22.05.2026 | 12:26 Uhr

Wiebke Lühmann nimmt uns mit in ihre Welt zwischen Zelt, Zeit und Ziel. Ihre Abenteuerlust ist ansteckend und macht Mut, einfach loszufahren. Egal wohin. Hauptsache mit dem Fahrrad. 22 Länder, 20.150 Kilometer und 430 Tage unterwegs: Wiebke Lühmann hat ihren Traum verwirklicht und ist mit dem Fahrrad von Freiburg bis ans Kap der Guten Hoffnung gefahren. Dabei ging es nie um Rekorde, sondern darum, die Welt intensiver zu erleben. Zwischen beeindruckenden Landschaften, Begegnungen, Heimweh und mentalen Tiefpunkten entstand eine Reise voller Erfahrungen und Abenteuer. Statt abzubrechen, nahm sich Wiebke bewusst Zeit zum Durchatmen – und fuhr weiter. Mit dabei auf der gesamten Tour: der Schwalbe G-ONE Overland im Tubeless-Setup – gemacht für lange Tage zwischen Asphalt, Gravel und Freiheit.
Robert im Interview mit Wiebke Rosa Lühmann
Hey Wiebke, schön, dass du dir Zeit nimmst! Magst du dich zum Einstieg kurz vorstellen? Wer bist du, wie alt bist du und was machst du hier in Freiburg?
Ich bin Wiebke Lühmann, 32 Jahre alt, lebe in Freiburg und arbeite selbstständig als Abenteurerin und Content-Creatorin. Freiburg ist meine Homebase – aber oft bin ich auch unterwegs, irgendwo draußen in der Welt.
Du nennst dich Abenteurerin – wie kam es dazu und was bedeutet das für dich ganz konkret?
Das hat sich eher zufällig ergeben. Zwischen Bachelor und Master wollte ich etwas von der Welt sehen – aber nicht mit dem Rucksack und Hostel-Stempeln. Also bin ich einfach mit dem Fahrrad losgefahren, sieben Monate lang durch Südamerika. Ich wollte selbst bestimmen, wo ich anhalte, wo ich schlafe, wen ich treffe. Für mich war das ganz normal – ich habe gar nicht realisiert, dass das etwas Besonderes ist. Erst später, zurück in Deutschland, als Corona losging, kamen plötzlich Interviewanfragen. Ich habe gemerkt: Für viele ist es nicht selbstverständlich, dass eine Frau allein mit dem Rad durch die Welt reist. Mir war das nie so bewusst – weil es sich für mich einfach richtig angefühlt hat.
Du wirst oft auf das Thema „Frau allein auf Radreise“ angesprochen. Ist das für dich nachvollziehbar – oder wünschst du dir, dass das irgendwann einfach kein Thema mehr ist?
Ehrlich gesagt ist das für mich nur teilweise nachvollziehbar. Ich spreche so oft darüber, weil ich darauf angesprochen werde – aber eigentlich wünsche ich mir, dass es gar kein Thema mehr ist. Für mich ist es ganz normal, eine Frau zu sein. Ich will mich davon nicht einschränken lassen – weder durch Vorurteile noch durch äußere Umstände. Früher war ich da fast trotzig-naiv: Ich bin, wie ich bin, und ich mache, was ich will. Inzwischen sehe ich aber auch die Stärke darin, als Frau unterwegs zu sein. Es gibt viele positive Erfahrungen: Menschen begegnen mir oft mit Respekt, wollen helfen oder beschützen – das kann auch ein Vorteil sein. Trotzdem ist es anstrengend, das immer wieder erklären zu müssen – deswegen schreibe ich gerade ein Buch, um das für mich selbst nochmal zu reflektieren und tiefer zu greifen. Für mich geht’s bei diesen Reisen immer um Unabhängigkeit – ob es technische Probleme am Rad sind oder mentale Herausforderungen. Ich will das selbst lösen können, daraus stärker und freier hervorgehen. Und klar: Ich teile das alles als Content, aber ich finde den Begriff „Influencerin“ schwierig. Ich sehe mich eher als Abenteurerin – weil die Reise selbst das Herzstück ist. Nicht nur das, was danach auf Social Media landet.
Du bist aus dem Lehramtsstudium heraus zur selbstständigen Abenteurerin geworden – wie kam es dazu? War das geplant oder hat sich das einfach so ergeben?
