
Wir sprechen mit Prof. Dr. Stephan A. Jansen – unternehmerischer Wissenschaftler, Rennrad-Meditationsmeister und Mitgründer von BICICLI und MOND. Zwischen Forschung, Beratung und Unternehmertum denkt er urbane Mobilität neu und bringt sie direkt auf die Straße.
Durch den Laden führt uns Lasse Kroll. Er ist Leasing-Experte und Co-Geschäftsführer und die meiste Zeit im Kieler Trikot im BICICLI Cycling Concept Store anzutreffen. Er sorgt für anständige, anregende und gleichermaßen norddeutsch unterhaltsame Beratung beim Fahrradkauf. In den letzten Jahren hat Lasse zu vielen Themen rund um New Work, Social Business und Kommunikation mit Blick auf Nachhaltigkeit gearbeitet und dabei zum Beispiel Coworking auf dem Land etabliert, zwei Genossenschaften gegründet, verschiedene sehr erfolgreiche Podcast-Formate gehostet und Events für das Hamburger Social-Business-Unternehmen Lemonaid organisiert.
Robert im Interview mit Professor Dr. Stephan A. Jansen
Hallo Herr Dr. Jansen, aus welchem Impuls heraus ist BICICLI entstanden?
Tatsächlich aus dem Bundeskanzleramt heraus. Ich war damals bei Kanzlerin Angela Merkel in ihrem Beraterkreis. Bei einer Sitzung ging es um die Nationale Plattform Elektromobilität – und die Strategie, dass in zehn Jahren eine Millionen Elektroautos auf der Straße sind. Ich war der einzige Skeptiker am Tisch – Seltene Erden, chinesische Anbieter und Ladeinfrastruktur-Notwendigkeit waren ja schon absehbare Themen im Jahr 2010. Frau Merkel bat mich um konstruktive Einschätzung – statt nur die Fördergelder zu kritisieren. Meine Wette: Wir brauchen keine zehn Jahre für die Mobilitätswende, wir können in Deutschland eine Million E-Bikes pro Jahr in die Städte bringen. Bosch hatte gerade seinen Motor vorgestellt. Meine Co-Gründerin und ich haben direkt nach dem Diesel-Skandal von VW und anderen überlegt, wie wir nicht nur wissenschaftlich, sondern beraterisch und unternehmerisch dazu einen Beitrag leisten können. Die BICICLI Holding wurde als “Gesellschaft für Urbane Mobilität” gegründet. Und nun arbeiten wir von der Beratung bis zur Wartung – für Stadtteile von Hamburg, Stuttgart und Berlin, für Immobilienentwickler deutschlandweit und viele Unternehmen von Flughäfen, Gesundheitsunternehmen und Studierendenwohnheimen bis Konzernzentralen. MOND – unsere Beratungseinheit – entwickelt Strategie und Konzept. BICICLI Solutions setzt um. Wir nennen das “Corporate Bike Mobility as a Service”. Also vom provisionsfreien Dienstrad-Leasing bis zum Mobility Hub mit Duschen. Als Fazit lässt sich ziehen: Wir haben gewonnen, die Branche hat geliefert, die Kund*innen haben es gewollt und heute steht auch das politische Berlin bei uns an der Espressobar und in der Werkstatt. So viele Minister*innen siehst du sonst nur im Kanzleramt.
Seit wann gibt es euch am Standort in der Friedrichstraße und welche Philosophie verfolgt ihr?
Wir sind nach 10 Jahren in unterschiedlichen tollen Läden im Herbst 2025 in das traditionsreiche Q205 an der Friedrichstraße und am Gendarmenmarkt gezogen. Warum? Wir sind über die Jahre so gewachsen und bestimmte Rad-Hersteller sind uns so an das Herz gewachsen, dass wir mit unseren aktuell fünf Brand Spaces – Schindelhauer, VELLO, Desiknio, Tout Terrain und Urwahn – die urbane Mobilität als wohl größte Bike-Boutique Nord- und Ostdeutschlands anbieten wollten. Und die Friedrichstrasse als Deutschlands meistfrequentierteste Straße – gerade wieder zu Weihnachten gemessen – ist ikonisch. Auch für den Radverkehr. 2020 zur Flaniermeile ohne Autos umgestaltet, was gerade einmal zwei Jahre gehalten hat – und nun wieder mit Autos, nur schlimmer und leerer als zuvor. Da wollten wir etwas helfen, denn Berlin-Mitte wird natürlich mit dem neu eröffneten „Wohnzimmer“ – dem Gendarmenmarkt am anderen Ende des Stores – die Aufenthaltsqualität in den nächsten Jahren erhöhen müssen. Wenn ihr nach der Philosophie fragt: lebenswertere, luftigere, leisere und gesündere Städte – mit mehr “Fahr-Lässigkeit” statt ideologischen und eben auch nur scheinbaren Lösungen. Unser neuer Vermieter hat 2022 auch die benachbarten Galeries Lafayette gekauft. Wir entwickeln gerade gemeinsam die historische Friedrichstraße im mittigsten Herzen Berlins – mit der niedrigsten Autobesitzquote Deutschlands – neu. Gemeinsam. Das ist die Quartiersentwicklung der nächsten Generation.
Worauf legt ihr bei der Auswahl eurer Marken besonderen Wert?
