02.06.2026 | 12:31 Uhr

Das Radelmädchen ist eine waschechte Berlinerin. Neugierig, frech, etwas ironisch, ein wenig unentschlossen, häufig lachend aber auch mal ernst. Sie befindet sich bevorzugt in Begleitung ihrer großen Liebe, dem Fahrrad, ob auf Reisen, in der heimischen Flora und Fauna oder in Gedanken. Wir treffen Juliane auf dem Tempelhofer Feld und sprechen mit ihr über ihren Blog Radelmädchen, ihren Weg durch die Fahrradkultur und darüber, wie sich Radfahren in Berlin in den letzten Jahren verändert hat.
Robert im Interview mit Juliane Schumacher
Hey liebe Juliane, stell dich doch mal kurz vor: Wer bist du und was machst du?
Ich bin Juliane Schumacher, ich bin 38 Jahre alt und komme aus Berlin. Seit fast zwölf Jahren blogge ich auf Radelmaedchen.de über das Radfahren und meine eigene Entwicklung damit. Angefangen hat das mit Reiseradeln und Stadtradeln, dann kamen Reiseradfahren, Faltrad, Gravel und Bikepacking dazu und inzwischen bin ich beim Lastenrad angekommen.
Seit fast zwölf Jahren – wie hat sich das entwickelt? Und lebst du heute davon?
Die Ausgangslage war eigentlich, dass ich Modedesign studiert habe und im Master ein bisschen Schreibmotivation brauchte und auch ein Thema gesucht habe. Ich dachte dann: Ich fahre jeden Tag Fahrrad – also schreibe ich über alltagstaugliche Fahrradbekleidung für Frauen. Ich habe schon immer gerne geschrieben und wollte einfach mal einen Blog starten. Am Ende habe ich aber gar nicht so viel über Mode geschrieben, sondern eher über das, was ich mit dem Fahrrad erlebe – und über Reisen. Mit der Zeit hat sich mein Leben verändert und damit auch mein Radfahren. Das hat sich alles so nach und nach aufgebaut. Ich habe mir ein kleines Netzwerk aufgebaut, erst über Twitter, dann kam Instagram dazu. Ich habe viele Leute kennengelernt, neue Dinge ausprobiert – und so sind dann auch Kooperationen entstanden. Ich hatte lange parallel verschiedene Jobs: viel im Einzelhandel, Messejobs während des Studiums, später in der internen Logistik eines Fotostudios, wo ich auch Produkttexte geschrieben habe. Dann habe ich in einer Online-Werbeagentur gearbeitet und Webseiten mit WordPress gebaut – das kam auch durch die Erfahrung mit dem Blog. Seit ein paar Jahren mache ich nur noch Radelmädchen. Das ist eine ziemlich bunte Mischung: Reisekooperationen, viel in Deutschland unterwegs sein und Radwege erkunden, darüber schreiben und meine Erlebnisse teilen. Es gab auch ein paar Fernsehgeschichten, ich habe zwei Bücher geschrieben, Magazinartikel gemacht – und es kommt immer wieder etwas Neues dazu. Es ist vor allem viel Schreiben. Kooperationen mit Fahrradmarken gehören auch dazu, aber Produktkooperationen habe ich immer eher wenige gemacht. Mir ist es wichtig, wirklich hinter den Dingen zu stehen. Ich möchte nichts zeigen, was ich nur kurz nutze. Ich nehme die Produkte lieber in meinen Alltag mit und zeige, wie ich sie wirklich benutze. Deswegen funktionieren für mich zum Beispiel das Lastenrad oder das Faltrad so gut – weil ich davon absolut überzeugt bin und das auch authentisch zeigen kann.
Wie hast du die Entwicklung der Fahrradbranche in den letzten zwölf Jahren wahrgenommen?
