03.08.2026 | 11:08 Uhr

Zum 150. Geburtstag von Paula Modersohn-Becker: Radroute „Moor, Magie und große Kunst“

von Anne-Katrin Hutschenreuter

Journal
(c) WE RIDE, Mit Staffeleien und Leinwänden auf dem Rücken zogen die sogenannten „Malweiber“ um 1900 hinaus ins Moor. Die weite Landschaft rund um Worpswede wurde für viele Künstlerinnen zum Atelier unter freiem Himmel.

„Die kleinen Birken jubelten und geigten auf ihren grünen Hügeln und die weißen Lämmerwölklein lachten am blauen Himmel und die sanften grauen Erlenstämme wurden noch sanfter.“ – Paula Modersohn-Becker, Tagebucheintrag Worpswede, Datum unbekannt

Es gibt Landschaften, die man nicht einfach nur besucht, sondern erleben muss. Das Teufelsmoor ist genau so ein Ort. Zwischen Wasserläufen, Birken, Wiesen und weitem Himmel fanden Ende des 19. Jahrhunderts Künstler*innen wie Paula Modersohn-Becker, Otto Modersohn oder Heinrich Vogeler Inspiration für eine völlig neue Bildsprache. Paula schrieb damals: „Es ist ein Wunderland, ein Götterland.“ Und bis heute versteht man, warum diese Landschaft Künstler*innen so tief berührte.

Zum 150. Geburtstag von Paula Modersohn-Becker verbindet die neue Radroute „Moor, Magie und große Kunst“ auf rund 107 Kilometern die wichtigsten Museumsstandorte zwischen Bremen, Vegesack, Worpswede und Fischerhude. Entwickelt wurde die Route gemeinsam mit dem Projekt BIKE IT!, das nachhaltigen Fahrradtourismus und neue Perspektiven auf die Region fördert. Als temporäre Abwandlung der beschilderten Strecke „Stadt-Land-Kunst“ führt sie meist autofrei entlang von Wasserläufen, Deichen, Mooren und weiten Wiesenlandschaften. Ob als Tagesausflug oder Mehrtagestour: Die Strecke verbindet Kunst, Landschaft und Bewegung auf besondere Weise. Und genau hier stellt sich plötzlich eine vielleicht hypothetische, aber schöne Frage: Wäre Paula eigentlich Fahrrad gefahren? Historisch belegen lässt sich das nicht. Die Wege durchs Moor waren um 1900 oft schlammig, sandig und schwer passierbar. Gleichzeitig zeigen neue Dokumente aus dem Heimat- und Geschichtsverein, dass es rund um Worpswede bereits erste Radvereine und Fahrradgeschäfte gab. Und auch Paulas enge Freundin, die Bildhauerin Clara Rilke-Westhoff, fuhr später tatsächlich Fahrrad. Denn Fahrrad und Kunst erzählen hier von derselben Sehnsucht: Freiheit, Bewegung und Selbstbestimmung. Während sich viele Frauen um 1900 über Mobilität emanzipierten, ging Paula einen radikal künstlerischen Weg. Noch heute scheint das Fahrrad die schönste Art zu sein, diese Landschaft zu erleben. Langsam genug für die Weite. Offen genug für Licht, Wind und Himmel. 

Lis Engelken, Marketing und Organisation Worpswede-Museumsverbund e.V., über Paula Modersohn-Becker

Für Lis Engelken vom Worpsweder Museumsverbund ist Paula Modersohn-Becker untrennbar mit Worpswede, dem Moor und der Naturerfahrung dieser Region verbunden. Rund um ihren 150. Geburtstag steht deshalb auch die neue Radroute im Fokus, die die Museen zwischen Bremen, Worpswede, Fischerhude und Vegesack miteinander verbindet. Für Lis ist dabei nicht nur das Ziel entscheidend, sondern vor allem der Weg selbst. „Das Fahrrad ist wirklich das Fortbewegungsmittel, mit dem man sich die nähere Umgebung einfach ganz toll erschließen kann“, sagt sie. Gerade durch das Moor könne man die Landschaft erleben, die auch Paula geprägt und inspiriert hat Worpswede selbst sei dabei weit mehr als nur ein Museumsort. Besonders der Barkenhof, vor dem unser Gespräch stattfindet, habe für Paula eine wichtige Bedeutung gehabt. „Das war der kulturelle Ort, der Treffpunkt hier in Worpswede“, erzählt Lis. Hier haben sich Künstler*innen getroffen, gemeinsam Musik gemacht, über Literatur, Kunst und das Leben gesprochen und auch Paula und ihr Mann Otto Modersohn waren Teil dieser Runde.

„Sie wollte als eigenständige Künstlerin wahrgenommen werden – nicht als Frau eines Künstlers“, sagt Lis. Ihre Motive fand Paula vor allem draußen im Moor. Gemeinsam mit anderen sogenannten „Malweibern“ – Frauen waren damals der Zugang zu den Kunstakademien verwehrt - zog sie zu Fuß durch die Landschaft, weil das Gebiet damals noch kaum von Straßen erschlossen war. Fahrräder spielten zu dieser Zeit zwar bereits eine Rolle, doch die Wege durch das Moor machten das Fahren nahezu unmöglich. Besonders beeindruckt Lis bis heute, wie intensiv Paula ihre Umgebung wahrgenommen hat. In ihren Tagebüchern schreibe sie immer wieder vom „blauen Himmel“ und vom „braunen Moor“, von der Weite der Landschaft und den Menschen, die hier lebten. Denn neben der Natur spielte auch die soziale Realität eine große Rolle in ihren Werken. Viele ihrer Modelle stammten aus den armen Moorkolonien oder dem Worpsweder Armenhaus. Genau dieser Kontrast zwischen wunderschöner Landschaft und hartem Leben prägt ihre Arbeiten. Für Lis selbst gehört das Fahrrad ganz selbstverständlich zum Leben in Worpswede dazu. „Wir sind wirklich hierher gezogen, weil dieser Ort Urbanes mit Ländlichem verbindet“, sagt sie. Arbeit, Alltag und Familie funktionieren hier oft am besten auf zwei Rädern. Und genau deshalb passe die Verbindung aus Kunst, Natur und Fahrrad auch heute noch so gut zu Paula Modersohn-Becker und der Region rund um Worpswede.

