05.03.2026 | 17:01 Uhr

Die Bremer Suppenengel: Ehrenamt mit Herz und Hand

von Lorenz Oberdoerster

Journal
Wir sind zu Besuch bei den Bremer Suppenengeln – einem gemeinnützigen Verein, der sich mit viel Herz dafür einsetzt, Menschen in sozialen Notlagen zu unterstützen. Täglich versorgt das Team Hunderte Bedürftige in Bremen mit warmem Essen – gekocht in der eigenen Küche und ausgefahren mit Lastenrädern, direkt dorthin, wo Hilfe gebraucht wird. Getragen wird diese Arbeit von wenigen Hauptamtlichen und zahlreichen engagierten Ehrenamtlichen. Für uns ein Grund mehr, selbst mit anzupacken. (c) WE RIDE

Anne-Katrin und Lorenz im Interview mit Dr. Peter Valtink

Hallo Peter, schön, dass du dir Zeit nimmst. Magst du dich bitte kurz vorstellen und erzählen, was du bei den Bremer Suppenengeln machst?

Ich bin Peter Valtink und seit elf Jahren Geschäftsführer der Bremer Suppenengel. Wir sind ein gemeinnütziger, vollständig spendenfinanzierter Verein – und setzen uns seit 1997 dafür ein, dass Menschen in Bremen täglich eine warme Mahlzeit bekommen. Wir kochen hier vor Ort und bringen das Essen direkt zu den Bedürftigen, zu den Obdachlosen, zu denen, die sonst durchs Raster fallen – dahin, wo sie wirklich sind.

Ihr seid also keine klassische Anlaufstelle, sondern geht direkt zu den Menschen?

Genau. Wir haben insgesamt fünf Essensausgabestellen in verschiedenen Bremer Stadtteilen. Die Menschen wissen genau, wo und wann wir da sind. Wir fahren mit großen Lastenrädern raus, bauen unsere Campingtische auf – und dann geht es direkt los mit der Ausgabe. Täglich versorgen wir rund 350 Menschen mit einem warmen Essen und zusätzlich mit etwa 800 geschmierten Broten. Ganz klassisch – Käse- oder Wurstbrot, dazu gibt es oft noch Obst, Gemüse, Milchprodukte oder Süßigkeiten, je nachdem, was wir gerade gespendet bekommen. Insgesamt holen wir jeden Tag etwa eine halbe Tonne Lebensmittel ab. Ein Teil davon wird in der Küche verarbeitet, der Rest geht direkt an die Bedürftigen. Ich selbst bin promovierter Physiker, habe die Suppenengel eher zufällig kennengelernt, als ich etwas Zeit hatte – und war sofort begeistert. Diese Arbeit erfüllt mich, weil sie so unmittelbar ist: Man sieht jeden Tag, dass das, was man tut, gebraucht wird. Mittlerweile bin ich seit elf Jahren Geschäftsführer und fest angestellt im Verein. Neben mir engagieren sich hier über 40 Ehrenamtliche und vier Festangestellte, etwa in der Küche oder als Fahrer*innen. Unsere Ehrenamtlichen sind ganz bunt gemischt – Schüler*innen, Studierende, Berufstätige, Rentner*innen. Wir bieten soziale Praktika an und arbeiten mit Schulen und Hochschulen zusammen. Das alles funktioniert nur dank vieler helfender Hände und großem Engagement. Natürlich wäre mein eigentliches Ziel, mich als Geschäftsführer irgendwann überflüssig zu machen. Aber das gelingt leider nicht – der Bedarf auf der Straße wächst weiter. Trotzdem ist es eine unglaublich befriedigende Aufgabe, Tag für Tag Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen – und ihnen ein Stück Würde zurückzugeben.

Wie funktioniert eure Versorgung mit Lebensmitteln – arbeitet ihr mit Supermärkten oder anderen Organisationen zusammen?

Ja, das ist ganz gemischt. Wir haben einige Supermärkte, mit denen wir regelmäßig kooperieren und die uns Lebensmittel spenden. Außerdem arbeiten wir eng mit der Bremer Tafel zusammen – das ist keine Konkurrenz, sondern eine echte Ergänzung. Die Tafel bekommt zum Beispiel große Mengen aus der lebensmittelverarbeitenden Industrie, etwa Fünf-Kilo-Eimer Tomatenmark, mit denen eine Familie zu Hause natürlich nichts anfangen kann – für uns in der Großküche ist das aber ideal. Umgekehrt geben wir auch Dinge weiter, die wir nicht verwerten können. So unterstützen wir uns gegenseitig und stellen sicher, dass möglichst wenig Lebensmittel verloren gehen. Neben der Essensausgabe betreiben wir außerdem eine Kleiderkammer, in der wir gebrauchte Kleidung, Schlafsäcke und Isomatten sammeln – besonders im Winter ist das eine große Hilfe für viele unserer Gäste.

