04.10.2026 | 10:06 Uhr

Wer Heyno kennt, weiß: Stillstand ist nicht so sein Ding. Als wir das erste Mal im Radrevier waren, erzählte er uns von seinem Traum, einen Ort zu schaffen, an dem Menschen nicht nur ihre Fahrräder reparieren lassen, sondern gern Zeit verbringen. Einen Ort für Begegnung, Austausch und Fahrradkultur. Heute, ein paar Jahre später, fühlt sich dieser Traum größer an als je zuvor. Das Radrevier ist umgezogen. Gemeinsam mit der studentischen Selbsthilfewerkstatt Radgeber und dem Verein RADAR e.V. ist in der Emilienstraße 17 ein neuer Begegnungsort entstanden, der professionelle Werkstatt, Selbsthilfewerkstatt und Community unter einem Dach vereint. Dass heute alles so selbstverständlich aussieht, war allerdings alles andere als ein Selbstläufer. „Am 3. Dezember haben wir die Schlüssel bekommen“, erzählt Heyno. „Und Anfang Januar wollten wir eigentlich schon wieder öffnen.“ Dazwischen lagen gerade einmal vier Wochen. Vier Wochen, in denen aus einem ehemaligen Büro mit Sperrmüll, alten Netzwerkleitungen und heruntergekommenen Räumen eine funktionierende Fahrradwerkstatt werden musste. Wände wurden herausgerissen, Stromleitungen neu gezogen, Böden verlegt, Möbel gebaut und zwei komplette Werkstätten zogen um – ausgerechnet zwischen Weihnachten und Neujahr. „Das war wahrscheinlich der beschissenste Monat, den man sich dafür aussuchen konnte“, sagt Heyno und lacht. Zu zweit renovierten sie den Großteil der Räumlichkeiten, bevor kurz vor Weihnachten zahlreiche Freund*innen beim großen Umzug mit anpackten. Bereits Anfang Januar rollten die ersten Räder wieder auf die Montageständer. Schneller als gedacht! Heute wirkt nichts mehr hektisch. Grüne Wände, Holz, sonnige Arbeitsplätze, große Werkbänke und viel Platz zum Ankommen verleihen dem neuen Radrevier genau die Atmosphäre, die Heyno schon immer schaffen wollte.
Mit dem Umzug verändert sich aber nicht nur die Adresse. Erstmals arbeiten Radrevier, Radgeber und RADAR gemeinsam an einem Ort. Studierende können weiterhin in der Selbsthilfewerkstatt eigenständig an ihren Rädern schrauben, während nebenan professionelle Reparaturen angenommen und durchgeführt werden. Zwischen beiden Bereichen verschwimmen die Grenzen ganz bewusst. Hier geht es nicht nur darum, Fahrräder zu reparieren, sondern Wissen weiterzugeben und Menschen für das Schrauben zu begeistern. Auch das Team wächst mit. Inzwischen arbeiten sechs Menschen im Radrevier, perspektivisch sollen es acht bis zehn werden. Für Heyno steht dabei nicht die maximale Auslastung im Mittelpunkt. „Ich lasse auch einfach niemanden mehr 40 Stunden arbeiten“, sagt er. „Ich möchte, dass die Leute genauso viel arbeiten, wie sie arbeiten können und wollen.“ Viel wichtiger als möglichst viele Reparaturen sei für ihn, dass die Menschen gern zur Arbeit kommen. Wer zwischendurch mal auf dem Sofa sitzt, einen Film schaut oder einfach gemeinsam Mittag isst, müsse kein schlechtes Gewissen haben. „Viel Geld kann ich in der Fahrradbranche sowieso nicht bezahlen“, sagt Heyno. „Aber dafür soll es hier Spaß machen.“ Genau diese Philosophie spürt man überall im Laden. Die Werkstatt wirkt offen, entspannt und gleichzeitig hochprofessionell. Niemand hat das Gefühl, schnell wieder gehen zu müssen.
Ein Herzensprojekt ist der neue FLINTA*-Werkstattraum. Er entstand, weil der Wunsch danach aus der Community immer wieder an das #Radrevier herangetragen wurde. Für Heyno ist das keine Marketingidee, sondern eine logische Konsequenz. „Für mich ist das einfach eine sinnvolle Investition in den Feminismus“, sagt er. Der Raum soll Menschen einen geschützten Ort bieten, an dem sie ohne Hemmungen schrauben, lernen und Fragen stellen können. Besonders wichtig ist ihm dabei, möglichst wenig selbst vorzugeben. Welche Werkzeuge fehlen, welche Musik läuft oder was an den Wänden hängt, sollen die Menschen entscheiden, die den Raum später nutzen. „Ich möchte das gar nicht bestimmen“, erzählt er. „Ich baue den Raum so, dass er funktioniert. Alles andere soll gemeinsam wachsen.“ Finanziert wird dieser Raum vom Studierendenwerk Leipzig.
Auch Veranstaltungen sollen künftig wieder einen größeren Platz einnehmen. Schrauber*innenabende, Konzerte, Workshops oder kleine Community-Events – der neue Standort bietet endlich den Raum dafür. Die ersten Ideen gibt es bereits. Ein Musiker, dem das Radrevier bei einer Reparatur geholfen hat, möchte sich mit einem Konzert bedanken. Genau solche spontanen Begegnungen machen den Ort aus. Dabei geht es Heyno und seinem Team gar nicht darum, möglichst groß zu werden. Im Gegenteil. Zu viel Werbung macht das Radrevier bewusst nicht. „Unsere Kapazitäten sind begrenzt“, sagt er. „Wenn uns die Leute die Bude einrennen, funktioniert unser Konzept irgendwann nicht mehr.“ Lieber wachsen sie Schritt für Schritt und behalten genau das bei, was das Radrevier seit Jahren auszeichnet: persönliche Beratung, ehrliches Handwerk und eine Atmosphäre, in der man gern bleibt. Besonders gefreut hat ihn deshalb ein Satz, den Besucher*innen schon wenige Wochen nach dem Umzug gesagt haben: „Ihr seid doch erst seit zwei Monaten hier? Es sieht aus, als wärt ihr schon seit Jahren an diesem Ort.“ Vielleicht ist genau das das schönste Kompliment. Denn das neue #Radrevier wirkt nicht wie ein frisch eröffneter Fahrradladen. Es fühlt sich an wie ein Ort, der schon immer da war – offen, herzlich und voller Menschen, die das Fahrrad als kleinsten gemeinsamen Nenner verstehen. Genau so, wie Heyno es sich damals vorgestellt hat.
Details:
Radrevier
Emilienstraße 17, 04107 Leipzig
+49 341 22708448
Mail: post@radrevier.de
@radrevier
Öffnungszeiten:
Montag–Freitag 10–18 Uhr
Abgabe/Annahme mit Fachgespräch:
Montag-Freitag 10–16 Uhr
Abholung&Bezahlung:
Montag-Freitag 10–18 Uhr
Die Selbsthilfewerkstatt ist nur für Leipziger Studierende nutzbar.
WE RIDE GmbH
Gießerstraße 18
04229 Leipzig