24.07.2026 | 11:39 Uhr

Wie wird eine Universität zu einer attraktiven Arbeitgeberin und welche Rolle spielt Mobilität dabei? An der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) entsteht seit vielen Jahren mit Weitblick, wissenschaftlich fundiert und konsequent umgesetzt der Campus der Gegenwart und Zukunft. Schritt für Schritt verändern sich Wege, Plätze und Aufenthaltsorte – immer mit dem Ziel, ein lebenswerteres Umfeld für Studierende und Beschäftigte zu schaffen. Mobilität ist dabei weit mehr als Verkehr: Sie wird zum Baustein moderner Arbeitgeberattraktivität und nachhaltiger Campusentwicklung. Mit der Strategie Mobilität@CAU2030 sind die Weichen gestellt. Vieles ist bereits sichtbar, vieles wird sich in den kommenden Jahren – gemeinsam mit den städtebaulichen Entwicklungen Kiels, etwa rund um die Stadtbahn – weiter verändern. Im Gespräch erklärt Sebastian Starzynski, warum Mobilität ein zentraler Bestandteil der Nachhaltigkeitsstrategie der CAU ist und wie aus einer klaren Vision Schritt für Schritt ein Campus mit mehr Aufenthaltsqualität, weniger Autoverkehr und einem modernen Arbeitsumfeld entsteht.
Lorenz im Interview mit Sebastian Starzynski
Hallo Sebastian, stell dich doch bitte kurz vor. Wer bist du und womit beschäftigst du dich an der Universität?
Mein Name ist Sebastian Starzynski und ich leite die Stabsstelle Umwelt im Gebäudemanagement der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Mein Schwerpunkt liegt im betrieblichen Umwelt- und Klimaschutz. Wir arbeiten mit einem Umweltmanagement nach EMAS, einem der anspruchsvollsten Umweltmanagementsysteme, das jährlich überprüft wird. Zu meinem Aufgabenbereich gehört außerdem das betriebliche Mobilitätsmanagement. Dabei erheben wir die Mobilitätsbedarfe an der Universität und verknüpfen sie mit der baulichen Entwicklungsplanung sowie unseren langfristigen Klimaschutzzielen. So entwickeln wir Mobilität und Infrastruktur gemeinsam weiter.
Mobilitätsmanagement spielt an der Universität schon seit vielen Jahren eine wichtige Rolle. Uns interessiert: Wie ist dieses Thema eigentlich entstanden?
Das Mobilitätsmanagement ist aus mehreren Entwicklungen heraus entstanden. Als größte Universität Schleswig-Holsteins beschäftigen wir uns intensiv mit Umwelt-, Klima- und Meeresforschung. Daraus erwächst die Frage: Welchen Einfluss haben die Erkenntnisse auf unser eigenes Handeln? Vor dem Hintergrund der Klimakrise entstand dann das Ziel, die CAU bis 2030 treibhausgasneutral aufzustellen. Schnell wurde deutlich, dass Mobilität dabei ein zentrales Handlungsfeld ist – sowohl bei Dienstreisen als auch beim täglichen Anreiseverkehr unserer Beschäftigten und Studierenden. Parallel dazu begann die bauliche Weiterentwicklung des Campus. Da wir als Universität nicht nach außen wachsen können, musste für unsere Bauvorhaben Entwicklungsfläche im Campusinneren erschlossen werden. Hierfür kamen nur unsere großen Parkplatzflächen in Frage. Durch die Umwidmung in Baufelder haben wir uns mit der Frage beschäftigt, was das für unsere zukünftige Mobilität bedeutet, den Anforderungen und Bedürfnissen unserer Beschäftigten und Studierenden, welche Infrastruktur wir bereitstellen müssen und wie wir umweltgerechte Mobilitätsformen fördern können? Das bot uns die Chance, Klimaschutz, Campusentwicklung und Mobilität gemeinsam zu denken. Daraufhin haben wir mit einem externen Beratungsbüro und einer breit aufgestellten internen Steuerungsgruppe über anderthalb Jahre Bedarfe erhoben, Umfragen durchgeführt und ein langfristiges Mobilitätskonzept entwickelt. Uns war dabei wichtig, dass dieses Konzept nicht nur eine Momentaufnahme abbildet, sondern sich ständig weiterentwickelt. Deshalb ist daraus ein dauerhaftes betriebliches Mobilitätsmanagement entstanden, das heute fest im Umwelt- und Klimaschutzmanagement der Universität verankert ist.