Ich bin da ja so Stück für Stück reingewachsen. Ich war nie diejenige, die Fahrrad gefahren ist, weil ich Sport machen wollte. Für mich war das immer ein Transportmittel. Ich habe keinen Führerschein und bin irgendwann einfach zur Uni mit dem Fahrrad gefahren. Mit der Zeit habe ich mich immer mehr in die Materie eingearbeitet und gemerkt, dass sich auch die Anfragen verändern – auch, weil ich selbst einen anderen Blick entwickelt habe und nicht mehr alles annehme. Früher hatte ich keinen großen Überblick, heute kenne ich viele Marken und kann besser einschätzen, was für mich qualitativ passt und mit wem ich mir auch eine langfristige Zusammenarbeit vorstellen kann. Ein großer Einschnitt war auf jeden Fall Corona. Einerseits hat das der Fahrradbranche total gutgetan, weil viele Leute plötzlich mehr Rad gefahren sind. Andererseits konnten viele Produkte gar nicht geliefert werden. Das habe ich sehr stark mitbekommen. Gleichzeitig sind Themen wie Gravelbiken und Bikepacking richtig groß geworden. Gerade Bikepacking war für mich ein spannender Prozess, weil ich da selbst mit reingewachsen bin. Ich kam ja eher aus dem klassischen Reiseradeln mit großen Gepäckträgertaschen und habe dann plötzlich diese kleinen Taschen gesehen und mich gefragt, wie das funktionieren soll. Aber ich hatte Lust, das auszuprobieren, habe mir 2018 ein Gravelbike gekauft und bin da eingestiegen. Dann kamen erste Events, zum Beispiel Hanse Gravel, und ich habe gemerkt: Das interessiert die Leute total, auch auf meinem Blog. Gleichzeitig sind immer mehr Veranstaltungen entstanden, neue Hersteller*innen dazugekommen, auch große Marken sind aufgesprungen. Das war spannend zu beobachten, wie sich da etwas entwickelt und immer größer wird. Während Corona hat sich das nochmal verstärkt – Gravel und Bikepacking wurden noch populärer. Und ich habe diese Entwicklung auch über meinen Blog gespiegelt und begleitet. Und dann kam nach Corona der Bruch: Die Nachfrage ging zurück, die Firmen mussten schauen, wo sie ihr Geld investieren und Marketingbudgets werden da als erstes gestrichen. Das habe ich sehr intensiv gemerkt.
Würdest du dich selbst als Influencerin bezeichnen?
Ich glaube, jeder, der online etwas teilt und Menschen hat, die ihm oder ihr folgen, beeinflusst auch. Ich werde ja genauso von anderen beeinflusst – mal mehr, mal weniger, je nachdem, ob es mich interessiert oder nicht. Der Begriff ist über die Zeit ein bisschen ausgelutscht worden, weil er für eine sehr große Bandbreite an Leuten verwendet wird. Aber ja, natürlich – das trifft es schon. Und ich finde auch nicht, dass das etwas Schlechtes ist. Es kommt darauf an, wie man es macht. Für mich war das nie ein Ziel. Mein Ziel war es immer, meine Erfahrungen zu teilen – gerade auch als Frau in der Branche. Mein Blog war einer der wenigen Fahrradblogs, die von einer Frau gemacht wurden, und entsprechend war auch die Resonanz. Viele Frauen haben mir geschrieben, aber nicht nur. Das war für mich auch eine Motivation: Ich war oft diejenige, die alleine losfährt, und wollte zeigen, wie ich das mache. Und ich habe gemerkt, dass das anderen hilft und sie natürlich auch beeinflusst.
Du lebst ja schon lange in Berlin – wie hat sich dein Zugang zum Fahrrad und dein Blick auf die Stadt verändert?
