13.09.2026 | 16:47 Uhr

Wie können Städte gerechter, inklusiver und lebenswerter werden? Darüber sprechen wir mit dem Team von urban.policy. Im Interview geht es um gendergerechte Stadtplanung, mutige Reallabore und die Frage, warum nachhaltige Mobilität weit mehr ist als neue Radwege. Ein Gespräch über Teilhabe, Gestaltungsmacht und die Frage: Für wen machen wir eigentlich Stadt?
Zoe im Interview mit urban.policy
Hallo ihr Lieben, mögt ihr euch und eure Arbeit kurz vorstellen?
Wir sind urban.policy, ein Berliner Planungs- und Beratungsbüro mit Schwerpunkt auf inklusiver, partizipativer und gendergerechter Stadtentwicklung. Dabei betrachten wir Stadt- und Mobilitätsplanung aus einer intersektionalen Perspektive und unterstützen Kommunen, Organisationen sowie Unternehmen bei der Entwicklung gerechter und zukunftsfähiger Strukturen. Neben wissenschaftlichen Studien gehören Workshops, Beteiligungsformate und Fortbildungen zu unserer Arbeit. Unser Ziel ist es, Veränderungen anzustoßen und nachhaltige Transformationen in der Stadt- und Mobilitätsplanung aktiv zu begleiten.
Kurz erklärt: Was ist Stadtplanung und warum ist sie nicht neutral?
Stadtplanung meint unter anderem die Gestaltung von Städten und Gemeinden – also die Planung von Gebäuden, Infrastrukturen, Grünflächen und Verkehrswegen. Lange Zeit wurde sie vor allem von Männern* geprägt, die dabei meist von ihrer eigenen Lebensrealität ausgingen. Dabei galt die Perspektive körperlich gesunder, weißer, heterosexueller Cis-Männer als allgemeingültig – und damit vermeintlich neutral. Doch Stadtplanung ist nicht neutral. Sie spiegelt Annahmen wider, die oft unbewusst getroffen wurden – und führt dazu, dass die Bedürfnisse von Frauen*, Kindern, älteren Menschen und anderen marginalisierten Gruppen übersehen oder nicht mitgedacht werden. Denn Menschen bewegen sich unterschiedlich durch den Stadtraum, sie erleben ihn verschieden – je nach Alter, Geschlecht, Herkunft, Einkommen oder körperlicher Verfassung. Wer Städte gerecht gestalten will, muss genau diese Vielfalt an Erfahrungen und Bedürfnissen mitdenken.
Wie unterschiedlich bewegen sich eigentlich Frauen und Männer in der Stadt?
Es lassen sich deutliche Unterschiede erkennen, auch wenn Mobilitätsmuster natürlich individuell unterschiedlich sein können. Typisch männlich sozialisierte Mobilität heißt oft: lange, lineare Wege – morgens zur Arbeit, abends zurück, meist mit dem Auto. Darauf ist auch vieles in unserer Infrastruktur ausgelegt: Pendelachsen, breite Straßen, Radschnellwege. Frauen* hingegen bewegen sich oft in Form sogenannter „Wegeketten“ – das heißt, sie verbinden mehrere kurze Wege miteinander. Also: Kind zur Schule bringen, zum Arzt, zur Arbeit, danach noch einkaufen und später das Kind zum Sport begleiten. Das hängt natürlich stark mit der nach wie vor ungleich verteilten Sorgearbeit zusammen. Diese komplexen Alltagswege erfordern andere Bedingungen: flexible Umstiegsmöglichkeiten, verlässlichen ÖPNV, sichere Radwege gerade auch in Wohngebieten. Und das wird oft nicht ausreichend mitgedacht – weil der Fokus in der Planung meist auf den klassischen „9-to-5“-Pendlerstrecken liegt. Dabei zeigen Studien ganz klar: Frauen gehen häufiger zu Fuß, fahren mehr mit dem Rad oder nutzen öfter den ÖPNV – einfach, weil es besser in ihren Alltag passt. Aber nur, wenn die Infrastruktur es auch hergibt.