Die CAU startet beim Thema Mobilität nicht bei null. Mit einem Radverkehrsanteil von über 50 Prozent und rund 85 Prozent aller Wege ohne Auto könnten viele Hochschulen neidisch werden. Könnte man sagen: Ziel erreicht – oder ist das erst die Grundlage für die nächsten Entwicklungsschritte?
Ganz klar Letzteres. Unser Ziel war nie, möglichst viele Autos zu verdrängen, sondern umweltverträgliche Mobilität zu fördern. Deshalb haben wir zunächst untersucht, wie Beschäftigte und Studierende zur Universität kommen, welche Gründe es für die Verkehrsmittelwahl gibt, wie groß die Veränderungsbereitschaft zum Umstieg auf ein umweltverträglicheres Verkehrsmittel ist und wie wir als Arbeitgeberin den Umstieg fördern können. Schon damals hatten wir eine gute Ausgangslage beim Radverkehr, gleichzeitig wurde aber deutlich, dass noch viel Potenzial vorhanden ist. Dabei geht es nicht nur um zusätzliche Fahrradbügel. Gerade Menschen mit längeren Anfahrtswegen brauchen sichere und wettergeschützte Abstellanlagen, Umkleiden, Duschen oder weitere Serviceangebote rund ums Fahrrad. Genau diese Dinge haben wir Schritt für Schritt aufgegriffen und in die bauliche Entwicklung einfließen lassen. Unser erstes Ziel war ein Radverkehrsanteil von 50 Prozent – das haben wir 2022 erreicht. Heute liegt er im Sommer bei rund 54 Prozent, im Winter immer noch bei 44 Prozent. Im Jahresmittel kommen nur etwa 15 Prozent der Beschäftigten und Studierenden mit dem Auto zur Universität. Rund 85 Prozent nutzen bereits den Umweltverbund aus Fahrrad, öffentlichem Nahverkehr oder sind zu Fuß unterwegs. Das ist ein großer Erfolg, wenn man bedenkt, dass wir nicht die öffentlichen Angebote wie in einem Ballungsraum wie Hamburg haben. Gleichzeitig sehen wir neue Herausforderungen. Die Wege zur Universität werden länger, weil viele Menschen weiter außerhalb Kiels wohnen. Je größer die Entfernung, desto häufiger wird das Auto genutzt. Deshalb darf unsere Mobilitätsstrategie nicht am Campus enden. Vor allem mit Blick auf die zukünftige Stadtbahn können attraktive Park-and-Ride- und Park-and-Bike-Angebote Lösungen sein, um den innerstädtischen Verkehr zu entlasten. Damit können Pendler*innen das Auto am Stadtrand stehen lassen und den letzten Weg komfortabel mit dem öffentlichen Nahverkehr oder Fahrrad zurücklegen. Die heutigen Zahlen sind für uns deshalb kein Endpunkt, sondern eine starke Grundlage, auf der wir die nächsten Entwicklungsschritte aufbauen.
“Unser Ziel war nie, Autos zu verdrängen, sondern umweltverträgliche Mobilität zu fördern.”
Die Vision eines autofreien Campus wird auf der CAU bereits Schritt für Schritt sichtbar. Wie sieht dieses Konzept konkret aus?
Als der Campus in den 1960er- und 1970er-Jahren entstand, wurde er sehr autofreundlich geplant. Damals gab es knapp 3.000 Stellplätze, heute sind es durch die bauliche Entwicklung noch rund 2.200 und trotzdem können wir den Bedarf weiterhin decken. Wir verfolgen das Ziel, das Parken künftig stärker an den Rand des Campus zu verlagern und die Innenbereiche weitgehend autofrei zu gestalten. Im Zentrum sollen Stellplätze vor allem für Lieferverkehre, Betriebsfahrzeuge und barrierefreies Parken erhalten bleiben. So gewinnen wir Platz, den wir neu verteilen können, für das, was einen modernen Campus ausmacht: sichere Wege für den Rad- und Fußverkehr, zusätzliche Fahrradabstellanlagen und attraktive Aufenthaltsbereiche. Der Campus soll nicht nur Arbeitsort, sondern auch Lernort und Lebensraum sein. Ein gutes Beispiel dafür ist der Bereich um den Neubau der Fachbibliothek für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und die Neugestaltung des angrenzenden Wilhelm-Seelig-Platzes. Hier konnten wir etwa 20 Stellplätze aus der Nutzung nehmen für neue Fahrradabstellanlagen und Begrünung. Heute ist der Bereich ein Ort, wo sich die Menschen treffen und verweilen. Aber auch die von der Stadt Kiel geschaffene Veloroute 10, die unseren Campus quert, und die umgestaltete Olshausenstraße auf Höhe der CAU mit den neuen großzügigen Fahrradspuren sind tolle Beispiele für mehr Platz und Sicherheit.