Ihr seid also vollständig auf Spenden angewiesen?

Ja, genau – unsere Arbeit finanziert sich komplett über Spenden. Viele Bremer*innen bringen Kleidung, Lebensmittel oder andere Dinge direkt zu uns, manche Kooperationen kommen auch aus der Industrie. Wenn etwa ein großer Schuhladen Überschussware hat, nehmen wir diese dankbar an. Diese Mischung aus privatem Engagement und Unterstützung durch Unternehmen funktioniert hier in Bremen wirklich gut. Wir haben uns über die Jahre einen guten Namen gemacht – die Leute kennen uns und wissen, dass ihre Spenden direkt dort ankommen, wo sie gebraucht werden. Das macht meine Arbeit als Geschäftsführer natürlich leichter – und zeigt, wie stark der Zusammenhalt in dieser Stadt ist.

Hast du den Eindruck, dass das gesellschaftliche Engagement über die Jahre abgenommen hat – oder hat es sich vielleicht sogar zum Positiven verändert?

Ich würde sagen, es ist eher größer geworden. Zumindest hier im Bremer Raum erlebe ich eine ungebrochen hohe Solidarität. Die Menschlichkeit ist da – und das finde ich unglaublich schön. Es gibt in Bremen wirklich ein starkes Miteinander, ein Bewusstsein dafür, dass man füreinander da ist. Immer wieder kommen neue Menschen dazu, die helfen wollen, sei es mit Zeit, Spenden oder einfach durch Unterstützung im Alltag. Dieses Engagement macht unsere Arbeit überhaupt erst möglich – und es zeigt, dass Gemeinschaft hier nicht nur ein Wort ist, sondern gelebt wird.

In vielen Städten ist Armut und Wohnungslosigkeit sichtbar – ist das in Bremen besonders ausgeprägt?

Nein, ich würde nicht sagen, dass es in Bremen überproportional ist. Das Phänomen kennt man aus allen größeren Städten – vor allem rund um die Bahnhöfe, die oft ein Sammelpunkt für obdachlose oder suchtkranke Menschen sind. Das ist hier nicht anders. Was wir allerdings deutlich merken, ist, dass sich die Zusammensetzung der Bedürftigen verändert hat. In den letzten Jahren kommen immer mehr ältere Menschen zu uns – Rentnerinnen und Rentner, die am Monatsende schlicht kein Geld mehr haben. Die steigenden Mieten und Lebensmittelpreise treffen sie besonders hart. Und es gehört ja auch Überwindung dazu, sich draußen anzustellen, um eine warme Mahlzeit zu bekommen. Dass viele trotzdem kommen, zeigt, wie ernst die Lage für manche geworden ist.

Wo genau seid ihr in Bremen unterwegs?

Wir haben fünf feste Ausgabestellen, drei davon in der Innenstadt, weil sich dort die meisten Menschen aufhalten, und zwei in den äußeren Stadtteilen. Die Orte sind bekannt – unsere Gäste wissen genau, wann wir wo sind, und verlassen sich darauf, dass wir täglich kommen. Neben dem physischen Hunger versuchen wir aber auch, ein Stück kulturelle Teilhabe zu ermöglichen. Mehrmals im Jahr organisieren wir größere Aktionen wie zuletzt unser Sommerfest auf dem Bahnhofsvorplatz. Rund 400 Menschen waren dort, es gab Live-Musik, warmes Essen aus der Feldküche der Bundeswehr-Reservisten und kostenlose Haarschnitte von den Barber Angels. Für viele ist das ein Highlight – ein paar Stunden, in denen Sorgen mal kurz in den Hintergrund treten.

Ihr seid ja täglich im Einsatz – wie viele Menschen braucht es, um das alles zu stemmen?

Jeden Tag sind rund 20 bis 25 Leute im Einsatz, damit alles läuft – in der Küche, bei der Ausgabe und im Transport. Zum Glück finden sich immer wieder neue Ehrenamtliche, die mithelfen wollen. Man kennt uns in Bremen – unsere großen Lastenräder sind inzwischen fast schon ein Markenzeichen. Sie haben aber nicht nur Wiedererkennungswert, sondern sind auch extrem praktisch: Wir kommen überall durch, sind unabhängig von Staus und ideal für die Innenstadt ausgerüstet. So funktioniert unsere Arbeit schnell, flexibel und umweltfreundlich.

