiel besteht aus Material, aus dem wir auch Motorradkoffer fertigen. Sie stammt von einem Partner, mit dem wir seit Jahren zusammenarbeiten. Auch im Bereich Taschen setzen wir auf bewährte Lieferketten. Ohne diesen Hintergrund wäre vieles deutlich komplizierter. Und letztlich war klar: Jetzt ist die Zeit für etwas Neues. Wir wollten unsere Erfahrung nutzen, um einen Beitrag zu leisten – für weniger Verkehr, mehr Platz in der Stadt und eine bessere Ökobilanz. Ein bisschen fühlt es sich an wie damals, als das Ganze in der Garage begonnen hat – nur dass es jetzt eben ein Lastenrad ist.
Für wen baut ihr eure Lastenräder – zählen auch Handwerksbetriebe oder kommunale Einrichtungen zu euren Kund*innen?
Alexander: Auf jeden Fall. Die geschlossene Cargo-Box, die speziell für Handwerker*innen gedacht ist, gibt es seit Februar – und das Interesse ist da. Ein Beispiel ist der Hausmeisterservice der #Sparkasse Marburg-Biedenkopf: Sie fahren mit unserem Rad durch die Oberstadt. Ein Transporter wäre dort einfach unpraktisch – zu wenig Platz, zu viel Zeitverlust. Auch ein Marketingstudio nutzt das Rad für die Auslieferung von Printprodukten. Ein großer Eventveranstalter bewegt sich damit über das Gelände am Nürburgring. Für ihn zählt vor allem die Zeitersparnis. Wir merken, dass das Thema Fahrt aufnimmt – auch bei Kommunen. Zwei, drei Städte testen gerade den Einstieg ins Sharing mit je einem Rad. Letztes Jahr haben wir sogenannte “Kommunaltage” organisiert und Bürgermeister*innen eingeladen – viele von ihnen saßen zum ersten Mal auf einem Lastenrad. Jetzt kommen die ersten Rückmeldungen: Eine Schule will zwei Räder für den Hausmeisterservice anschaffen, eine Gemeinde hat schon ein Rad im Einsatz. Es ist wie so oft: Die Menschen müssen es erst erleben. Wenn sie dann einmal draufgesessen haben, merken sie, wie praktisch es wirklich ist. Und natürlich braucht es bei uns im Unternehmen auch Glaubwürdigkeit. Denn wir kommen ursprünglich aus dem Motorradbereich – und das ist in der Denkweise oft etwas ganz anderes als ein Fahrrad. Umso wichtiger ist, dass wir intern wie extern zeigen: Wir meinen das ernst.
Tobias: Für mich persönlich ergibt ein Motor beim Fahrrad vor allem bei Lastenrädern Sinn – bei normalen Rädern fahre ich lieber ohne. Aber klar: Im Alltag kann ein E-Antrieb beim Transport richtig hilfreich sein. Was wir beobachten, ist, dass das Thema Lastenrad vor allem in Städten schon sichtbar ist, auf dem Land aber noch etwas Zeit braucht. Da ist die Akzeptanz noch nicht so hoch. Natürlich gibt es auch unter den Motorradfahrer*innen Stimmen, die sagen: „Was soll ich denn mit so einem Rad?“ Aber selbst da tut sich etwas. Wir haben hier einmal im Jahr unser großes Open-House-Event – eine der größten Motorradveranstaltungen Deutschlands. Letztes Jahr waren fast 40.000 Besucher*innen hier, in einem Ort mit nur 5.000 Einwohner*innen. Und auch da haben wir unser Lastenrad gezeigt – und das Interesse war überraschend groß.
Wie erlebt ihr das Fahrradland Hessen aus eurer Perspektive als Lastenrad-Hersteller? Wird der politische Aufbruch auch auf kommunaler Ebene spürbar – und kommt das Thema Lastenrad tatsächlich vor Ort an?
Alexander: Es tut sich was – aber es ist definitiv noch ein Prozess. Das Thema Fahrrad, insbesondere das Lastenrad, kommt langsam in den Kommunen an. Es gibt erste Käufe, erste Pilotprojekte – und viel Überzeugungsarbeit. Viele Entscheider*innen sind bislang einfach noch nie selbst mit einem Lastenrad gefahren. Deshalb veranstalten wir gezielt Formate wie unsere “Kommunaltage”: Da laden wir Bürgermeister*innen und Verwaltungsmitarbeitende ein, selbst aufs Rad zu steigen. Und oft kommt dann die Reaktion: „Ach, das ist ja wirklich praktikabel!“
Tobias: Hessen ist grundsätzlich auf einem guten Weg – auf politischer Ebene wird viel gedacht und kommuniziert. Aber zwischen Anspruch und Realität gibt’s noch eine Lücke. Vor allem im ländlichen Raum dauert der Wandel. Die Offenheit wächst aber spürbar. Ein gutes Beispiel ist Marburg: Dort fördert die Stadt gezielt Menschen, die ein Jahr auf ihr Privatauto verzichten. Über das sogenannte „Auto-frei“-Anreizprogramm gibt es bis zu 1.250 Euro in Form von Gutscheinen für Carsharing, ÖPNV und nachhaltigen Konsum. Die Prämie war so beliebt, dass sie inzwischen verlängert wurde. Solche Signale helfen, Veränderung greifbar zu machen. Und wenn wir mit unseren Rädern einen kleinen Teil dazu beitragen können – umso besser.
Wo soll die Reise hingehen – was ist eure Vision für die nächsten Jahre?
Alexander: Ich wünsche mir, dass das Fahrrad in Zukunft nicht mehr als Problem, sondern als Lösung gesehen wird – so wie es in den Niederlanden oder Skandinavien längst der Fall ist. Es geht nicht darum, das Auto zu verbannen, sondern allen Verkehrsteilnehmenden dieselben Chancen und Rechte einzuräumen – egal ob zu Fuß, mit dem Rad oder im Auto. Wer die Gleichberechtigung im Straßenverkehr ernst nimmt, darf keine Gruppe ausschließen. Und genau da setzen wir an: mit einem Angebot, das Alternativen sichtbar und erfahrbar macht.
Tobias: Unsere Vision ist es, das Lastenrad im Alltag weiter zu etablieren – vor allem auch im kommunalen Bereich. Wenn Handwerksbetriebe, Hausmeisterservices oder Schulen unsere Räder nutzen, dann bedeutet das: weniger Stau, weniger Emissionen, mehr Effizienz. Gleichzeitig wollen wir unsere Stärken aus dem Motorradbereich noch stärker einbringen – vor allem beim Thema Gepäck. Was bisher exklusiv für unsere Räder gedacht war, soll künftig auch auf andere Fahrräder passen.
Vielen lieben Dank für das Gespräch, viel Erfolg weiterhin!
WE RIDE GmbH
Gießerstraße 18
04229 Leipzig