“Der Campus soll nicht nur Arbeitsort, sondern auch Lernort und Lebensraum sein.”
Die CAU versteht sich als forschende und innovationsgetriebene Universität. Fließen Erkenntnisse aus dem Mobilitätsmanagement auch in die wissenschaftliche Arbeit und die Weiterentwicklung des Campus ein?
Ein gutes Beispiel dafür war unser Fahrrad-Sharing-System CampusRad. Bereits 2016 haben wir als erster Standort in Kiel ein stationsbasiertes Verleihsystem zwischen Campus und Hauptbahnhof aufgebaut. Unser Ziel war es, Erfahrungen mit solchen Angeboten zu sammeln und gleichzeitig einen Impuls für die Stadt zu setzen. Die Nutzung blieb zwar hinter den Erwartungen zurück – vor allem, weil es damals noch zu wenige Stationen gab –, dennoch war das Projekt ein wichtiger Erfolg. Unsere Erkenntnisse flossen anschließend in die Entwicklung des stadtweiten Bike-Sharing-Systems ein. Während dieser Phase standen wir in engem Austausch mit der Landeshauptstadt Kiel und konnten unsere Erfahrungen einbringen. Aber auch das CAPTN-Projekt an der CAU zur Entwicklung einer autonomen Fähre in Kiel oder die Forschungen zu Batteriespeichern und Stromlastmanagement bei Elektromobilität zeigen, wie vielfältig die Wissenschaft an der CAU mit zukünftigen Mobilitätsfragen verknüpft ist.
Die Umgestaltung des Campus ist ein langfristiger Prozess. Welche Ziele habt ihr euch dafür gesetzt?
Wir arbeiten mit zwei Planungshorizonten. Der nächste Meilenstein ist das Jahr 2030. Bis dahin möchten wir den Radverkehrsanteil von heute 50 auf rund 60 Prozent steigern. Gleichzeitig wollen wir bis 2035 die Zahl unserer Pkw-Stellplätze auf das bauordnungsrechtlich notwendige reduzieren, perspektivisch möchten wir auf etwa 1.700 kommen. Das schafft Planungssicherheit für die weiteren Bauprojekte auf dem Campus und ermöglicht uns, zusätzliche Flächen sinnvoll zu entwickeln auch wenn sich manches Bauvorhaben noch nicht exakt terminieren lässt. Die grundsätzliche Richtung jedoch haben wir in verschiedenen Workshops auch mit der CAU-Gemeinschaft herausgearbeitet und steht fest: Wir wollen einen der fahrradfreundlichsten Campi entwickeln mit weniger Autoverkehr und mehr Raum für Menschen.
“Die grundsätzliche Richtung steht fest: Schritt für Schritt entsteht ein Campus mit weniger Autoverkehr und mehr Raum für Menschen.”
Die CAU wurde 2024 als fahrradfreundliche*r Arbeitgeber*in in Gold ausgezeichnet. Welche Bedeutung hat diese Zertifizierung für euch und welchen Mehrwert bietet sie den Beschäftigten?
Die Auszeichnung ist für uns das Ergebnis eines langen Weges und gleichzeitig der Ansporn, diesen konsequent weiterzugehen. Hinter dem Gold-Siegel stehen rund zehn Jahre kontinuierlicher Arbeit, in denen wir den Radverkehr systematisch gefördert und dessen Anteil nachweislich gesteigert haben. Nachhaltige Mobilität wird an der CAU ganzheitlich gedacht: von hochwertigen Fahrradabstellanlagen, Duschen, Umkleiden und Fahrradkellern in Neubauten über zusätzliche Fahrradbügel und bessere Wegeführungen bis hin zu Angeboten wie Jobticket und Fahrradleasing. Allein für den Ausbau der Fahrradinfrastruktur konnten wir mehr als 1,1 Millionen Euro an Fördermitteln einwerben. Die Auszeichnung ist deshalb vor allem eine Anerkennung für die vielen Menschen, die an dieser Entwicklung mitgewirkt haben. Gleichzeitig hat sie intern einen spannenden Effekt ausgelöst: Seit wir das Siegel tragen, kommen Beschäftigte und Studierende verstärkt mit eigenen Ideen auf uns zu und zeigen auf, wo wir noch besser werden können. Genau das war unser Ziel. Eine Zertifizierung soll nicht signalisieren, dass man fertig ist, sondern den eigenen Anspruch weiter schärfen. Auch für neue Beschäftigte spielt das eine wichtige Rolle. Bereits im Onboarding werden Angebote wie Fahrradleasing, Jobticket oder die fahrradfreundliche Infrastruktur sichtbar. So setzen sich viele von Beginn an mit der Frage auseinander, wie sie künftig zur Universität kommen möchten. Die Zertifizierung stärkt damit nicht nur unsere Arbeitgeberattraktivität, sondern macht nachhaltige Mobilität zu einem sichtbaren Teil unserer Unternehmenskultur und unseres Selbstverständnisses.