“Wir müssen Mobilität aus unterschiedlichen Perspektiven denken. Wenn wir weiterhin nur den einen Lebensentwurf im Blick haben, schaffen wir keine Stadt für alle.”
Spürt ihr in eurer Arbeit aktuell Gegenwind – politisch oder gesellschaftlich?
Ja, durchaus. Gerade in einigen Regionen wird es schwieriger, mit Begriffen wie Gender oder Intersektionalität zu arbeiten. Oft erreichen wir Menschen besser, wenn wir stattdessen über eine „Stadt für alle“ oder „Mobilität für alle“ sprechen. Gleichzeitig erleben wir Rückschritte durch gekürzte Fördermittel und eine insgesamt kritischere Debatte rund um Klima-, Mobilitäts- und Gesellschaftsthemen. Es gibt weiterhin viele engagierte Initiativen und Akteur*innen, die Mut machen. Insgesamt braucht es heute aber mehr Überzeugungsarbeit und Ausdauer, um Veränderungen voranzubringen.
Wie kommuniziert ihr Themen wie gendergerechte Stadtplanung in Kommunen, in denen diese Begriffe kritisch gesehen werden?
Wir zeigen vor allem, welchen konkreten Nutzen unsere Ansätze für alle Menschen haben. Dabei geht es nicht um Einschränkungen, sondern um mehr Teilhabe und Lebensqualität. Wenn bestimmte Begriffe auf Widerstand stoßen, sprechen wir eher von einer „Stadt für alle“. Wichtig ist am Ende nicht die Überschrift, sondern die Wirkung. Viele Maßnahmen, etwa abgesenkte Bordsteine oder besserer Hitzeschutz, kommen schließlich ganz unterschiedlichen Gruppen zugute und machen Städte insgesamt lebenswerter.
Plant ihr als Büro auch konkrete Orte und Räume, die später gebaut oder umgestaltet werden?
Nein, wir sind kein klassisches Planungsbüro. Wir entwerfen keine Räume, sondern entwickeln Handlungsempfehlungen – häufig auf Basis partizipativer Prozesse. Gemeinsam mit Betroffenen analysieren wir Orte, identifizieren Herausforderungen und erarbeiten konkrete Vorschläge für mehr Sicherheit, Zugänglichkeit und Aufenthaltsqualität. Das reicht von kleinen baulichen Maßnahmen bis hin zu strukturellen oder kommunikativen Veränderungen.
Wie geht ihr damit um, dass neue Maßnahmen nicht immer sofort angenommen werden oder sich Orte nicht direkt wie erhofft verändern?
Veränderungen im öffentlichen Raum brauchen Zeit. Erfahrungen aus Forschung und Praxis zeigen, dass die Akzeptanz neuer Maßnahmen häufig steigt, sobald Menschen diese selbst erleben können. Gerade bei Projekten wie autofreien Straßen oder veränderten Verkehrsführungen gibt es anfangs oft Skepsis. Werden die Vorteile jedoch im Alltag spürbar, verändert sich die Wahrnehmung vieler Beteiligter häufig deutlich. Deshalb sind Modellprojekte und Reallabore wertvolle Instrumente. Sie ermöglichen es, neue Ansätze auszuprobieren, Erfahrungen zu sammeln und gemeinsam zu bewerten, was funktioniert und was nicht. Wichtig ist dabei eine transparente Kommunikation. Wenn von Anfang an klar ist, dass etwas getestet und anschließend gemeinsam ausgewertet wird, schafft das Vertrauen und eröffnet Raum für Lernen und Weiterentwicklung. So können Veränderungen Schritt für Schritt wachsen und langfristig Akzeptanz finden.
Warum ist das Fahrrad für euch ein Verkehrsmittel der Zukunft?
