20.10.2026 | 11:27 Uhr

Zurück auf dem Rad. Mit neuen Zielen: Para-Cyclist Leo Heidl

von Anne-Katrin Hutschenreuter

Journal
(c) WE RIDE

In diesem Sommer haben wir Leo das erste Mal getroffen – er erzählt uns, dass er schon Laufrad fahren konnte, bevor er überhaupt richtig laufen gelernt hat. Das Fahrrad begleitet ihn, seit er denken kann. Angefangen hat alles mit BMX und Downhill. Geschwindigkeit, Sprünge, technische Strecken – dort fühlte er sich zu Hause. Bis ein Sturz im Jahr 2021 plötzlich alles veränderte. Bei diesem schweren Unfall kugelte sich Leo die Hüfte aus. Dabei wurden Nerven so stark beschädigt, dass er bis heute unterhalb des linken Knies kein Gefühl mehr hat. Seine Muskulatur bildete sich deutlich zurück, die Hüfte ist instabil. Bewegungen, die vorher selbstverständlich waren, musste er neu lernen. Von außen ist ihm die Verletzung kaum anzusehen. Beim Gehen zieht sein linkes Bein etwas hinterher, auf dem Fahrrad gleicht er vieles über den Oberschenkel, die Wirbelsäule und Bewegungen auf dem Sattel aus. Ein wirklich runder Tritt ist mit dem linken Bein bis heute nicht möglich.

Wie schwerwiegend die Verletzung tatsächlich war, begriff Leo erst nach und nach. Direkt nach dem Sturz dachte er vor allem an das nächste Rennen. Ein gebrochenes Schlüsselbein, ein verletzter Oberschenkel – für ihn waren das zunächst Verletzungen, nach denen man irgendwann wieder aufs Rad steigt. Doch als das Gefühl im Bein nicht zurückkehrte, wurde ihm klar, dass diesmal alles anders war.

Es folgte eine schwierige Zeit. Das Fahrradfahren rückte in weite Ferne, auch psychisch ging es Leo nicht gut. Trotzdem blieb die Verbindung zum Radsport bestehen. Er arbeitete weiterhin in der Fahrradbranche, und die Leidenschaft, die ihn so lange begleitet hatte, ließ ihn nicht los. Irgendwann ermutigte ihn sein Teamleiter, es noch einmal zu versuchen. Es müsse ja nicht gleich wieder Mountainbiken sein. Also stieg Leo wieder aufs Rad. Erst für eine kleine Runde, dann für 50 Kilometer, schließlich für 100. Zwei Wochen später stand bereits wieder ein eigenes Fahrrad bei ihm. Und plötzlich war dieses Gefühl zurück, das er so lange vermisst hatte. Für Leo fühlte es sich nicht einfach wie eine Rückkehr an, sondern wie der Beginn eines neuen Kapitels. Neue Luft, neue Freiheit. Fast so, als würde er zum ersten Mal fliegen.

Eigentlich wollte er zunächst nur wieder aus Freude Fahrrad fahren, ganz ohne Leistungsdruck. Doch der Rennfahrer in ihm war nie wirklich verschwunden. 2024 startete Leo beim Heide Gravel zu seinem ersten Gravel-Rennen. Dank seiner Erfahrung aus dem Downhill-Sport belegte er ohne spezielles Training direkt den zehnten Platz. Dieser Erfolg weckte seinen Ehrgeiz. Leo suchte sich einen Trainer und begann, immer intensiver zu trainieren. 2025 saß er zeitweise 20 Stunden pro Woche auf dem Rad und arbeitete sich Schritt für Schritt nach vorne. Gleichzeitig verlor er seinen Job. Damit hatte er zwar mehr Zeit für den Sport, stand aber auch vor der Frage, wie sich seine sportlichen Ziele langfristig finanzieren lassen. Sponsoren, Unterstützung und ein Arbeitgeber, der seinen Weg mitträgt, sind deshalb bis heute wichtige Themen.

Dass der Para-Radsport überhaupt eine Möglichkeit für ihn sein könnte, wusste Leo lange nicht. Er verband die Paralympics vor allem mit blinden Sportler*innen oder Menschen im Rollstuhl. Erst seine Mutter brachte ihn auf die Idee, sich genauer damit zu beschäftigen. Heute startet Leo in der Klasse C5 und trainiert am paralympischen Stützpunkt in Cottbus. Dort trifft er auf ehemalige Profis, internationale Spitzenathlet*innen und Menschen, die trotz ihrer Verletzungen beeindruckende sportliche Leistungen erbringen. Für ihn ist klar: Hier wird Radsport auf höchstem Niveau betrieben. Inzwischen hat Leo gelernt, zwischen Träumen und Zielen zu unterscheiden. Sein großer Traum sind die Paralympics 2028 in Los Angeles. Auf dem Weg dorthin setzt er sich konkrete Etappen: eine Platzierung unter den besten Zehn bei einem Weltcup, die Aufnahme in den Nationalkader und die Möglichkeit, sich im Para-Radsport einen Namen zu machen.

Doch so wichtig ihm sportliche Erfolge sind, das Fahrrad bedeutet Leo heute weit mehr als Ergebnisse, Platzierungen oder Medaillen. Es ist sein ständiger Begleiter, in guten genauso wie in schwierigen Zeiten. Er hat andere Sportarten ausprobiert, aber nirgendwo dieselbe Verbindung gespürt. Was für andere vielleicht einfach ein Fahrrad mit neuen Bremsscheiben oder schönen Laufrädern ist, hat für ihn eine ganz persönliche Bedeutung. Nach Hause kommen, das eigene Rad anschauen und wissen: Das ist meins. Dieses Gefühl möchte er nicht mehr missen. Gleichzeitig wünscht sich Leo mehr Aufmerksamkeit für den Para-Radsport. Obwohl viel über Inklusion und Vielfalt gesprochen wird, wissen viele Menschen nur wenig über die sportlichen Leistungen, die dort erbracht werden. Dabei gibt es spannende Rennen und Athlet*innen, die auf höchstem Niveau trainieren und gegeneinander antreten.

Leo selbst fährt häufig bei Jedermann-Rennen mit. Wenn andere Teilnehmende im Ziel von seinen Leistungswerten erfahren, sind sie oft beeindruckt. Noch größer ist das Erstaunen, wenn er erzählt, dass bei ihm ein Grad der Behinderung von 30 festgestellt wurde. Seine Einschränkung ist eben nicht auf den ersten Blick sichtbar. Auch deshalb möchte er mit seiner Geschichte etwas bewegen. Er möchte zeigen, was im Para-Radsport möglich ist, für mehr Sichtbarkeit sorgen und Menschen ermutigen, ihre Leidenschaft trotz körperlicher Einschränkungen nicht aufzugeben. Ob sein Weg ihn tatsächlich zu den Paralympics nach Los Angeles führt, wird sich zeigen. Doch eines hat Leo schon jetzt erreicht: Er hat zurückgefunden zu etwas, das er nach seinem Unfall verloren glaubte. Das Fahrrad hat ihm ein Stück Freiheit zurückgegeben. Und dafür ist er bis heute dankbar.

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