“Eine Zertifizierung soll nicht signalisieren, dass man fertig ist, sondern den eigenen Anspruch weiter schärfen.”
Wenn ihr in Richtung 2035 blickt: Wo steht die CAU dann beim Thema nachhaltige Mobilität – auch im Vergleich zu anderen Hochschulen?
Natürlich schauen wir regelmäßig auf andere Hochschulen und ihre Lösungen. Gleichzeitig sind die Voraussetzungen überall unterschiedlich. Wir profitieren von einer fahrradfreundlichen Stadt, kurzen Wegen und einem kompakten Campus – das bringt nicht jede Hochschule mit. Andere Hochschulen sind in einzelnen Bereichen vielleicht weiter, etwa bei innovativer Sensortechnik zur Parkraumbewirtschaftung oder spezielleren Fahrradinfrastrukturen. Unsere besondere Stärke liegt im langfristigen und strategischen Ansatz. Die Universitätsleitung steht klar hinter den Mobilitäts- und Klimazielen. Neben einzelnen Maßnahmen verfolgen wir ein Gesamtkonzept – vom Ausbau des Radverkehrs über die Campusentwicklung bis hin zum möglichst autofreien Campus. Mit Blick auf die Menge der abgestellten Fahrräder konkretisiert sich unsere Ideen für ein zukünftiges Fahrradparkhaus wofür wir Flächen freihalten. Aber auch die Umstellung unserer betrieblichen Abläufe, wie die fortschreitende Elektrifizierung unseres Fuhrparks und die wachsende Flotte von E-Bikes und E-Lastenräder für unsere Haustechniker, spielt eine Rolle. Besonders stolz sind wir, dass wir auf unserem Campus Fläche schaffen konnten für Ladeinfrastruktur der städtischen Busgesellschaft. So können die wichtigsten Buslinien auf unseren Campus in den nächsten Jahren elektrifiziert werden. Unser Anspruch ist es, den Campus als Ganzes zukunftsfähig zu gestalten und Mobilität, Nachhaltigkeit und Aufenthaltsqualität konsequent zusammenzudenken. Genau dieser ganzheitliche Blick zeichnet die CAU aus.
Vielen Dank!
Die CAU ist mit ihrer Gold-Zertifizierung als „Fahrradfreundliche Arbeitgeberin“ längst kein Einzelfall mehr. Mit den Stadtwerken Kiel trägt seit Kurzem ein weiteres Unternehmen aus der Landeshauptstadt den Titel des ADFC. Neben der IB.SH, TA.SH, Brunsbüttel Ports, New Communication und vielen weiteren Arbeitgeber*innen zeigt sich: Fahrradfreundlichkeit entwickelt sich zunehmend zu einem wichtigen Baustein moderner Arbeitgeberattraktivität. An der CAU ist dieser Anspruch seit vielen Jahren fest verankert. Nachhaltige Mobilität wird hier konsequent mitgedacht – von der Campusplanung bis zum Arbeitsalltag. Neubauten werden standardmäßig auf Duschen, Umkleiden und Fahrradkeller geprüft, hochwertige Fahrradabstellanlagen gehören ebenso zum Konzept wie der kontinuierliche Ausbau von Radwegen, Überdachungen und Serviceangeboten. Dafür konnten bereits mehr als eine Million Euro an Fördermitteln eingeworben werden. Zum Mobilitätskonzept gehören außerdem E-Bikes und E-Cargo-Bikes im Fuhrpark, Lastenräder für den Arbeitsalltag, jährliche Mobilitätsaktionen sowie Angebote wie Jobticket und Fahrradleasing des Landes. Die Auszeichnung ist für die Universität deshalb weniger ein Endpunkt als vielmehr ein sichtbares Zeichen dafür, dass nachhaltige Mobilität längst Teil ihrer Arbeitgeberkultur geworden ist.
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