Das war nie der Plan – das ist einfach passiert. Ich habe ursprünglich auf Lehramt studiert, wollte eigentlich Lehrerin werden. Nach meiner Südamerika-Reise und während meines Masters, der mitten in die Corona-Zeit fiel, habe ich aber weiter Radreisen gemacht – und gemerkt: Es gibt Marken, die genau solche Geschichten spannend finden, die gezielt Frauen als Testimonials suchen. Die Themen Radreisen, Mikroabenteuer, Unabhängigkeit passten einfach in den Zeitgeist. Dazu kam: Ich hatte schon vorher Kontakte in die Szene. Eines meiner Studienpraktika habe ich bei 8bar in Berlin gemacht – dort habe ich kein Geld verdient, aber ein Fahrrad bekommen. Darüber kam dann auch der erste Kontakt zu Schwalbe zustande, weil sie das 8bar-Team sponserten. Ich war Teil des allerersten Gravel-Teams. Durch meine Arbeit im Social Media-Bereich habe ich viel über die Szene gelernt – und gleichzeitig gemerkt, dass ich dadurch noch freier, noch unabhängiger leben kann. Das war kein geplanter Karriereweg, sondern eher eine Kette von Möglichkeiten, die gut zusammengepasst haben. Und ja – Corona war in dem Fall fast hilfreich: Radreisen allein war möglich, während andere Dinge stillstanden. #Schwalbe unterstützt mich übrigens bis heute!
Wenn du heute zurückblickst – was waren Reisen oder Momente, die dich wirklich geprägt haben?
Die Norwegen-Reise war ein Wendepunkt. Ich bin damals in 30 Tagen von Hamburg bis zum Nordkap gefahren – 3.500 Kilometer, mein kompletter Jahresurlaub. Ich wollte wissen, wie viel ich körperlich und mental leisten kann, und habe dabei unglaublich viel über mich gelernt. Norwegen hat mir auch das Wildzelten nähergebracht – diese Freiheit, allein draußen zu sein, hat mich total erfüllt. Unterwegs habe ich beschlossen: Ich will mehr. Ich will ganze Kontinente durchqueren – vom Nordkap bis ans Kap der Guten Hoffnung. Ein Jahr später ging es los. Heute fehlen mir nur noch ein paar Kilometer an der Atlantikküste zwischen Hamburg und Bordeaux, um meine eigene Europa-Afrika-Linie zu schließen. Und: Auf dieser Norwegen-Reise habe ich auch das Filmemachen für mich entdeckt – nicht als schnellen Content, sondern als Medium, um Geschichten tiefer zu erzählen. Mit Musik, Bildern, Stimme. Das hat für mich nochmal eine ganz neue Ebene eröffnet.
Viele träumen vom Losfahren, aber der erste Schritt fällt oft schwer. Was war für dich die größte Hürde – und wie gehst du mit dem Thema Scheitern um?
Ich glaube, je älter man wird, desto größer wird diese Hürde im Kopf. Als ich mit 25 nach Südamerika gestartet bin, war ich völlig entspannt. Ich kannte niemanden, niemand erwartete etwas – und ich bin einfach losgefahren, mit dem Gedanken: Wenn’s nichts für mich ist, komme ich eben zurück. Dieser Plan B hat mir geholfen, den Druck rauszunehmen. Ich plane ohnehin ungern – ich schaue nur: Wie weit ist es, wie viele Tage habe ich, passt das grob? Dann mache ich es einfach. Druck versuche ich bewusst zu vermeiden – deshalb fahre ich keine Rennen, sondern mache alles in meinem Tempo, auf meine Art. Klar, unterwegs läuft nicht immer alles perfekt. Ich bin auch schon mal Bus gefahren oder per Anhalter weitergekommen – das ist für mich kein Weltuntergang. Es muss nicht alles lückenlos sein. Ich glaube, das eigentliche Scheitern passiert oft schon im Kopf, bevor man losfährt – weil man zu viel grübelt, statt einfach zu machen.
Du bist auf deinen Reisen vielen Menschen begegnet. Gibt es Begegnungen, die dir besonders in Erinnerung geblieben sind – vielleicht gerade, weil du mit dem Rad unterwegs warst?
Für mich ist jede Begegnung besonders – genau das liebe ich am Reisen mit dem Fahrrad. Man weiß nie, wer einem begegnet – und oft sind es Menschen, an denen man mit dem Auto einfach vorbeigefahren wäre. Mal ist es nur ein kurzer Austausch am Straßenrand, mal bleibt man wegen Krankheit eine Woche bei jemandem zu Hause und wird liebevoll aufgenommen. Solche Erlebnisse zeigen mir immer wieder, wie vielfältig das Leben ist – und dass 99 Prozent der Begegnungen positiv sind. Genau dafür mache ich das.
Viele haben Respekt vor dem Wildcampen – vor allem allein. Was hilft, um diese Angst zu überwinden?