Imke Schumacher-Reichert, Geschäftsführung & Vorstand Worpsweder Museumsverbund e.V., über Paula Modersohn-Becker

Für Imke steht Paula Modersohn-Becker für Freiheit, Eigenständigkeit und den Mut, den eigenen Weg zu gehen. Historische Belege dafür, dass Paula Fahrrad gefahren ist, gebe es zwar nicht – abwegig sei die Vorstellung aber keineswegs. „Um 1900 stand das Fahrrad sinnbildlich für Freiheit und Selbstständigkeit“, erklärt Imke. Werte also, die sehr gut zu Paula Modersohn-Becker passen. Gleichzeitig sei das Leben im Teufelsmoor damals mit heute kaum vergleichbar gewesen: schlammige Wege, Überschwemmungen und große Distanzen bestimmten den Alltag. Viele Menschen waren zu Fuß oder auf Torfkähnen und selten mit Pferd und Wagen unterwegs. Fahrräder habe es zwar bereits gegeben – sogar erste Radvereine in Worpswede –, doch wahrscheinlich haben sie im Alltag keine Rolle gespielt.

Besonders spannend findet Imke die Verbindung zwischen der Frauenbewegung um 1900 und Paula Modersohn-Beckers künstlerischem Weg. Während viele Frauen sich über Mobilität neue Freiräume erschlossen, habe Paula Modersohn-Becker ihre Emanzipation über die Kunst gelebt. „Sie besaß den Mut, mit Normen zu brechen und ihren eigenen Weg in der Kunst zu gehen“, sagt Imke. Fahrrad und Kunst seien damit zwei unterschiedliche Ausdrucksformen desselben gesellschaftlichen Aufbruchs gewesen.

Auch die Landschaft selbst spielt dabei eine zentrale Rolle. Die Worpsweder Künstlerinnen suchten damals die unmittelbare Naturerfahrung – den Himmel, das Licht, die Weite des Moors. „Das Fahrrad erlaubt einen langsamen, intensiven Blick. Man riecht die Natur, das Moor, hört das Gras im Wind und nimmt die Weite des Himmels wahr – fast so, wie es die Worpsweder Künstler suchten und fanden.“ Gerade deshalb funktioniere die neue Radroute „Moor, Magie und große Kunst“ so gut: Sie mache das Schaffensumfeld der Künstlerinnen physisch erfahrbar und verbinde Natur, Bewegung und Kultur auf besondere Weise.

Fahrrad & Frauenrechte um 1900

Was heute selbstverständlich wirkt, war um 1900 eine kleine Revolution: Frauen auf dem Fahrrad galten vielerorts als Provokation. Viele Frauen legten erstmals Korsetts und lange Röcke ab, trugen praktische Kleidung und eroberten sich neue Bewegungsräume außerhalb von Haushalt und gesellschaftlichen Erwartungen. Gleichzeitig mussten sie sich gegen Vorurteile und Anfeindungen behaupten. Frauenrechtlerinnen bezeichneten das Fahrrad deshalb schon damals als Werkzeug der Emanzipation. Die amerikanische Aktivistin Susan B. Anthony sagte sogar: „Das Fahrrad hat mehr zur Emanzipation der Frauen beigetragen als irgendetwas anderes auf der Welt”. (Quelle)

Moor damals & heute

Das Teufelsmoor war lange Zeit vor allem eines: ein harter Lebensraum. Um 1900 bestimmten weite, nasse Moorflächen, schlechte Wege und körperlich schwere Arbeit den Alltag der Menschen. Genau diese besondere Landschaft faszinierte jedoch Künstler*innen wie Paula Modersohn-Becker oder Otto Modersohn. Das Licht, die Weite, die Birken, der Himmel und die stille Atmosphäre prägen ihre Werke . Gleichzeitig sind Moore weit mehr als nur Kulturlandschaft: Sie speichern große Mengen CO₂, schützen seltene Tier- und Pflanzenarten und spielen eine zentrale Rolle im Klima- und Naturschutz. Das Teufelsmoor lässt sich heute auf ganz unterschiedliche Weise erleben – per Fahrrad, Torfkahn, Kanu oder mit dem historischen Moorexpress. Dass das Kulturland Teufelsmoor inzwischen auch als Fahrradregion immer stärker wahrgenommen wird, zeigt die aktuelle Auszeichnung als offizielle ADFC-RadReiseRegion. Dafür entstanden unter anderem eine komplett neue Beschilderung inklusive Knotenpunktsystem, elf neue thematische Tagestouren sowie digitale Navigationsangebote wie Komoot und die Fietsknoop-App. Damit gehört die Region inzwischen zu nur sechs zertifizierten RadReiseRegionen Deutschlands. Dabei stehen Radreisende im Fokus, die sich die Besonderheiten der Kulturlandschaft von einer festen Unterkunft aus sternförmig erschließen möchten. Bremerinnen und Bremer können dementsprechend natürlich direkt von zuhause starten. Wer heute durch das Teufelsmoor fährt, erlebt nicht nur Kunstgeschichte, sondern auch einen Ort, an dem Natur, Kultur und Zukunft unmittelbar zusammenhängen. (Quelle)

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