Für uns ist das Fahrrad eines der wichtigsten Verkehrsmittel der Zukunft, weil es viele gesellschaftliche Herausforderungen gleichzeitig adressiert. Es benötigt wenig Platz, verursacht keine direkten Emissionen und ist ressourcenschonend in Herstellung und Nutzung. Gerade in wachsenden Städten bietet das Fahrrad enormes Potenzial, Mobilität effizient und nachhaltig zu gestalten. Hinzu kommt seine Zugänglichkeit: Viele Menschen können unabhängig von Alter, Einkommen oder Führerscheinbesitz Fahrrad fahren. Die laufenden Kosten sind vergleichsweise gering, Wege lassen sich flexibel zurücklegen und im urbanen Raum ist das Fahrrad oft sogar die schnellste Option. Gleichzeitig verbindet das Fahrrad individuelle Freiheit mit gesellschaftlichem Nutzen. Es fördert Gesundheit, stärkt die Lebensqualität und trägt dazu bei, Städte lebenswerter zu machen. Für uns steht deshalb fest: Wer über die Mobilität der Zukunft spricht, kommt am Fahrrad nicht vorbei.
Und trotzdem fahren nicht alle Rad – woran liegt das?
Weil es eben nicht für alle zugänglich ist. Wir kennen viele Leute, insbesondere Frauen, die sagen: „Ich traue mich nicht, in Berlin Fahrrad zu fahren.“ Und ich verstehe das vollkommen – es kann sehr gefährlich sein. Deshalb ist es mir wichtig zu sagen: Ich will das Fahrrad nicht glorifizieren. Es hat enormes Potenzial – aber um dieses Potenzial zu entfalten, braucht es politische Veränderungen. Erst wenn die Infrastruktur sicher ist und die Bedingungen stimmen, wird das Fahrrad wirklich für alle zu einer echten Alternative. Da ist noch einiges zu tun.
Was braucht die Stadt der Zukunft und wo stehen wir heute?
Viele Städte sind noch immer stark auf das Auto ausgerichtet und orientieren sich an Lebensrealitäten, die längst nicht mehr die Vielfalt unserer Gesellschaft widerspiegeln. Die Stadt der Zukunft muss deshalb gerechter, inklusiver und klimagerechter gedacht werden. Für uns bedeutet das, Mobilität immer im Zusammenhang mit dem Alltag der Menschen zu betrachten: Wie erreichen wir Arbeit, Schule, Einkaufsmöglichkeiten, Gesundheitsangebote oder soziale Treffpunkte? Welche Wege legen unterschiedliche Menschen täglich zurück? Eine zukunftsfähige Stadt berücksichtigt diese vielfältigen Bedürfnisse und schafft Räume, in denen sich alle sicher, willkommen und gut unterwegs fühlen können.
Vielen Dank!
Weitere Informationen:
Was bedeutet gendergerechte Stadtplanung und woran merkt man, dass sie fehlt?
Gendergerechte Stadtplanung stellt die Frage: Für wen ist dieser Ort gemacht und wer wird übersehen? Ziel ist es, Städte so zu gestalten, dass sie für alle Menschen lebenswert sind – für FLINTA*, Kinder, ältere Menschen, BIPoC, Menschen mit Behinderung und andere marginalisierte Gruppen.
Woran merkt man, dass sie fehlt?
In vielen Städten zeigt sich: Planung orientierte sich lange an den Bedürfnissen weißer, berufstätiger Cis-Männer – erkennbar an breiten Autostraßen, der Trennung von Wohnen und Arbeiten, fehlender Aufenthaltsqualität oder mangelhafter Barrierefreiheit.
Typische Beispiele für fehlende gendergerechte Planung sind:
Und was bringt gendergerechte Stadtentwicklung?
Mehr Sicherheit, bessere Zugänglichkeit, höhere Lebensqualität – für alle. Sie ist kein Sonderweg, sondern ein Werkzeug, das Städte gerechter, sozialer und zukunftsfähiger macht.
Was Städte jetzt tun können:
Konkrete Maßnahmen für mehr Sicherheit im öffentlichen Raum
WE RIDE GmbH
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04229 Leipzig