Ich glaube, es hilft, sich ehrlich mit den eigenen Ängsten auseinanderzusetzen. Warum haben wir Angst vor der Dunkelheit oder dem Wald? In den meisten Fällen ist da niemand – die Wahrscheinlichkeit, dass nachts wirklich jemand kommt, ist verschwindend gering. In Norwegen habe ich das Wildzelten ganz entspannt kennengelernt: Dort ist es legal, kulturell akzeptiert und willkommen. Du kannst selbst im Hotel nach einem Zeltplatz fragen – und bekommst freundlich eine Wiese empfohlen. Das hat mir geholfen, Selbstvertrauen aufzubauen. In Deutschland hingegen fühlt man sich beim Wildcampen oft wie eine Verbrecherin. Dabei liegt ein einfaches Notbiwakieren rechtlich in einer Grauzone – aber es fehlt die gesellschaftliche Akzeptanz. Ich finde: Diese Freiheit und Gelassenheit, wie ich sie in Norwegen erlebt habe, wünsche ich mir auch hier.
Was ist deine Grundausstattung auf Reisen – und worauf achtest du bei deinem Rad?
Ich bin nicht super minimalistisch unterwegs – ich mag es gern komfortabel. Zelt, Kocher, Isomatte gehören immer dazu. Deshalb liebe ich meinen Frontgepäckträger mit den großen Ortlieb Gravel-Packs – damit bekomme ich alles gut unter. Mein aktuelles Reiserad fahre ich seit der Norwegen-Tour: tubeless, was für mich ein Gamechanger war. Seitdem – also über 20.000 Kilometer durch Afrika und bis zum Nordkap – hatte ich keinen einzigen Platten. Ich habe einen Nabendynamo, der entweder mein Licht oder Geräte lädt, einen kräftigen Supernova-Scheinwerfer, eine bergtaugliche Übersetzung mit kleinen Kettenblättern und fahre auf Reisen meist ohne Klickpedale – einfach aus Komfortgründen. Das Gesamtgewicht liegt je nach Jahreszeit und Wasserversorgung bei 15 bis 20 Kilogramm Gepäck, das Rad wiegt etwa 9 Kilogramm.
Du bist meist allein unterwegs – ist das eine bewusste Entscheidung oder eher ein praktischer Zufall?
Ich starte meistens allein, ja – aber unterwegs treffe ich oft andere Menschen, die dann ein Stück mitfahren. Alleinsein bedeutet für mich mehr Flexibilität: Ich kann spontan übernachten, werde häufiger angesprochen und komme leichter mit Menschen in Kontakt. Aber ich genieße es genauso, Erlebnisse zu teilen – ob mit anderen Reisenden oder Freundinnen, die spontan mitkommen wollen. Für mich ist das kein Entweder-oder, sondern eine schöne Mischung.
Und wenn du in zehn Jahren zurück schaust – siehst du dich dann immer noch als Abenteurerin unterwegs? Oder hast du auch andere Pläne im Kopf?
Ich glaube, das Abenteuern wird immer ein Teil von mir bleiben – in Projekten, in Etappen. Aber ich liebe auch mein Leben in Freiburg: meine WG, Freundschaften, Familie. Ich bin gerne unterwegs, aber ich brauche auch dieses Zuhause. Was ich mir auf Dauer nicht vorstellen kann, ist das ständige Social-Media-Spiel. Für die Sache brenne ich – fürs Reisen, fürs Erzählen, fürs Erleben. Wenn ich den Luxus hätte, mich mehr auf Bücher oder Filme zu konzentrieren, die tiefer gehen dürfen, ohne dauernd präsent sein zu müssen – das wäre mein Ideal. Aber als Selbstständige muss ich gut aufpassen, mich nicht zu verausgaben. Es braucht Balance – und die suche ich immer wieder von neuem.
Wir sind total beeindruckt. Vielen Dank!
20.150 Kilometer. 22 Länder. 430 Tage allein auf dem Fahrrad Richtung Kap der Guten Hoffnung. Mit ihrem Film „SAME SUN“ nimmt euch Wiebke Lühmann mit auf genau diese Reise – voller Weite, Begegnungen, Zweifel und unvergesslicher Momente. Keine Rekordjagd, sondern eine ehrliche Geschichte übers Losfahren, Durchhalten und darüber, was passiert, wenn man alles Vertraute hinter sich lässt. Jetzt geht Wiebke mit ihrem Film auf Kinotour durch die DACH-Region – inklusive persönlichem Live-Talk nach den Vorstellungen. Wer Fernweh, Bikepacking und echte Geschichten liebt, sollte sich das nicht entgehen lassen.
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