Wie viele Lastenräder sind für euch im Einsatz?

Wir haben sechs große Transporträder plus ein Ersatzrad – also insgesamt sieben. Damit sind wir sehr flexibel unterwegs. Für unsere Arbeit sind die Lastenräder einfach ideal: wendig, zuverlässig und perfekt, um Essen und Lebensmittel schnell in die verschiedenen Stadtteile zu bringen. Für uns das optimale Transportmittel.

Wie läuft ein typischer Tag bei euch ab?

Der Tag startet früh, weil viel vorbereitet werden muss. Die Küche beginnt morgens mit dem Kochen, damit pünktlich um ein Uhr die Essensausgabe starten kann. Unsere Fahrer*innen machen sich meist schon gegen halb eins mit den Lastenrädern auf den Weg, einige sogar früher, damit alles rechtzeitig an den fünf Ausgabestellen ist. Parallel dazu holen zwei Autos täglich rund eine halbe Tonne gespendeter Lebensmittel ab – von Supermärkten, Betrieben oder der Industrie. Hier im Haus wird dann alles sortiert, damit klar ist, was in die Küche geht und was direkt an die Bedürftigen weitergegeben werden kann. Das Team ist eingespielt: Jede*r weiß, was zu tun ist, die Ehrenamtlichen verteilen sich auf Küche, Logistik und Ausgabe. Und bei aller Organisation darf natürlich eines nicht fehlen – unsere Klassiker: Erbsensuppe und Kohl und Pinkel bleiben nach wie vor die beliebtesten Gerichte.

Wie kann man euch unterstützen?

Wir sind zu 100 Prozent spendenfinanziert – deshalb ist jede Unterstützung willkommen. Momentan steht bei uns ein großer Umzug an, weil wir zum Jahresende aus unseren aktuellen Räumen raus müssen. Wir sind aber schon in guten Gesprächen und hoffen, bald eine langfristige Lösung zu finden. Wenn alles klappt, möchten wir eine eigene große Küche aufbauen – das wäre ein riesiger Schritt, aber auch sehr kostspielig. Deshalb sind Geldspenden im Moment besonders wichtig. Darüber hinaus freuen wir uns über Kleidung, Schlafsäcke, Isomatten oder einfach Dinge, die den Alltag draußen leichter machen – gerade in der kalten Jahreszeit. Und es gibt auch Firmen, die uns unterstützen, indem sie mit ihren Teams vorbeikommen. Dann kochen wir gemeinsam, zum Beispiel unseren Klassiker Kohl und Pinkel. Das stärkt nicht nur den Zusammenhalt, sondern zeigt auch, wie viel Freude soziales Engagement machen kann. Jeder Euro, jede Stunde, jede helfende Hand hilft – ganz direkt. 

Mittlerweile haben wir verschiedene Lastenräder im Einsatz – teils neu, teils gebraucht, weil neue Modelle einfach sehr teuer sind. Wir sind auf unsere Lastenräder absolut angewiesen, denn ohne sie könnten wir die Essensverteilung gar nicht stemmen. Das bedeutet aber auch: Es stehen regelmäßig Reparaturen an. Kleinere Dinge wie eine gerissene Kette oder eine gebrochene Speiche können wir selbst beheben, aber bei größeren mechanischen Problemen brauchen wir Unterstützung. Da wäre es eine enorme Hilfe, wenn sich Betriebe oder Fahrradwerkstätten in Bremen finden würden, die Erfahrung mit unterschiedlichen Lastenradmodellen haben und uns zeitnah helfen können – idealerweise zu fairen Konditionen oder als Kooperationspartner. Wir arbeiten bereits mit einer Firma zusammen, die einige der Radmodelle verkauft und auch repariert, die wir nutzen – aber sie kann natürlich nur die Modelle warten, die von dort stammen. Daher freuen wir uns über jeden Kontakt, jedes Angebot oder jede Unterstützung aus der Fahrradcommunity. Neben Spenden sind solche Kooperationen für uns enorm wertvoll – denn ohne funktionierende Räder steht bei uns alles still.

Vielen Dank und alles Gute. Wir kommen wieder zum Broteschmieren!

Spendenkonto: 

Bremer Suppenengel e.V.
Sparkasse in Bremen
IBAN: DE57 2905 0101 0001 0561 18
BIC: SBREDE22XXX

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