Ich bin am Stadtrand aufgewachsen, mit direkter S-Bahn-Anbindung. Wenn ich in die Stadt wollte, bin ich einfach S-Bahn gefahren. Fahrradfahren war damals eher ein Freizeitding außerhalb der Stadt. Erst als ich mit 19 nach dem Abi ausgezogen bin, kam das Fahrrad wirklich in meinen Alltag. Ich bin dann regelmäßig zur Uni gefahren – ganz klassisch mit dem Stadtrad. Mit der Zeit hat sich meine Art zu fahren aber immer weiter verändert. Was ich relativ schnell gemerkt habe: In einer Großstadt musst du dir deine Wege selbst suchen. Ich habe meine Routen mit der Zeit so angepasst, dass ich mich möglichst sicher fühle und gefährliche Situationen vermeide. Trotzdem gab es natürlich immer wieder stressige Momente. Insgesamt hat sich in Berlin aber auch viel getan. Der Volksentscheid Fahrrad war ein riesiger Impuls, den ich von Anfang an mitbekommen habe. Seitdem ist wirklich viel passiert: Es gibt deutlich mehr Radwege, auch Protected Bike Lanes. Gleichzeitig existieren aber immer noch alte, schlechte Infrastrukturstücke, die sich einfach nicht gut anfühlen. Und was man auch merkt: Es ist extrem saisonabhängig. Im Sommer, Frühjahr und Herbst funktioniert das Radfahren gut. Aber im Winter gibt es oft so einen Reset – weil Rad- und Gehwege nicht geräumt sind. Gerade mit Kind wird das dann schnell schwierig und unsicher.
Wenn du nach vorne blickst: Wie sieht dein persönlicher Weg im Fahrradkontext aus – und könntest du dir vorstellen, Berlin irgendwann zu verlassen?
Ich bin super gerne unterwegs und war in den letzten Jahren auch viel unterwegs, aber ich freue mich immer wieder, zurück nach Berlin zu kommen. Ich liebe die Stadt einfach, ich bin von Herzen Berlinerin. Mein Freund macht sich immer ein bisschen darüber lustig, dass ich nicht weg will. Wenn überhaupt, könnte ich mir eher vorstellen, mal im Ausland zu leben – aber innerhalb von Deutschland zieht es mich nicht wirklich weg, weil mir keine andere Stadt dieses Gefühl gibt. Was meine Perspektive angeht: Ich habe schon länger den Wunsch, eigene Produkte zu machen. Ich habe zwar Modedesign studiert, aber nie direkt in dem Bereich gearbeitet. Trotzdem war ich immer kreativ – über das Schreiben oder auch über das Nähen. Vor ein paar Jahren habe ich meine Nähmaschine wiederentdeckt und angefangen, Dinge zu machen. Aktuell arbeite ich an Fahrradkappen, aber perspektivisch möchte ich das ausbauen und eigene Produkte entwickeln und verkaufen – als zusätzliches Standbein. Gleichzeitig merke ich, dass ich über die Jahre ein bisschen Social-Media-müde geworden bin. Dieses ständige „man muss liefern“, sichtbar bleiben, sonst verliert man Reichweite – das finde ich anstrengend. Es fällt mir leicht, Inhalte zu teilen, wenn ich unterwegs bin und aus echten Erfahrungen heraus erzähle. Aber dieses permanente Bespielen von Social Media nur um präsent zu sein, das fühlt sich nicht nach mir an. Deshalb bin ich gerade dabei, für mich neu auszuloten, wie ich in Zukunft arbeiten möchte. Ich will Social Media nicht um seiner selbst willen machen, sondern das zeigen, was ich wirklich mache und was mir wichtig ist.
Woran arbeitest du gerade konkret – was treibt dich aktuell an?
Ich arbeite gerade an der Webseite für meinen neuen Shop. Ich möchte das, was ich jetzt mache – also die Sachen, die ich nähe –, ein bisschen von Radelmädchen abkapseln. Der Fahrradbezug soll schon bleiben, aber nicht ausschließlich. Deshalb möchte ich eine eigene Marke aufbauen. Einen Namen habe ich schon, die Domain auch – jetzt geht es gerade darum, die Webseite aufzusetzen und das Ganze weiterzuentwickeln. Es wird auf jeden Fall einen Berlin-Bezug haben. Das ist gerade das, wofür ich brenne und wo es für mich als nächstes hingehen soll.
Vielen Dank!
WE RIDE GmbH
Gießerstraße 18
04229 Leipzig