24.04.2026 | 15:42 Uhr

Versteckt im Hinterhof öffnet sich uns im Moritzberg ein eigener kleiner Kosmos der Fahrradkultur: ein sympathisches Lächeln am Eingang, stramme Waden zwischen Werkbänken, Klickpedale, die über Beton klacken. In der Mitte des Raumes thront die große Siebträgermaschine – von Martin und Sebastian lackiert und auf das Holz einer alten russischen Radrennbahn gesetzt, aus dem die gesamte Bar gebaut wurde. Wir ordern einen Kaffee und bekommen bestätigt, was viele uns vorher schon zugeraunt haben: Hier gibt es den besten Espresso der Stadt. Die Bohnen stammen aus der Kaffeewerkstatt Kucha, einer Rösterei aus dem Nürnberger Land, die für Transparenz, Bioqualität und faire Handelsbeziehungen steht – und für verdammt guten Kaffee.
Nach der kleinen Stärkung führen uns die beiden Köpfe hinter dem Laden, Martin Böhlig und Sebastian Körber, durch die Räume. Wie alles begann? Auf der alten Radrennbahn Reichelsdorfer Keller – ein Betonoval, 400 Meter lang, Steher-Rennen, Dienstagstrainings. Dort trafen sie sich vor gut zehn Jahren: Sebastian, damals noch Profi, und Martin, frisch in einer Fahrradgang unterwegs, die fixed auf der Rennbahn unterwegs war. Sie merkten schnell, dass sie zusammenpassen: Socializing-Mensch trifft Perfektionisten-Schrauber. Einer, der nachts um elf immer noch am Rad steht, während der andere längst Feierabend hätte. Eine gute, seltene Mischung.
Als der Verein damals plante, eine neue überdachte Holzbahn zu bauen, schrieben die beiden einen sechsseitigen Konzeptentwurf: ein Ort direkt an der Bahn, mit Werkstatt, gutem Kaffee, Kultur, Schrauben, Menschen, Veranstaltungen – Fahrradkultur in ihrer ganzen Bandbreite. Die Bahn wurde nie gebaut. Der Plan blieb. Und dann fand sich ein kleiner leerstehender Laden in der Innenstadt. Die Miete war günstig, die Kaffeemaschine war schon da – dieselbe, die heute zwischen Kuchen und Cappuccino steht –, also eröffneten sie. Ein klassisches DIY-Projekt. Ein Ort für Schrauben, Kaffee und die #Schleudergang-Treffen, weil andere Läden selten das boten, was sie suchten: Herz, Offenheit, Haltung.
Die erste Version platzte schnell aus allen Nähten. Zu viele Räder, zu viele Geschichten, zu viele Menschen. Also suchten sie einen neuen Ort und fanden ihn in St. Johannis. Im Moritzberg. Ein Name, der an den Trainingsberg der Nürnberger Profis erinnert, wo früher Telekom-Fahrer sechs Mal am Abend hochgeballtert sind. Heute gibt es hier viel Platz, viel Liebe zu Details und ein Team, das den Laden trägt – wie zum Beispiel Tom, Iwon, Isabelle, Paul, Tobias und Oliver.
Dazu bilden Sebastian und Martin weiterhin den Kern und stehen für die Leidenschaft zum Schrauben und die Haltung, dass ein Fahrradladen mehr sein muss als ein Ort zum Kaufen und Verkaufen. Hier entstehen keine Räder „aus der Kiste“. Moritzberg baut maßgeschneidert, wie ein guter Schneider statt wie große Textilfilialisten. Jede Aufbauentscheidung wird gemeinsam getroffen, jedes Detail hat seinen Grund. Und wer schon ein Rad besitzt, bekommt denselben Anspruch an Sorgfalt: Inspektion und Reparaturservice gehören selbstverständlich dazu. Das Team schaut dein Rad komplett durch und repariert alles, was notwendig ist – von der einfachen Durchsicht über Service und JobRad-Service bis hin zu komplexen Reparaturen. Auch Ersatzteile sind immer auf Lager: gängige Komponenten für Renn- und Gravelräder wie Ketten, Kassetten, Reifen und Schläuche, dazu Spezialteile, Öle, Fette und alles, was ein Rad für ein langes Leben braucht. Denn gute Wartung ist die Grundlage für ein gutes Fahrrad und genau diese Haltung merkt man hier bei jedem Handgriff.
Und weil der Laden inhabergeführt ist, bekommt man genau das: ehrliche Beratung, Zeit zum Reden, Raum zum Atmen, Kaffee zum Bleiben. Ein Ort, an dem Dienstagsausfahrten enden, neue Freundschaften beginnen und Fahrradkultur gelebt wird – offen, niedrigschwellig, herzlich. Und nicht nur dienstags: Die Schonwaschgang am Montag, die FLINTA*-Runde am Donnerstag und spontane Samstagsfahrten starten oder landen hier genauso. Marketing? Brauchen Sebastian und Martin nicht. Die Community trägt den Laden. Qualität spricht sich herum. Und wer einmal hier war, kommt wieder. Moritzberg ist nicht nur ein simpler Radladen. Moritzberg ist ein Gefühl. Ein Raum, der zeigt, wie Fahrradkultur sein kann, wenn man sie einfach selbst macht.
Details:
Moritzberg
RENNRAD WERKSTATT LAUFRADBAU ESPRESSO
Johannisstraße 14
90419 Nürnberg
hallo@moritzberg.cc
moritzberg.cc
@moritzberg.cc
Werkstatt
Montag 16–19 Uhr
Donnerstag 16–19 Uhr
Freitag 16–19 Uhr und mit Termin
WE RIDE GmbH
Gießerstraße 18
04229 Leipzig