Wir kuratieren unser Portfolio nicht wie Discounter oder Mono-Marken-Stores, sondern wie eine wissenschaftliche Fachzeitschrift: Qualität schlägt immer Quantität. Wir suchen nach technischer sowie sozialer Integrität auch in den Lieferketten, Langlebigkeit und Wartungsarmut und einer klaren zeitlosen Designsprache. Wir arbeiten bei Flotten für unsere Kund*innen immer mit einer transparenten Analyse der „Total Cost of Ownership“. Auch im Full Service-Leasing sind wir nur am Anfang wertiger und am Ende deutlich günstiger. Kund*innen wie Design Offices nutzen unsere betreuten Radflotten inzwischen seit zehn Jahren – an 42 Standorten und für mehr als 15.000 Nutzer*innen.
Welche Kriterien erfüllen die Marken Pinion und Tout Terrain für euch?
Wer selbst Reiseradler*in ist und eine ehrliche Entwicklung als Benchmark sucht, der ist bei #Tout Terrain gut aufgehoben. Die beiden Gründer begleiten uns seit unserer Gründung. Und nun kommen wir zum deutschen Ingenieurs-Enthusiasmus, den man ja auch jenseits von Porsche haben darf: #Pinion ist eine für uns im wahrsten Sinne bewegende Antriebstechnik der nächsten Generation. Das gekapselte Getriebe ist die logische Antwort auf den Berliner Winter – wartungsfrei und effizient. Beide Marken verkörpern unser Ideal von „Engineering Made in Germany“.
Werkstatt, Leasing, Service – wie wichtig sind diese Bereiche für euch geworden?
In unserem letzten Buch über die Neuerfindung der Mobilität in Städten haben wir versucht wissenschaftlich zu belegen, dass wir in der Radwirtschaft leider noch immer nicht das Ökosystem von Radmobilität als Service haben. Die Automobil-Wirtschaft ist zumindest da noch immer weit voraus. Provisionsbasierte Dienstrad-Leasing-Plattformen sind da eher weniger die Lösung, sondern urbane und betriebliche Infrastruktur und eben vor allem eine durchgehende Leistungskette für die Nutzenden. Sharing-Anbieter*innen haben das gerade für das Rad nie wirtschaftlich betreiben können – und das liegt an der deutlich höheren Individualisierung beim Radfahren. Väter, die ihre Kinder zur Kita fahren, Frauen, die mit Business-Kleidung würdevoll zur Firma fahren und Handwerkende, die einfach eine passende Lastenradlösung mit Infrastruktur und Wartung brauchen. Das Rad steht am Übergang vom Produkt zur Dienstleistung. Und ja: Unsere Meister-Werkstatt ist dabei das Herzstück: Ohne exzellenten Service bricht jedes Mobilitätsversprechen – sogar bei exzellenten Rädern. In einer digitalen Welt ist die handwerkliche Präzision vom Zentrieren eines Laufrads bis zur mechatronischen Analyse von Akkus und deren Software die ultimative physische Realität.
Wo geht die Reise hin für Berlin und den Handel?
Wir arbeiten im DACH-Raum und haben neben Berlin auch ein Büro in Wien. Da sieht man schnell – nicht nur anhand von Rankings –, dass Berlin in vielen Bereichen noch Aufholbedarf hat. Gleichzeitig hat die Stadt ein enormes Potenzial. Allein der ÖPNV-Takt ist weltweit einer der dichtesten – wenn er funktioniert. Und trotz aller infrastrukturellen Herausforderungen gibt es hier eine starke, lebendige Radkultur. Formate wie die VELOBerlin zeigen genau das: diese Fahrfreude, dieses „am Stau vorbei“. Berlin ist dabei eine ganz eigene Dynamik: schneller, disruptiver, manchmal auch anstrengender – und dazu viermal so groß wie Paris. Städte wie Wien oder Paris setzen stärker auf langfristige, stabile Planungszyklen, etwa in der Mobilität oder beim Wohnungsbau. Genau davon kann Berlin lernen – und das gern auch etwas schneller. Für den Handel erleben wir gerade eine sehr spannende Entwicklung. Unsere Kundschaft ist extrem divers: Vom Anwalt bis zur Zahntechnikerin, von Minister*innen bis zu Manager*innen, von Kindergärtner*innen bis zu Professor*innen – alle sitzen bei uns gemeinsam beim Espresso. Und viele davon sind tatsächlich autolos. Das ist aus Händlersicht ideal: Diese Menschen investieren bewusst in ihre Mobilität – vom Kompakt-Lastenrad über das Gravelbike bis hin zum Early Rider für die Kinder. Autolose Kund*innen sind das Beste, was man sich als Einzelhändler wünschen kann. Sie haben – unabhängig vom Einkommen – oft mehr finanziellen Spielraum für solche Entscheidungen. Und ganz ehrlich: Ich selbst verkaufe mittlerweile kaum noch Räder, weil ich so viel Zeit mit Gesprächen verbringe. Mein Team weist mich da regelmäßig drauf hin – zu Recht. Aber genau das zeigt auch, wie viel gerade passiert und wie relevant das Thema geworden ist.
Vielen Dank!
WE RIDE GmbH
Gießerstraße 18
04229 Leipzig